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Opel, GM und PSA : Rüsselsheimer Flechtwerk

Vor der Tür: Während GM mit PSA über Opel spricht, harrt Adam Opel in Bronze gegossen vor dem Werk aus. Bild: Helmut Fricke

Schon der Alltag in der Auto-Entwicklung und im Motorentestzentrum in Rüsselsheim zeigt: In den Gesprächen über Opel geht es um mehr als den Verkauf eines Autobauers.

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          In ihrem Schreiben an die Opel-Mitarbeiter wiederholt Mary Barra sinngemäß einen bekannten Satz: Es gebe keine Garantie, dass sich General Motors und die Peugeot-Mutter PSA über den Verkauf der Marke mit dem Blitz an die Franzosen einigen werden, hebt die Vorstandschefin von General Motors hervor. Die kurz GM genannte Opel-Mutter hatte sich am Dienstag schon so geäußert. Doch am Opel-Stammsitz in Rüsselsheim ist der eine oder andere gedanklich schon weiter.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Verhandlungen seien wohl deutlicher weiter fortgeschritten, als die Aussagen von General Motors und PSA es nahelegten, spekulierte ein Opelaner zur Wochenmitte. Begründung: Die Autokonzerne hätten kaum über ihre Verkaufsgespräche berichtet, wenn sie es nicht auf einen Abschluss anlegten.

          „Diese Partnerschaft bringt enorme Möglichkeiten“

          Nach dieser Lesart wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis General Motors und die Franzosen eine Übereinkunft vorstellen. Dafür spricht Barras Aussage, PSA und Opel könnten gemeinsam ihre Position auf dem sich veränderten Markt in Europa verbessern – und zwar dank „der sich ergänzenden Stärken“. PSA könnte mit Opel seinen Marktanteil in Deutschland und Europa ausbauen und Autos der Rüsselsheimer in Regionen verkaufen, in denen die Marke mit dem Blitz bisher nicht vertreten ist – das gilt etwa für Asien, Afrika und Lateinamerika. Die Franzosen dürften zudem durch die gemeinsame Entwicklung von Fahrzeugen Kosten senken, wie etwa Frank Schwope, Auto-Analyst der Nord LB, meint.

          Bild: F.A.Z.

          Rüsselsheimer und Franzosen könnten sich auf einige gemeinsame Erfahrungen stützen. Schon seit vier Jahren arbeiten sie an einer Reihe von Projekten, die bald auf der Straße zu erleben sein werden. Anfang 2012 gaben beide Konzerne noch unter den alten Vorstandschefs Dan Akerman (GM) und Philippe Varin (PSA) eine langfristig angelegte Kooperation bekannt. Das ausgegebene Ziel lautete, gemeinsam Plattformen für Fahrzeuge und Komponenten zu teilen sowie eine Einkaufstochter zu gründen. „Diese Partnerschaft bringt enorme Möglichkeiten für unsere beiden Unternehmen“, frohlockte Akerman seinerzeit. Sein PSA-Kollege sprach nicht weniger blumig von einem „aufregenden Moment“.

          Konkreter wurde es im Herbst 2013. GM und die Peugeot-Mutter gaben den Bau eines gemeinsam entwickelten Autos bekannt, das mittlerweile unter dem Schlagwort Crossover-Fahrzeug bekanntgemacht worden ist. Dabei handelt es sich um einen Mix aus Familien-Van und Sports Utility Vehicle (SUV). Die Rüsselsheimer nennen den in ihrer Fabrik in Saragossa in Spanien gebauten Wagen Crossland – die französische Version heißt Peugeot 2008. Umgekehrt baut die ungleich größere PSA-Gruppe (siehe Grafik) im Werk in Sochaux eine größere Variante, den Peugeot 3008 und den Opel Grandland, der in diesem Jahr auf den Markt kommt. Ob beide Autos sich als Zukunftsmodelle erweisen, steht dahin. Dessen ungeachtet soll der nächste Opel Zafira von PSA geprägt werden

          Verflechtungen gehen nämlich noch tiefer

          Klar ist derweil: Die Verflechtungen von Opel und Konzernmutter sind auch und gerade in Rüsselsheim sehr eng. Das Paradebeispiel dafür ist das Entwicklungszentrum. Darin arbeiten 7700 Ingenieure an neuen Fahrzeugen. Der Standort beherbergt neben Detroit eines der großen Zentren, in denen General Motors seine Autos der Zukunft konstruiert. Das heißt: Die Ingenieure entwickeln nicht nur für Opel, sondern für den gesamten Konzern und in der Folge auch für GM-Marken wie Buick und Chevrolet, die hierzulande nicht oder nicht mehr vertreten sind. Ein Versuch, die Entwickler in Ingenieure von Opel und solche von General Motors aufteilen zu wollen, ginge fehl, wie es in Rüsselsheim heißt.

          Das ist aber nur die halbe Wahrheit – die Verflechtungen gehen nämlich noch tiefer: Das Entwicklungszentrum am Opel-Stammsitz befindet sich im Eigentum von GM, wie einer sagt, der es wissen muss. Das Gleiche gilt für alle Patente. Sämtliches geistiges Eigentum befindet in den Händen der Konzernmutter.

          Ähnliches gilt für das erst vor einem Jahr in Betrieb genommene Motorentestzentrum. 800 Männer und Frauen arbeiten in dem 210 Millionen Euro teuren Bau mit einer Nutzfläche von 36000 Quadratmetern und 43 Motorenprüfständen, der größten Investition im Opel-Stammwerk seit 2002. Auch die 800 Mitarbeiter sind keineswegs nur für die Marke mit dem Blitz tätig. Vielmehr arbeiten auch sie für eine Plattform – und zwar eben eine für neue Antriebe. Rüsselsheim sei für GM das Zentrum für die Konstruktion kleinerer und mittlerer Benzinmotoren, hieß es aus Anlass des symbolischen Spatenstichs im Juli 2014.

          „Man kann das eigentlich gar nicht trennen“, meint ein Opelaner. „Deshalb wird es spannend sein zu sehen, welches Konstrukt im Falle des Verkaufs dafür gewählt wird.“ Klar ist derweil: Opel arbeitet effizienter als PSA (siehe Grafik).

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