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Oper Frankfurt : Von Böhmen lernen heißt siegen lernen

  • -Aktualisiert am

Zwei für Smetana: Regisseurin Florentine Klepper und Dirigent Stefan Soltesz im Opernfoyer. Bild: Wonge Bergmann

Was bedroht unsere Demokratie? Antwort auf diese Frage findet die Oper Frankfurt in Smetanas selten gespielter Rittertragödie „Dalibor“.

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          „Jedes Stück, in dem es um den Wunsch nach Freiheit und politischen Widerstand geht, ist es wert, aufgeführt zu werden“, sagt Florentine Klepper. In den vergangenen Wochen hat die Regisseurin für die Oper Frankfurt die Neuinszenierung genau solch eines Werkes geschaffen. Die Idee der Freiheit durchwirkt Bedřich Smetanas Oper „Dalibor“, die am Sonntag um 18 Uhr im Opernhaus Premiere hat. Der 1868 in Prag uraufgeführte Dreiakter erzählt die Geschichte des böhmischen Ritters Dalibor von Kozojedy, der im späten 15. Jahrhundert als Anführer von Bauernaufständen auf der Prager Burg eingesperrt und später hingerichtet wurde.

          Die Regisseurin, die in Frankfurt zuletzt ein weiteres Werk des tschechischen Musiktheaters, Bohuslav Martinůs „Julietta“, inszeniert hat, verspricht für ihre Smetana-Auslegung eine konsequente Übertragung des Geschehens in die Gegenwart. „Wir erleben Widerstand an beiden Rändern der Gesellschaft“, sagt sie. Daher habe sie zunächst darüber nachgedacht, Dalibor als Anhänger der „Identitären Bewegung“ zu zeichnen: „Aber dagegen spricht ganz einfach das wunderschöne Liebesduett, das er im zweiten Akt singt.“ Sie werde ihn daher eher in Richtung Anarchismus verorten, „subtil“ freilich, wie sie sagt, und vor allem mit dem Blick auf aktuelle Fragen: Wie läuft es in der Gesellschaft heute? Was bedroht unsere Demokratie?

          Kürzungen „mit zarter Hand“

          Zusammen mit Stefan Soltesz, der die Premiere der Frankfurter Neuproduktion sowie die sechs Folgevorstellungen dirigiert, hat die Regisseurin eine „verantwortungsbewusste Strichfassung“ erstellt, die „mit zarter Hand“ vorgenommen worden sei und keine Szene im Ganzen streiche. An einer Stelle des Werks sei zum Beispiel eine sehr folkloristische Passage auf ein ausgiebig gesungenes „Tralala“ gekürzt worden, erläutert der österreichische Dirigent und langjährige Intendant des Essener Opernhauses. Die musikalische Prägung des 1868 zunächst auf Deutsch uraufgeführten Werkes durch Smetanas Vorbild Richard Wagner bleibe selbstverständlich deutlich erkennbar.

          „Beim Versuch, progressiv zu sein, lässt er es einfach überall kräftig wagnern“, sagt Soltesz zur Musik der Oper, die Smetana für weit gelungener hielt als sein zwei Jahre zuvor uraufgeführtes Erfolgsstück „Die verkaufte Braut“. Es gebe harmonische Abfolgen und eine Prägung mit Hilfe von Leitmotiven, die an Wagner erinnerten, vor allem an dessen frühere Werke. Dass die Oper mit einer Gerichtsszene und dem Prozess gegen Dalibor beginnt, erinnert den Dirigenten an „Lohengrin“, dass Dalibors Geliebte Milada den Eingekerkerten in Männerkleidern aufsucht, an Beethovens „Fidelio“. Smetana warfen seine Zeitgenossen die Nähe zur deutschen Oper vor. Trotzdem, sagt Klepper, sei das Werk für die tschechische Nationalbewegung im Habsburgerreich sehr wichtig gewesen. In Frankfurt werde Kurt Honolkas deutsche Übersetzung der tschechischen Zweitfassung des Werks gesungen, die dem deutschen Originallibretto Josef Wenzigs sehr nahekomme.

          Oper zur Diskussion stellen

          Da Dalibor im Kerker von der Außenwelt abgeschirmt sei und in Abwesenheit zur politischen Revolte inspiriert werde, verhandelt die Inszenierung für Klepper auch weitere aktuelle Fragen. Ab wann lasse sich von politischen Manipulationen sprechen, wann könne man sicher sein, dass das, was man höre, auch der Wahrheit entspreche? Sogar an die „massentaugliche Unterhaltungsindustrie“ lasse sich denken. Genau deshalb scheint der Regisseurin auch die deutsche Sprache angemessen, die häufig sehr viel schärfer als das Tschechische sei.

          Einig sind sich Regisseurin und Dirigent darin, wie wichtig es ist, dass die Oper Frankfurt „Dalibor“ zur Diskussion stellt. Soltesz weist auf den ausgeprägt sinfonischen Orchestersatz hin, Klepper auf die große Freiheit, die sich biete, wenn ein Stück dem Publikum unbekannt sei. Und sie macht darauf aufmerksam, dass Dalibor zwar ein „charismatischer Typ“ sei, das Geschehen dieser „Opernutopie“ aber vor allem von zwei Frauen am Laufen gehalten werde. Izabela Matuła singt die Partie der Milada, Angela Vallone die der Aufständischen Jitka. Aleš Briscein in der Titelpartie und Gordon Bintner als König Vladislav übernehmen daneben weitere zentrale Rollen.

          Die Premiere beginnt Sonntag um 18 Uhr.

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