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Oper Frankfurt : Die schöne Leiche

In dieser Oper steckt ein Schauspiel: 1902 ist der Prachtbau am Theaterplatz eröffnet worden, 1987 brannte der Bühnenturm des Opernhauses vollständig aus. Bild: dpa

Vor 25 Jahren ist die Oper nach dem großen Brand wiedereröffnet worden. Es ist die zweite Auferstehung eines Gebäudes, von dessen Vergangenheit allenthalben noch Spuren zu sehen sind – wenn man genau hinschaut.

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          Calderon, Molière und Shakespeare wohnen dort, wo Besucher in der Pause von „Figaro“ oder „Rheingold“ ihren Sekt abholen. Hinter der holzverkleideten Bar ist es heiß und stickig, man meint, Schatten von Rauch und Brand an den steinernen Wänden zu sehen. Nur einzelne Raumpunkte erhellt Martin Haindls LED-Taschenlampe zwischen Dämmmaterial, Lüftungsröhren und Kabelschächten: Hier eine Girlande, dort ein Name, eine Büste, ein Gesicht, eine Erinnerung blitzen im Dunkel auf. Von oben fällt etwas fahles Tageslicht ein.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Durch die zugemauerten Fenster von einst ist eine Stahltür gebrochen. Es sind die Reste einer prachtvollen Steinfassade, die da versteckt worden sind: Die einstige Außenwand ist nurmehr Zwischenwand einer neuen Hülle. Wenige Meter weiter prangte einst der Schriftzug „Schauspielhaus“, zwischen Goethe links und Schiller rechts. Heute umläuft eine lichte Glasfassade das Gebäude, an dessen Bühnenturm „Oper Frankfurt“ steht. Dass in Glas, Stahl, moderner Kunst und kühlem Design ein ganzes altes Theatergebäude steckt, weiß kaum jemand mehr. Auch haben nur wenige Gelegenheit, in diesem abgelegenen Zwischenraum die Künstlerporträts von einst zu betrachten.

          Fenstersimse, die nicht nach „sechziger Jahre“ aussehen

          Bisweilen veranstaltet Martin Haindl, der Betriebsingenieur und Brandschutzbeauftragte der Städtischen Bühnen, eine der raren Führungen. Seit 2000 ist der Maschinenbauingenieur für die Technik des Gebäudes verantwortlich, aber auch die künstlerische und die historische Seite kennt er: Der Sohn des Bühnenbildners und Malers Hermann Haindl war schon als Kind dort. Und doch hat er vor kurzem in der Theateranlage einen Raum gefunden, von dem niemand wusste. „Wahrscheinlich wurde der in den sechziger Jahren zugemauert“, vermutet Haindl.

          Vieles aus der Geschichte des Hauses liegt offen zutage. „Man sieht eine Menge, wenn man weiß, wo man gucken muss“, sagt Haindl. Ein Satz, der zur Lebensweisheit taugt. Aber auch die Erkenntnis birgt, dass in einer Oper die meisten Leute eben doch nur dahin sehen, wohin man so schaut, wenn man in der Oper ist: auf die Bühne, auf das Outfit der Sitznachbarin und ins Sektglas. Wer aber seinen Mantel in der Garderobe des ersten Rangs rechts abgibt und ein paar Schritte weiter aus dem Fenster sieht, kann Friese und Fenstersimse entdecken, die so gar nicht nach „sechziger Jahre“ aussehen. Und gegenüber, wo noch vor wenigen Jahren die Raucher in den langen Wagner-Pausen auf eine Terrasse hinaustraten, sind liebliche Panflöten und Kränze zu sehen.

          Oper brannte 1944 nach einem Bombenangriff aus

          Fast niemand fragt sich, warum eigentlich die Räume und Foyers der Oper einerseits so verschachtelt, andererseits in solch schwungvollen Kurven angeordnet sind. Sie folgen den alten Mauern, die wiederaufgebaut und verwendet worden sind. Der Bau, der wie wenige sonst die Aufbruchsgewissheit der Nachkriegszeit zeigt, birgt in sich eine schöne Leiche. Es ist eine, die schon zweimal wiederbelebt worden ist.

          Heute vor 25Jahren, am 6.April 1991, ist die Oper wiedereröffnet worden. Beim Festakt am Vormittag gab es die konzertante Uraufführung von Hans Werner Henzes „La selva in cantata“, abends dann die „Zauberflöte“ unter Marcello Viotti mit viel Prominenz im Publikum. Bühnentechnisch war die Oper ein weiteres Mal auf den neuesten Stand gebracht worden, ihre Drehbühne war seit 1951 die größte der Welt. Damals war aus dem einstigen Schauspiel die Oper geworden – denn niemand hatte geglaubt, dass die Kriegsruine am Opernplatz, die heutige Alte Oper, jemals wiederaufgebaut würde.

          Der Architekt Christian Heinrich Seeling hatte das opulent verschnörkelte Schauspielhaus 1902 fertiggestellt. Bis 1944, als es nach einem Bombenangriff ausbrannte, beherrschte es den Theaterplatz, den alte Frankfurter bis heute und den die ganz frisch Zugereisten auch wieder so nennen – schließlich ist er es ja, Willy-Brandt-Platz hin oder her. 1958 fiel die Entscheidung, aus dem Altbau und einem neuen Schauspiel nebenan eine „Theaterdoppelanlage“ zu machen. Und 1962 fand das, was von Schiller, Shakespeare und Konsorten noch übrig war, ein jähes Ende: Alles, was an der Frontseite an Opulenz zu sehen war, Türmchen und Spitzen, Skulpturen und Dekorationsteile, wurde abgeschlagen.

          Brand wurde 1987 gelegt

          Bis heute tauchen Einzelteile der alten Pracht wieder auf: Die Pantherquadriga landete auf dem Schrott und fand später ihren Platz auf der doch noch restaurierten Alten Oper, die beiden metallenen Schwäne aus dem Haupteingang stehen heute in einer Werbeagentur an der Waldschmidtstraße. Und eine der großen Eingangstüren verwendet derzeit das Theater Willy Praml als Tempeltor seiner „Iphigenie“ – seit Jahren liegt die Tür auf dem Gelände der Naxoshalle.

          Vieles aber ist unter Mörtel und Mauerwerk, Verblendungen und Putz verschwunden. Wer die rechteckigen Träger in den Foyers betrachtet, wird kaum ahnen, dass sich darunter noch die alten runden Säulen des Schauspielhauses verbergen. Und müssten jemals Besucher – was hoffentlich niemals nötig sein wird – aus dem zweiten Rang der Oper fliehen, sie kämen an jener schlichten eisernen Tür vorbei, hinter der die Reste der Dichterfürsten ruhen. Ein schlichtes Treppenhaus aus honigfarbenem Holz führt hinunter, mit hölzernen Handläufen auf der östlichen, üppig verzierten schmiedeeisernen auf der westlichen Seite. Die Zugänge liegen gut verborgen vor aller Augen im Windfang. Die hölzerne Treppe sieht, wer den Fußgängereingang des Theaterparkhauses nutzt und auf die Opernfassade blickt. Dort enden die Stufen, Übergänge aus einer anderen Zeit, am Notausgang.

          Ein Glück, dass am 12.November 1987 um 3.19 Uhr niemand im Opernhaus war. Niemand musste die hölzerne Treppe benutzen, um sich ins Freie zu retten. „Così fan tutte“ war schon viele Stunden zu Ende, das frisch renovierte Haus – der Zuschauerraum war kurz zuvor von 1200 auf die heutigen 1400 Plätze erweitert worden – war leer, nur zwei Feuerwehrleute hielten Wache. Und hörten den Alarm. Der gesamte Bühnenturm brannte lichterloh, bei bis zu 1600 Grad Celsius knickten die Stahlträger ein wie Streichhölzer, und im heftigen Novemberwind drohten die Funken andere Gebäude in Brand zu setzen. Noch Tage später mussten im Gebäude Glutnester unter Kontrolle gebracht werden. Da war auch schon der Täter gefasst: Ein 26 Jahre alter Mann ohne festen Wohnsitz, der nach seinem Einbruch in das Opernhaus aus Frust eine Zeitung und Teile der Wandverkleidung angezündet hatte – weil er, wie er sagte, nichts zu essen gefunden hatte.

          Einiges am Haus müsste bald saniert werden

          Wenige Stunden nach dem Brand hatte der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) schon vom Wiederaufbau gesprochen und nach Ausweichquartieren gesucht. 170Millionen Mark kostete die Sanierung, bis sie abgeschlossen war, musste eine Übergangslösung her: Das Schauspiel zog ins Bockenheimer Depot, die Oper ins Schauspiel. Dass heute das Depot oft und gern als Spielstätte genutzt wird, ist ebenso ein Ergebnis dieser drei Jahre Provisorium wie die Lust daran, neue Räume mit Theater zu bespielen. Und wer weiß, vielleicht wäre der Ruhm des Balletts Frankfurt nicht so groß geworden, hätte William Forsythe nicht das Beste aus der Katastrophe gemacht und die Tourneen seiner Tänzer auf die ganze Welt ausgedehnt.

          Bald könnte wieder ein solches Wechselspiel anstehen. Denn um den Brandschutz der Oper, vor 25 Jahren als der bestmögliche gelobt, ist es nicht mehr allzu gut bestellt. Auch die Lüftungsanlagen sind nicht auf dem neuesten Stand, und die jüngeren Entwicklungen in der Bühnentechnik haben dazu geführt, dass viele Kilometer Kabel hinter den Wandverkleidungen und unter den Decken verlaufen. Die Fassade aus Einfachglas, im Sommer warm, im Winter kalt, müsste aufwendig energetisch saniert werden, und es gäbe noch viel mehr zu tun.

          Die Bestandsaufnahme hat Haindl und seine Kollegen schon geraume Zeit beschäftigt. Im nächsten Jahr soll eine Machbarkeitsstudie erstellt werden. Dass mit der Schachtel am Theaterplatz ziemlich viel machbar ist, hat die Zeit jedenfalls schon bewiesen. Und sie hat ihre Spuren hinterlassen.

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