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Oper Frankfurt : In den höchsten Tönen

  • -Aktualisiert am

Drei Schwestern: Irina (Ray Chenez, links), Olga (Dmitry Egorov, Mitte) und Mascha (David DQ Lee, rechts) Bild: Monika Rittershaus

Der Verfremdungseffekt ist dabei sicher garantiert: In Peter Eötvös’ Oper „Tri Sestry“ singen ausschließlich Männer, darunter auch vier Countertenöre. Wie hört sich das an?

          In der achten Szene hat Natascha etwas zu sagen. Wer bisher nicht genau aufgepasst hat, mag erstaunt sein, eine männliche Sprechstimme zu hören. War das nicht davor der Gesang einer Frau? Peter Eötvös’ Oper „Tri Sestry“, die derzeit an der Oper Frankfurt aufgeführt wird, spielt mit genau diesem „Verfremdungseffekt hinsichtlich der Wirkung“, wie Intendant Bernd Loebe es formuliert. In Nataschas Kleidern steckt keine Frau. Auch ihre Schwägerinnen Olga, Irina und Mascha werden von Männern gesungen. Von Männern mit einem ganz besonderen Stimmfach: „Eötvös hatte Countertenöre im Ohr, als er komponierte“, erklärt Loebe. Deshalb habe die Frankfurter Oper sich für die Originalbesetzung des 1998 in Lyon uraufgeführten Werkes, das auf dem gleichnamigen Drama von Anton Tschechow basiert, entschieden.

          Einige Abonnenten verlassen das Opernhaus in der Pause. Die Musik sei zu schrill, zu ungewohnt. An den ambivalenten Stimm- und Figurenkonstellationen der „Tri Sestry“ dagegen scheint sich niemand zu stören, sie werden als Denkanstoß wahrgenommen. Das war nicht immer so. Bei seinen ersten Auftritten Mitte der achtziger Jahre, erinnert sich Kai Wessel, seien die Reaktionen des Publikums oftmals „niederschmetternd und beleidigend“ gewesen. Kurzzeitig habe er damals sogar überlegt, mit dem Singen aufzuhören. Heute ist er einer der führenden deutschen Countertenöre und Professor an der Kölner Musikhochschule. Mit seinen 54 Jahren gehört Wessel bereits zur dritten neuzeitlichen Generation von Countertenören, der mittlerweile zwei weitere gefolgt sind. Der Einzug dieses Stimmfachs in die moderne Oper begann mit Alfred Deller, für den Benjamin Britten 1960 die Partie des Oberon in seiner Oper „A Midsummer Night’s Dream“ schrieb.

          Dass diese Entwicklung von Großbritannien ausgegangen ist, hält Edmund Brownless für folgerichtig. Denn in den Chören der englischen Kathedralen, in denen Deller groß geworden sei, habe sich dieses Stimmfach über Jahrhunderte erhalten. Hier sei die Stimmlage Alt traditionell mit Männern besetzt worden. Auch die Renaissance der Barockoper im Zuge der historisch informierten Aufführungspraxis spiele natürlich bei der Entwicklung des Stimmfachs Countertenor auf der Bühne eine Rolle. Doch während der Counter im barocken Repertoire vielfach als „moderner Kastrat“ eingesetzt wird, wie es Peter Huth von der Komischen Oper Berlin formuliert, hat sein Auftreten in der modernen Oper ganz und gar nichts mit einem Abglanz à la Farinelli zu tun.

          „Das ist der Tonumfang eines Countertenors“

          Am Flügel seines Unterrichtsraums im Dr. Hoch’schen Konservatorium zeigt Edmund Brownless auf zwei weit auseinander liegende Tasten: „Das ist der Tonumfang eines Countertenors.“ Dass ein Mann sich vom tiefen Brustregister in die höchsten Höhen aufschwingen kann, ist an sich nichts Besonderes. „Das Falsett haben ja alle Männer“, sagt Kai Wessel. Doch ob Falsett oder Kopfstimme, ob das obere Register oder, wie Edmund Brownless lieber sagt, eine bestimmte „Gruppe von Muskeln“ eingesetzt wird – es kommt neben dem Resonanzraum auch auf die Spannung des Kehlkopfes und die Schwingung der Stimmlippen an. Bis man das richtig beherrsche, sagt Brownless, vergingen Jahre: „Das ist wie Sport.“ Am Ende jedoch steht ein Klang ganz besonderer Art: intensiv und doch fein, durchsetzungsfähig und klar, sphärisch, ja überirdisch. Kai Wessel bezeichnet ihn als „Zauber“.

          Dieser „Zauber“ entsteht unter anderem, weil ein Ton nicht nur ein Ton ist. Was wir hören, ist immer ein vielschichtiges Klangereignis, zusammensetzt aus einem Grundton und seinen über ihm mitschwingenden Teiltönen. Werden nun beim Singen im Falsett die oberen Frequenzbereiche verstärkt, wird der Klang obertonreich genannt. Er ist nicht nur durchdringender und schlanker, sondern entzieht sich auch einer Einordnung als männlich oder weiblich. Nicht von ungefähr wird Countertenören in der modernen Oper oft eine Rolle der „Andersheit“ übertragen, werden etwa göttliche oder allegorische Partien mit diesem Stimmfach besetzt – wie Artemis in Hans Werner Henzes „Phaedra“, die Snake Priestess in Harrison Birtwistles „Minotaur“ oder der Mystery Man in Olga Neuwirths „Lost Highway“, der derzeit im Bockenheimer Depot von dem Countertenor Rupert Enticknap gesungen wird.

          Vielfach steht der Countertenor in der zeitgenössischen Oper auch für das postmoderne Verständnis von entnaturalisierter Geschlechtlichkeit. In der aktuellen Inszenierung der „Tri sestry“ jedenfalls geht es, wie Dirigent Dennis Russel Davies betont, neben dem Aspekt der Verfremdung um die „Ungeschlechtlichkeit‘ so vieler menschlicher Themen und Probleme“.

          „Tri Sestry“

           Ab 3.10 von 18 Uhr an in der Oper Frankfurt zu sehen.

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