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Oper in Darmstadt : Geister der Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

Viktorianisches Milieu: Lucia soll an einen vermögenden Lord verheiratet werden. Bild: Nils Heck

Schlüsselstück aus der Epoche des Belcanto: Das Staatstheater Darmstadt zeigt Donizettis Oper „Lucia di Lammermoor“.

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          Soeben hat Lucia ihren Bräutigam erstochen. Die Arie, die sie, nicht mehr ganz bei Sinnen, singt, ist der unangefochtene Höhepunkt von Gaetano Donizettis 1835 in Neapel uraufgeführter Oper „Lucia di Lammermoor“. Mehr noch: Diese „Wahnsinns-Arie“ gilt als eine der Schlüsselnummern aus der Epoche des italienischen Belcanto in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der aus Argentinien stammende Regisseur Marcos Darbyshire findet es „enorm spannend, dass es im Belcanto immer um die subjektiven Empfindungen der Figuren geht“. Seine Neuinszenierung des Werks hat am Samstag, dem 7. Dezember, Premiere im Staatstheater Darmstadt.

          Empfunden wird tatsächlich höchst intensiv in dieser Oper, mit der Donizetti einst der Durchbruch beim italienischen Publikum gelang. Walter Scotts Roman „The Bride of Lammermoor“ folgend, spielt ihre Handlung im Schottland des späten 16. Jahrhunderts. Lord Enrico Ashton, finanziell ziemlich klamm, will seine Schwester Lucia mit dem vermögenden Lord Bucklaw verheiraten. Sie aber liebt Edgardo aus der verfeindeten Familie der Ravenwoods. Die Vorgeschichte dieser Konstellation erscheint Lucia im ersten der drei Akte als Vision. Regisseur Darbyshire spricht von „Geistern der Vergangenheit“: In seiner Neuinszenierung der Oper sei die Handlung zwar bewusst in die Gegenwart verlegt, die Geister erinnerten aber an ein „verkommenes viktorianisches Milieu“. Diese Konzeption stamme noch von Dirk Schmeding, dem erkrankten Regisseur, für den Darbyshire wenige Tage vor Probenbeginn eingesprungen ist.

          „100 Prozent Personenenergie“

          Der junge Argentinier, der 2008 zum Studium der Musiktheaterregie nach Hamburg kam und später für einige Jahre an der Vlaamse Opera in Antwerpen und Gent als Regieassistent engagiert war, geht in seinem Regiekonzept davon aus, dass die Familie Ausgangspunkt der Traumata ist. So sollen in seiner Inszenierung die eigentlich gar nicht in der Opernhandlung vorkommenden Eltern der Geschwister Enrico und Lucia zu sehen sein, außerdem werde Lucias Vertrauter Raimondo als eine Art kleiner Bruder gezeichnet. Dass Edgardo, wütend auf seine Geliebte Lucia, an Untreue glaubt, liegt nahe. Zwar werde sie schließlich psychisch krank, aber das liege nicht daran, dass sie „debil“ sei, sondern dass alle in ihrem Umfeld dazu beitrügen. Es hätte einen Ausweg vor der fatalen Zuspitzung gegeben: Das will der Regisseur zeigen und verspricht „100 Prozent Personenregie“, wie sie schon die Sänger erwarteten, die Donizettis Belcanto-Klassiker natürlich in besonderem Maße tragen.

          Die italienische Koloratursopranistin Bianca Tognocchi, seit vergangenem Jahr Ensemblemitglied der Oper Leipzig, wird in Darmstadt die Titelpartie singen, die einst zu den großen Rollen von Maria Callas gehörte. Aus dem Opernensemble des Staatstheaters sind die meisten weiteren Partien besetzt – auch die großen: Der Bariton Julian Orlishausen singt Lucias Bruder Enrico, der Tenor David Lee ihren Liebhaber Edgardo, der sich seinerseits erdolcht, als er von Lucias Tod erfährt. Die orchestrale Grundierung der gleichermaßen blutigen und vokalakrobatischen Szene liegt dagegen in den Händen eines weiteren Gastes: Für die Premiere und alle Folgevorstellungen in der laufenden Saison ist der ukrainische Dirigent Andriy Yurkevych musikalisch verantwortlich.

          LUCIA DI LAMMERMOOR Vorstellungstermine

          Premiere am 7. Dezember, 19.30 Uhr, im Staatstheater Darmstadt. Nächste Vorstellungen am 20. Dezember, 11. und 30. Januar von 19.30 Uhr an sowie am 29. Dezember von 16 Uhr an.

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