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Staatstheater Wiesbaden : Erotik und Liebesleid

Die Dame vom See: Die italienische Oper wird im Staatstheater Wiesbaden aufgeführt. Bild: Alan Humerose, Opéra de Lausann

Rossinis „La donna del lago“ ist in der opulenten Inszenierung von Max Emanuel Cenčić in Wiesbaden zu erleben. Mit der erstmalig im Jahr 1819 in Neapel aufgeführten Opera seria wurde ein ganzer Modetrend in Gang gesetzt.

          Die Oper Frankfurt geht mit gutem Beispiel voran. So gibt es in der kommenden Spielzeit gleich drei, sonst selten und in Frankfurt noch nie aufgeführte Bühnenwerke von Gioachino Rossini zu sehen: „Otello“, eine wenig bekannte Adaption des in der späteren Vertonung Giuseppe Verdis indes häufig gespielten Shakespeare-Dramas, „Bianca e Falliero“, eine Art „Romeo und Julia“Geschichte, und „La gazzetta“, eine musikalische Komödie, die zwischen den beiden Genre-Hits „Il barbiere di Siviglia“ und „La cenerentola“ in Vergessenheit geriet. Durch diese beiden populären Werke bringt man Rossini heutzutage und hierzulande im Grunde überhaupt nur mit der Buffo-Oper in Verbindung. Denn auch von seiner Schiller-Oper „Wilhelm Tell“ ist nicht viel mehr als die Ouvertüre ins allgemeine Bewusstsein gelangt. Dabei hat Rossini, der von seinen Zeitgenossen als so witzig-charmant wie gebildet beschrieben wird, in den zwei intensiven Schaffensdekaden seines Lebens 39 Opern geschrieben – bei weitem nicht nur komische.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Damit ist allerdings schon klar, dass er ständig unter Zeitdruck komponierte. Zugleich prägte er in seiner hohen Produktivität die Oper damals wie kaum ein Zweiter. Mit der 1819, vor zweihundert Jahren, in Neapel aufgeführten Opera seria „La donna del lago“ setzte er einen ganzen Modetrend in Gang. Denn es war die erste italienische Oper, die auf einer Vorlage von Walter Scott beruhte. Der schottische Autor wiederum prägte mit seinen vielgelesenen historischen Romanen die Epoche der Romantik entscheidend. So folgten andere Komponisten Rossinis Beispiel, darunter Gaetano Donizetti, dessen „Lucia di Lammermoor“ die bekannteste italienische Oper nach einer Vorlage Scotts ist und wie „La donna del lago“ im Schottland des 16. Jahrhunderts spielt.

          Zum Gold des Staatstheaters Wiesbaden passend

          Wer nun das einmalige Gastspiel von „La donna del lago“ in der im Vorjahr entstandenen Koproduktion der Opéra Lausanne und des Nationaltheaters Zagreb bei den Internationalen Maifestspielen im Staatstheater Wiesbaden sieht, kann die Beziehung zwischen diesen beiden Stücken sicher gut erkennen. Denn gerade in der Inszenierung von Max Emanuel Cenčić erscheint „The Lady of the Lake“ gewissermaßen als eine Spielart der „umnachteten“ Lucia, deren „Wahnsinnsarie“ doch dank all den Primadonnen von Maria Callas bis Anna Netrebko zu einem Hit des Belcanto avancierte. Cenčić zeigt Rossinis Titelfigur Elena nämlich anfangs, wie sie sich „in einen Roman vertieft, aus dem Sessel ihres großbürgerlichen Salons in ein goldgerahmtes Monumentalgemälde voller Natur, Erotik, Liebesleid und Gefühlsverwirrung“ hineinträumt, wie es im Programm der Maifestspiele heißt.

          Die schöne Elena, die demnach wie Lucia der Realität entflieht, sieht sich so in einem opulenten und zum Gold des Staatstheaters Wiesbaden sicher gut passenden Bühnenbild gleich zwischen drei Männern. Da ist zunächst Giacomo, der König von Schottland, der sich als Ritter Uberto ausgibt, um der Geliebten näher zu kommen, dann aber auch Rodrigo, ein antiroyalistischer Hochländer, den Elenas Vaters für sie zur Heirat ausgesucht hat. Und schließlich gibt es noch Malcolm, den wahren Geliebten Elenas, der zu Rodrigos Aufständischen gehört. Um es abzukürzen: Rodrigo fällt im Kampf, und der König gibt dem Liebespaar am Ende seinen Segen.

          Cenčić selbst schlüpft in seiner Inszenierung, die im April 2018 in Lausanne Premiere hatte, in die Rolle des guten Malcolm. Das ist höchst ungewöhnlich, denn eigentlich ist das eine Hosenrolle, gedacht für eine Mezzosopranistin. In genau dieser Stimmlage bewegt sich allerdings der renommierte Countertenor. Anders als zunächst angekündigt, wird an seiner Seite in der Titelpartie nicht die Russin Lena Belkina singen, sondern Nian Wang, die seit der Premiere mit der Produktion vertraut ist. Ein Wiedersehen gibt es mit dem früheren Frankfurter Ensemblemitglied Daniel Behle als Giacomo alias Uberto. George Petrou leitet Chor und Orchester des Nationaltheaters Zagreb.

          „La donna del lago“ wird am 24. Mai um 19.30 Uhr im Wiesbadener Staatstheater aufgeführt.

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