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Den Vögeln lauschen : Storchenparty auf der Mülldeponie

  • -Aktualisiert am

Storch-Junggesellen treffen sich täglich auf ihrer Partymeile, der Mülldeponie Büttelborn. Bild: dpa

Der Ornithologe Bernd Petri belauscht Vögel im Hessischen Ried. Kraniche sind ein untrügliches Zeichen für viele Insekten. Und wenn Petri kicherähnliche Laute hört, weiß er sofort Bescheid.

          In seinem Safari-Outfit samt braunem Fedora-Hut erinnert der Mann an Indiana Jones. Doch statt nach legendären Reliquien im Urwald zu suchen, belauscht der Ornithologe Bernd Petri im Hessischen Ried seltene Vögel. Besonders viele hört er im Naturschutz-, Naherholungs- und EU-Vogelschutzgebiet Bruchwiesen in Büttelborn, denn dort wurden bisher 120 unterschiedliche Brutvögel kartiert – die höchste Artenzahl in Hessen, wie er sagt. Dazu zählen Schilfrohrsänger, Goldammer, Kiebitze, Schwarzkehlchen, auffallend gelb gefiederte afrikanische Pirole, die ihre Nester gern in hohen Bäumen bauen, und bunt schillernde Eisvögel, die in den Wurzeltellern umgestürzter Bäume brüten. Kuckucke dagegen, die ebenfalls zu den gefährdeten Arten zählen, lassen andere ihre Eier ausbrüten.

          Petri schaltet seinen Rekorder an, aus dem trällernde, kicherähnliche Laute kommen. „Das ist ein Kuckucksweibchen.“ Weniger als eine Minute später kommen gleich fünf Kuckucksmännchen angeflogen, was selbst den Vogelkundler erstaunt. Seit 50 Jahren organisiert der Naturschutzbund (Nabu) Büttelborn Vogelstimmenwanderungen, auch in anderen Gegenden des Kreises. Die Teilnehmer sind begeistert, wenn Petri Gezwitscher übersetzt: „Hildegard, Hildegard, Hildegard, sieh mal hier, sieh mal hier, sieh mal hier!“ – das rufe die Singdrossel, und die Goldammer singe: „Wie, wie, wie hab ich die liiiieb!“

          Naturschutzgebiet seit 1997

          1997 wurden die Bruchwiesen nach Einsatz von Umweltschutzverbänden Naturschutzgebiet. Seit 2004 haben sie das Prädikat des EU-Vogelschutzgebiets und dienen dem Schutz des europäischen Naturerbes. In diesem Jahr will der Nabu Büttelborn sechs Hektar Land auf den Bruchwiesen kaufen, das noch im Eigentum von Landwirten ist

          Das Grundwasser im Naturschutzgebiet ist wieder gestiegen, das Gebiet konnte sich erholen, wie Petri erläutert. Insekten und andere Tiere hätten das bemerkt. So stehen Kraniche in sicherer Entfernung vor Füchsen auf nassen Wiesen, und unzählige Spinnennetze glitzern in der Sonne. Das sei ein untrügliches Zeichen dafür, dass es dort sehr viele Insekten gebe. Auch seltene Pflanzen wie das breitblättriges Knabenkraut oder Märzenbecher blühen, und mittlerweile gibt es am Landgraben Spuren eines „Büttelborner Bibers“. Dort in der Altneckarschleife liegt mit mehr als 200 Paaren außerdem das am dichtesten besiedelte Storchengebiet Europas. „Der Storch ist ein Nahrungsopportunist, und die Junggesellen treffen sich täglich auf ihrer Partymeile, der Mülldeponie Büttelborn.“

          Abhörspezialist: Bernd Petri begibt sich mit seinem Richtmikrophon auf akustische Spurensuche.

          Ein wahrer Star auf den Bruchwiesen ist der vom Aussterben bedrohte Wachtelkönig. Wer ein knarrendes „Rerrp-Rerrp“ höre und glaube, ein Holzstöckchen kratze über grobe Zähne eines Kamms, könne davon ausgehen, dass solch ein Tier in der Nähe sei, sagt Ornithologe Petri. Und wer tagsüber ein klagendes, schrilles und langgezogenes „Wiieeh“ höre, könne damit rechnen, einen Rotmilan zu hören, der vielleicht gerade mit einem anderen Greifvogel um Beute zanke. „60 Prozent des Weltbestands der Rotmilane brütet in Deutschland und eben auch in Büttelborn“, sagt Petri stolz. Ende Juni könne man in der Dämmerung 70 bis 80 Schwarzmilane beobachten, die von der Mülldeponie auf die Bruchwiesen flögen und sich dort auf einer Reihe abgestorbener Erlen niederließen.

          Als der Neckar durch das Hessische Ried floss

          Noch vor etwa 10.000 Jahren floss der Neckar durch das Hessische Ried, direkt an Büttelborn vorbei, wie Petri sagt. Die Niedermoore seien durch den verlandeten Flusslauf entstanden. Immer noch sei das Altneckarbett in weiten Teilen als Vertiefung im Gelände nachzuvollziehen. Schon immer hätten sich Menschen gewünscht, Moore in landwirtschaftliche Nutzfläche umzuwandeln.

          Tüpfelsumpfhuhn brütet auf den nassen Bruchwiesen.

          Die künstliche Anlage des Landgrabens im 15. Jahrhundert und der Generalkulturplan Hessisches Ried 1929 sollten das Sumpfgebiet entwässern. Ohne wirklichen Erfolg. „Ältere Büttelborner erinnern sich noch heute, dass die Wiesen früher im Winter regelmäßig so nass waren, dass man darauf Schlittschuh laufen konnte“, sagt Bernd Petri. Skurril sei es auch, wenn Architekten in einer Gemarkung namens „Im Teich“ Häuser bauten und sich dann über Wasser im Keller wunderten.

          Petri hebt die große Bedeutung der Bruchwiesen für das Klima hervor. „Moorböden speichern viel mehr Kohlenstoffdioxid als Wälder. Ein Hektar trockengelegtes Moor setzt 65.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid frei.“ Nach Schätzungen speicherten alle Moore der Welt etwa ein Drittel der irdischen Vorräte an Kohlenstoff – dabei bedeckten sie nur rund drei Prozent der Landfläche.

          Ein scharfes „Quitt, Quitt, Quitt“ ist zu hören

          Auch das scheue und vom Aussterben bedrohte Tüpfelsumpfhuhn brütet auf den nassen Bruchwiesen. Seine Anwesenheit verrate in der Dämmerung ein scharfes „Quitt, Quitt, Quitt“, das die ganze Nacht hindurch anhalte, erläutert der Ornithologe. Wer überdies glaube, dort nachts ein Schwein grunzen zu hören, vernehme tatsächlich die 28 Zentimeter große Wasserralle, die sich mit ihrem langen roten Schnabel und dem braunen Rücken im dichten Röhricht versteckt halte. Und auch wer in der Abenddämmerung ein Meckern am Himmel höre, könne sicher sein, dass er keine fliegende Ziege sehe, sondern einen langschnäbligen Schnepfenvogel namens Bekassine; der steht in Deutschland auf der Roten Liste.

          Einer der seltensten Brutvögel Mitteleuropas, das Zwergsumpfhuhn, lebt seit einigen Jahren ebenfalls wieder in den Bruchwiesen. Das hellbraun gefiederte Tierchen mit leuchtend roten Augen galt in Hessen seit mehr als 100 Jahren als ausgestorben. Wenn es zu dämmern beginnt, ertönt ein knatterndes Schnarren, wie Petri berichtet. „Ist anschließend ein ,Tschrrr‘ zu hören, hat ein männliches Zwergsumpfhuhn ein passendes Weibchen gefunden.“

          Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.nabu-buettelborn.de.

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