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Nach Brexit-Votum : Opel stellt trotz Kurzarbeit am Stammsitz weiter ein

Hängepartie: Weil der Absatz des Modells Insignia in Großbritannien seit dem Brexit-Votum gesunken ist, arbeiten gut 3000 Opelaner in Rüsselsheim kurz. Bild: dpa

Der Autobauer Opel kämpft nach dem Brexit-Votum um die Ertragswende. Von weniger Neueinstellungen ist aber nicht die Rede. Der Betriebsrat hat sogar neue Arbeitszeitmodelle im Blick.

          Opel könnte es im Ringen um die Ertragswende derzeit deutlich leichter haben. Doch politisch begründete Turbulenzen um den russischen und den türkischen Markt und die drastische Abwertung des britischen Pfunds um 15 Prozent im Verhältnis zum Euro seit dem Brexit-Votum der Briten machen dem Autobauer das Leben derzeit schwer. Ob die Ertragswende wie angekündigt bis Jahresende gelingt, muss sich weisen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wolfgang Schäfer-Klug möchte sich als Chef des Gesamtbetriebsrats nicht an Spekulationen über Wechselkurse und ihre Folgen beteiligen. Er schaut lieber auf das, was die Rüsselsheimer selbst beeinflussen können, etwa das Angebot an Autos und die Kosten. „Wir sind operativ gut unterwegs“, sagt er. Allerdings blickt er vor allem auf Dinge, die der Betriebsrat im Sinne von Firma und Belegschaft selbst beeinflussen kann. Zum Beispiel auf Arbeitszeitmodelle und neue Stellen.

          Preise in Großbritannien angehoben

          Allgemein sieht Schäfer-Klug, ebenso wie Konzernchef Karl-Thomas Neumann, Opel auf einem guten Weg. Die seit September für 3000 Beschäftigte geltende Kurzarbeit in Rüsselsheim steht für ihn dazu nicht im Widerspruch – ist sie doch der seit dem Brexit-Votum in Großbritannien entstandenen Unsicherheit geschuldet, in deren Folge die Verkäufe des Insignia lahmen; auch der sogenannte Rechtslenker dieses Modells läuft in Rüsselsheim vom Band.

          Laut Betriebsrat werden dieses Jahr insgesamt 300 zusätzliche Mitarbeiter in der Entwicklung eingestellt, bis Ende des Jahrzehnts bis zu 300 Beschäftigte für das Getriebewerk, zudem vom nächsten Jahr an bis zu 100 in der Fertigung für Kundendienstteile und 150 im Presswerk. Das Ziel von 1850 neuen Mitarbeitern, das 1000 Mitarbeiter einer dritten Schicht im Autobau einschließt, liegt über jener, die Schäfer-Klug im Frühjahr nannte. Damals war von 1650 die Rede gewesen.

          Opel zieht im übrigen Konsequenzen aus der Abwertung des Pfunds, die den Autobauer wieder in die roten Zahlen hat rutschten lassen. In Großbritannien hat die Firma die Preise für Autos angehoben, die großenteils vom Kontinent kommen, wie es im Unternehmen heißt.

          Wichtiges Signal an General Motors

          Die Arbeitnehmervertreter streben derweil mehr Autonomie und größere Flexibilität für Beschäftigte an – als Gegenmodell zum althergebrachten Kontrollieren und Anordnen durch Vorgesetzte. Auf dem Weg zu ihrem Ziel sind sie schon gut vorangekommen. Schäfer-Klug nennt die seit 2013 erprobte Vertrauensarbeitszeit für Mitarbeiter in der Entwicklung am Stammsitz als Pilotprojekt, an dem auf freiwilliger Basis eine hohe dreistellige Zahl von Ingenieuren teilnimmt. Diese außertariflich Beschäftigten tragen selbst ein, wie lange sie an welchem Tag gearbeitet haben; daraus ergibt sich, ob sie Überstunden angehäuft haben oder nachlegen müssen. „Das Schöne ist: Sie können ihre Überstunden auch nehmen“, sagt Schäfer-Klug, sie fielen nicht unter den Tisch.

          Flexibel: Wolfgang Schäfer-Klug führt den Betriebsrat von Opel.

          Anfangs hätten mehr als 80 Prozent der in Frage kommenden Mitarbeiter die Vertrauensarbeitszeit gewählt, mittlerweile seien es noch mehr. Nun will der Betriebsrat dieses Modell auf mehr Beschäftigte ausdehnen – zumal es nach den Worten seines Vorsitzenden keine einzige Beschwerde über das Pilotprojekt gegeben habe. Schäfer-Klug wertet dieses Arbeitszeitmodell auch als ein wichtiges Signal an die Konzernmutter General Motors (GM) in Detroit. Opel habe damit Flexibilität bewiesen. Das sei sogar eine Voraussetzung für das vor wenigen Wochen in Betrieb genommene Motorentestzentrum gewesen.

          Rahmen für Absprachen

          Flexibilität für das Unternehmen zu schaffen und gleichzeitig Mitarbeiter zu entlasten, diesem Ziel soll die neue, für gut 6000 Opelaner geltende Gleitzeitordnung dienen. Als weiterer Vorteil gilt die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie einschließlich der Pflege von Angehörigen. Die mit dem Unternehmen vereinbarte Gleitzeitspanne gilt von Montag bis Freitag von 6 bis 20 Uhr. Diese Grenze ist nach den Worten Schäfer-Klugs gesetzt worden, weil beide Seiten Wert darauf legten, Freizeit und Arbeitszeit klar voneinander zu trennen.

          Wenn ein Vorgesetzter erwarte, dass ein Mitarbeiter auch nach 20 Uhr noch arbeiten müsse, müsse er die kostenträchtige Mehrarbeit beantragen. Anders als nach einer früheren Regelung sei ein Mitarbeiter nicht mehr auf den guten Willen des jeweiligen Vorgesetzten angewiesen, wenn er Gleitzeit nutzen wolle. Die vier Stunden Anwesenheit während der Kernarbeitszeit von 9.30 bis 16.30 Uhr dienen demnach als Rahmen für Absprachen mit Vorgesetzten und den Kollegen – und nicht zuletzt dem Zusammenhalt in einer Abteilung.

          Moderne Arbeitszeitmodelle zur Wettbewerbsfähigkeit

          Ein Sinn des Ganzen sei, Vorgesetzte dazu zu bringen, mit Beschäftigten zu sprechen, statt etwas anzuweisen, und so eine Vereinbarung auf Augenhöhe zu treffen. Schäfer-Klug verhehlt nicht, dass diese Regeln auch den Betriebsräten zupass kommen. Sie müssten sich nicht in jeden Streitfall einklinken. Daraus folgt, dass sie mehr Zeit für andere Vorhaben zugunsten von Belegschaft und Firma haben – etwa für das Thema mobiles Arbeiten.

          Eine Übereinkunft soll dazu bis Ende März 2017 bei Opel stehen, wenn es nach Schäfer-Klug geht. „Die Belegschaft wartet darauf.“ Auslöser für dieses Projekt sei der Erzieherinnen-Streik gewesen, der viele Mütter und Väter bei Opel in Schwierigkeiten gebracht habe. Mit der Übereinkunft wolle man sich nicht nur für solche Fälle wappnen: Moderne Arbeitszeitmodelle hätten auch viel mit Wettbewerbsfähigkeit zu tun, wie der Betriebsratschef meint.

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