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Operette in Frankfurt : Wenn Derwische Schuhplattler tanzen

  • -Aktualisiert am

Orientalisches Alpenidyll: Im Weißen Rössl hat man sich auf die neuen Stammgäste aus den Golfstaaten eingerichtet. Bild: Rebekka Waitz

Willy Praml zeigt in der Naxoshalle in Frankfurt seine verrückte Operetten-Travestie „Im arabischen Rössl“. Dabei wagt sich der Theatermacher an eine wunderbare Umdeutung.

          Die 1930 im Berliner Großen Schauspielhaus, dem heutigen Friedrichstadt-Palast, uraufgeführte Operette „Im Weißen Rössl“ von Ralph Benatzky und anderen zählt nicht nur zu den spätesten Vertretern des Genres, sondern ist mit ihren zahllosen zu Evergreens gewordenen Liedern auch eine der erfolgreichsten. Schlager wie „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?“, „Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein“ oder „Es muss was Wunderbares sein“ lebten auch außerhalb der ohnehin äußerst verzichtbaren Handlung weiter.

          Tatsächlich, das „Weiße Rössl“ ist „nicht totzukriegen“, wie Willy Praml zur Begrüßung des Premierenpublikums in der Naxoshalle in Frankfurt sagte. Er äußerte sich auch optimistisch zu den nun anstehenden Gesprächen über die notwendigen Maßnahmen, die den Betrieb in der Naxoshalle unter Einhaltung der Brandschutzverordnung künftig ermöglichen sollen. Niemand wolle das Ende des erfolgreichen Theaters, alle seien guten Willens. Und in der Tat zeigte auch diese erste Theaterpremiere im neuen Jahr, dass man ein Theater wie das von Willy Praml erfinden müsste, wenn es nicht bereits existierte.

          Köstliche Umdichtung

          Denn die wunderbare Umfirmierung des einstmals österreichischen Gasthauses am Wolfgangsee in eine durch und durch orientalische Luxusherberge ist ein köstlicher Einfall, der zu immer neuen Konstellationen und höchst amüsanten Umdichtungen der bekannten Lieder führt. „Im Arabischen Rössl“ heißen Hotel und Singspiel nun, und wo früher Kaiserschmarrn und Wiener Schnitzel serviert wurden, versucht die engagierte Hoteltruppe nun, die nicht mehr ganz frischen Falafeln an den zahlenden Gast zu bringen.

          Die Rösslwirtin Josepha Vogelhuber nennt sich nach der Konversion Laila Bint Aladin (Birgit Heuser), und statt deutscher Wirtschaftsmagnaten steigen nun betuchte Araber wie der Ölmilliardär Abdullah Al Opec (Muawia Harb) nebst Töchterchen Fatima (Judith Speckmaier) oder der Rechtsanwalt Ali Kadi (Ramo Ali) im „Rössl“ ab, der schöne Sigismund Sülzheimer steht der „Alternativen Energieversorgung Essen an der Ruhr“ vor. Die Zeiten haben sich gründlich geändert, geblieben ist nur die verzweifelte Liebe des Oberkellners Leopold (Jakob Gail) zu seiner Chefin Josepha, die aber nicht mehr auf diesen Namen hören will und ihrerseits nur Augen für den feurigen Ali Kadi hat.

          Tief und hemmungslos

          Allein die Namensgebung zeigt, dass Willy Praml hier tief und hemmungslos in die Jux-Kiste gegriffen hat, und viele Späße dieses Abends funktionieren so gut, da sie mit dem Aufeinanderprallen von Klischees spielen. Das beginnt schon bei den verrückten Kostümen, die Paula Kern sich ausgedacht hat. Lederhosen mit orientalischen Applikationen gehören ebenso dazu wie ein Fez mit Gamsbart und höchst raffinierte Abendland-Morgenland-Crossover-Dirndl. Da macht das Zuschauen allein schon deshalb Vergnügen, und wenn die arabischen Piccolos einmal als ekstatisch tanzende Derwische agieren und kurz darauf einen zünftigen Schuhplattler hinlegen, ist das Publikum zu Recht aus dem Häuschen. Und wenn dann die „Hohe Frau“ Europas, Angela Merkel, das Hotel besucht und alle ihr huldigen, erreicht der mit vielen Anspielungen auf die politische Gegenwart durchsetzte Abend seinen Höhepunkt.

          Willy Pramls gelungene Operetten-Travestie im deutsch-arabischen Sprachmix hat nur einen einzigen Haken: Mit fast drei Stunden ist der Abend doch ein wenig zu lang. Trotz der vielen Songs, die hier durch die fünfköpfige Combo (Musikalische Leitung Martin Lejeune) ebenfalls in orientalischem Sound erklingen, trägt der dünne Handlungsfaden dann leider doch nicht bis ganz zum Schluss. Im zweiten Teil nach der Pause gerät auch das Spiel mit den parodistischen Kontrasten an seine Grenze, hier wäre weniger tatsächlich mehr gewesen. Am Ende feierte das Premierenpublikum aber verdientermaßen Willy Praml und sein großes deutsch-arabisches Schauspieler- und Musikerensemble.

          „Im arabischen Rössl“

          Nächste Aufführungen am 26. Januar von 19.30 Uhr an und am 27. Januar von 18 Uhr an. Weitere Aufführungen im Februar und im März.

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