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Sängergala gegen Fremdenhass : Oper ohne Obergrenzen

Wenn die Oper mit Kanonen donnert: Ryan Speedo Green aus Wien singt Rossinis Arie „La calunnia“. Bild: Rainer Wohlfahrt

Musik ist eine Sprache für alle: Mit einer Sängergala wendet die Oper Frankfurt sich gegen Fremdenhass und sammelt Spenden für einen guten Zweck.

          Die Musik ist der Versuch Gottes, die vom Menschen zugrunde gerichtete Welt daran zu erinnern, wie der Herr die Schöpfung ursprünglich gemeint hat. So schildert Franz Werfel es in seiner Parabel „Die Erschaffung der Musik“. Was der Schriftsteller, der die Oper liebte, einer jüdischen Legende entnommen haben will, trägt in der Oper Frankfurt der Schauspieler Michael Mendl vor, mit schön kühl glühender Wut für die Stellen, an denen der Herr, wenn er denn Lust hätte, auch gleich Gericht halten könnte über die Bosheit, die unter seinen Geschöpfen wirkt. Die Musik, die er ihnen stattdessen nach sechs Tagen Weinen am siebten Tag hinunterschickt, am Sonntag, an dem es ihm zur Gewohnheit geworden ist, vom Schaffen auszuruhen, ist eine „süße Ordnung“, eine „zarte Welt ohne Schuld“, eine Ermutigung.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          An diesem Frankfurter Sonntagvormittag soll die Musik noch mehr sein als Werfels „Erinnerung an eine ehemals gute und gerechte Welt“. Sie versammelt Hörer, die etwas tun wollen gegen brennende Flüchtlingsunterkünfte und Angst vor Einwanderung. „Dagegen wollen wir mit den humanen Mitteln unserer Musik ein Fanal setzen“, sagt Norbert Abels im restlos ausverkauften Saal, in dem an diesem Tag alle Plätze zehn Euro kosten. Der Chefdramaturg vertritt seinen Intendanten Bernd Loebe, der erkrankt ist und als Vorsitzender der Deutschsprachigen Opernkonferenz den Anstoß zu der Konzertreihe gegeben hat, die sein Haus zusammen mit anderen veranstaltet.

          „Die Musik ist eine alle Grenzen überschreitende Sprache“

          Das erste Konzert gab es im Februar in der Dresdner Semperoper, weitere Konzerte folgen diesen und nächsten Monat in der Deutschen Oper am Rhein und in Berlin. Aber der Opernbetrieb arbeitet nicht nur innerhalb der Bundesrepublik zusammen, er versteht sich, gerade in Frankfurt, wo die Sänger aus so unterschiedlichen Ländern wie Finnland, Korea, Slowenien, der Ukraine und den Vereinigten Staaten kommen, als zutiefst internationale Gemeinschaft. „Die Musik ist eine alle Grenzen überschreitende Sprache“, sagt Abels.

          Die vielen Geschichten, die die Oper von Leid und Flucht zu erzählen hat, von Siegmund und der schwangeren Sieglinde, die in Wagners „Walküre“ in ihr Unglück irren, bis zu den Flüchtlingen aus Schottland, die in Verdis „Macbeth“ die Schreckensherrschaft in der Heimat beweinen, stehen an diesem Morgen nicht im Vordergrund. Es geht um bekannte und beliebte Arien. Dabei ergeben sich überraschende Verbindungen. Beschreibt Basilios Arie „La calunnia“ aus Rossinis „Barbiere di Siviglia“ nicht genau die perfiden Tricks, mit denen Politiker wie Björn Höcke und Beatrix von Storch derzeit das Gespräch über Deutschland an sich reißen? Ein probeweise gestreutes Wörtchen hier, eine absichtsvoll fallengelassene Bemerkung da, und ehe man sich’s versieht, spielen zur Freude der Verursacher alle nur noch Stammtisch. Ryan Speedo Green von der Wiener Staatsoper trägt das mit der Wucht der Kanonendonnerexplosion vor, die Rossini beschwört, wenn er den Zusammenbruch des gesellschaftlichen Zusammenhalts beschreibt.

          Mehr als 5.300 Euro für den Verein „Teachers on the Road“

          Aus dem Frankfurter Ensemble singen Andreas Bauer und Björn Bürger, als Einspringerin erzählt ihre Kollegin Karen Vuong zusammen mit Vuyani Mlinde in Ausschnitten aus „La Bohème“ von Armut und Tod. Der südafrikanische Tenor Levy Sekgapane, derzeit in Dresden engagiert, klettert schwindelfrei hinauf in die Höhen, in denen Rossinis Lindoro sich wohl fühlt, der kroatische Bariton Miljenko Turk singt traumverloren das Lied des Pierrot aus Korngolds „Toter Stadt“, die im belgischen Brügge spielt. Überhaupt nehmen die dauernden geographischen Grenzüberschreitungen keine Rücksicht auf irgendein Verlangen nach Obergrenzen. Rossinis Isabella, die den nordafrikanischen Männern heimleuchtet, wird von der Petersburgerin Anna Goryachova gesungen, die in Zürich zum Ensemble gehört. Ihr folgt eine rumänische Schottin: Adela Zaharia singt trotz Indisposition die Lucia, mit der sie vor kurzem in der Deutschen Oper am Rhein debütiert hat.

          Zum Schluss gibt es Duette von Andrew Lloyd Webber und Leonard Bernstein mit Jessica Strong und Michael Porter, beide in Frankfurt engagiert, es folgt Bernsteins „Somewhere“, von allen zusammen gesungen: „There’s a place for us“. Irgendwo. Dafür, dass Flüchtlinge ihn finden, setzt sich der Verein Teachers on the Road ein, der Einwanderern Deutschunterricht erteilt. Ihm kommen die Spenden zugute, die am Ausgang gesammelt werden, es sind mehr als 5.300 Euro, wie die Oper am Nachmittag mitteilt. Kartal Karagedik, der türkische Don Giovanni aus Hamburg, schenkt die ihm zum Dank überreichte Rose derweil weiter an eine Geigerin.

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