https://www.faz.net/-gzg-9vd5x

Offenbacher Capitol : Orchestergründer als Kulturamtsleiter

Rotes Sofa: Ralph Philipp Ziegler auf der Bühne des Capitols Bild: Helmut Fricke

Im Offenbacher Capitol moderiert Kulturamtsleiter Ralph Philipp Ziegler Konzerte des von ihm gegründeten Orchesters. Das ist in der Kombination wohl in Deutschland einzigartig.

          3 Min.

          Dass ein Kulturamtsleiter regelmäßig im Frack auf einem roten Sofa Platz nimmt, um klassische Konzerte eines Sinfonieorchesters zu moderieren, das er selbst gegründet hat und künstlerisch leitet, auf der Bühne zudem überaus kenntnisreich wirkt und mit dem richtigen Draht zum heimischen Publikum versehen ist, dürfte in Deutschland ziemlich einzigartig sein. Die Rede ist von Ralph Philipp Ziegler, der im Offenbacher Capitol erfolgreich die Reihe „Classic Lounge“ etabliert hat.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bespielt wird sie von dem 2018 formierten, nach seinem Sitz und Hauptauftrittsort benannten Capitol Symphonie Orchester. Von den 860 Plätzen des Capitols seien inzwischen gut 500 mit Abonnenten besetzt, sagt der promovierte Musikwissenschaftler, der als Seiteneinsteiger in die Offenbacher Stadtverwaltung kam und die ungewöhnlichen Konzertprogramme, die Populäres und Unbekanntes, Stummfilmmusik und Mischformen verknüpfen, selbst zusammenstellt.

          Um die wechselhafte Geschichte des neoklassizistischen Gebäudes, das von 1913 bis 1916 als Reformsynagoge der jüdischen Gemeinde errichtet und von den Nazis in der Pogromnacht 1938 bewusst nur so weit verwüstet wurde, dass es anschließend zum Stadttheater und Großkino umgebaut werden konnte, weiß Ziegler dabei gut. Kürzlich hat er ein 38 Seiten umfassendes Buch veröffentlicht, das unter dem Titel „Ton und Atmosphäre“ die Geschichte der Orgeln des Capitols behandelt und Einblicke in die Geschichte des Gebäudes sowie der Stadt gibt.

          Hobby-Organist

          Als Hobby-Organist hat Ziegler sich auch dafür eingesetzt, dass digitale Samples eines mit der ursprünglichen Synagogenorgel der Firma Walcker verwandten Instruments an einen Spieltisch der Firma Klais aus dem Jahr 1956 gekoppelt wurden. So kann bei Konzerten nun, dank der Förderung durch die Dr.-Marschner-Stiftung, ein Eindruck vom Klang der Synagogenorgel gegeben werden, die später zur Kino- und Farborgel umgebaut wurde. Wenn Ziegler über diese Themen spricht, wird schnell deutlich, dass ihm das Capitol, das in den neunziger Jahren als Spielort der Rockoper „Tommy“ diente, dann zur Edel-Disko im Hollywood-Stil umgebaut wurde und nun in der Regie der Stadt für Veranstaltungen genutzt wird, sehr am Herzen liegt.

          Geboren wurde er 1971 in Bad Orb. Er sieht sich als Kind der Region und hat, nach einem Studium der Musikwissenschaft an der Frankfurter Goethe-Universität, zur oft belächelten Nachbarstadt der Metropole ein inniges Verhältnis entwickelt. Die Spielräume für die kulturellen Einrichtungen seien hier in den vergangenen Jahren wieder gewachsen, sagt er, nachdem der Tiefpunkt der städtischen Kulturfinanzierung in den Neunzigern erreicht worden sei.

          Orchester mit Sarah Brightman

          Wie aber kam er in die Verwaltung? Ursprünglich habe er Journalist werden wollen, erzählt er. Doch habe er angesichts der Stellenkürzungen bei vielen Zeitungen von diesem Wunsch wieder Abstand genommen und kurzerhand zugesagt, als eine Frankfurter Konzertagentur ihn fragte, ob er ein Orchester zusammenstellen könne, das die Sängerin Sarah Brightman auf einer Tournee begleiten sollte. Ziegler hatte zu dieser Zeit schon Orchesterprojekte bewerkstelligt. So kam es zusammen mit dem Kulturmanager Dirk Eisermann als Mitgesellschafter 1999 zur Gründung der Neuen Philharmonie Frankfurt in Form einer GmbH. Das Crossover-Orchester war danach sehr erfolgreich unterwegs, begleitete unter anderem Deep Purple, David Garrett und Peter Gabriel und bestritt 50 bis 60 Konzerte im Jahr.

          2005 machte der damalige Offenbacher Oberbürgermeister Gerhard Grandke dann das Angebot, die Neue Philharmonie, die auch in Offenbach gastiert hatte, könne ihren Sitz im Capitol nehmen, dort proben und auftreten. Zu dieser Zeit hatte Ziegler schon ein Aufbaustudium für Kulturmanagement in Weimar absolviert und dort eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent bekommen. Von 2007 an war er zunächst beratend für das Offenbacher Amt für Kultur- und Sportmanagement tätig, ehe er sich im Jahr darauf erfolgreich auf die Stelle des Leiters der in Offenbach in eigenständige Ämter untergliederten Kulturadministration bewarb.

          Den Reiz seiner Tätigkeit sieht er in ihrer Vielfalt und besonders in den inhaltlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Zum 200. Geburtstag von Jacques Offenbach entwarf das Amt für Kulturmanagement im vergangenen Jahr ein umfangreiches Programm samt zeitgenössischer Musiktheaterproduktion. Unterstützung dafür kam vom Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main, dem die Stadt seit Beginn des neuen Jahres fest angehört. Am „Teamspiel“ in der Region und in Hessen sei er sehr interessiert, sagt Ziegler. Das gilt auch für das knapp zwei Jahre alte Capitol Symphonie Orchester, das aus vielen Mitgliedern der von Eisermann seit 2018 allein weitergeführten Neuen Philharmonie besteht. Bislang 15 Konzerte des Capitol Symphonie Orchesters sind nach Zieglers Angaben in diesem Jahr vorgesehen, sechs oder sieben von ihnen in der „Classic Lounge“ im Offenbacher Capitol.

          Capitol Symphonie Orchester

          Das nächste von Ziegler moderierte Konzert des Capitol Symphonie Orchesters leitet der Orgel-Solist und Dirigent Wayne Marshall am 8.März von 17 anim Offenbacher Capitol.

          Weitere Themen

          Liebe ohne Rücksicht

          „Tristan und Isolde“ : Liebe ohne Rücksicht

          Dieser besondere Sog: Regisseurin Katharina Thoma und Generalmusikdirektor Sebastian Weigle sprechen über „Tristan und Isolde“. Jetzt ist Premiere in Frankfurt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.