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Opel : „Er war zu arbeitnehmerfreundlich“

  • -Aktualisiert am

So trüb wie die Farben dieses Bildes ist momentan die Stimmung bei den Opel-Mitarbeitern. Bild: Wresch, Jonas

Es herrscht keine Urlaubsstimmung bei den Opel-Mitarbeitern in Rüsselsheim. Sie hoffen und bangen - und erzählen, was sie vom Stracke-Rücktritt halten.

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          Seit Donnerstag stehen die Produktionsbänder im Opelstammwerk in Rüsselsheim still. Die meisten Mitarbeiter haben sich schon in die Sommerpause verabschiedet, drei Wochen dauern die Betriebsferien. Doch die Urlaubsstimmung ist bei vielen getrübt. Seit Donnerstag müssen die Opelaner mit einer Übergangslösung leben - wieder einmal. Der bisherige Vorstandsvorsitzende Karl-Friedrich Stracke, der die Unternehmensführung erst im April vorigen Jahres übernommen hatte, hat überraschend seinen Rücktritt erklärt. Einen Grund für den Schritt hat das Unternehmen nicht genannt. Der Aufsichtsratsvorsitzende Stephen Girsky, Vize-Chef des amerikanischen Mutterkonzerns General Motors (GM), wird die Geschäfte vorübergehend führen.

          Die Mitarbeiter spekulieren derweil über die Gründe für den Rückzug. „Der war zu lasch“, sagt ein 60 Jahre alter Opelaner, der gerade seine Schicht im Stammwerk beendet hat und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Stracke war zu arbeitnehmerfreundlich.“ GM wolle schnell wieder Gewinne sehen. Das werde aber viel mehr Arbeitsplätze kosten, befürchtet der Ingenieur, der seit 40 Jahren für den Rüsselsheimer Autobauer arbeitet - „mit Überzeugung“, wie er sagt. Opel habe kaum noch Chancen auf dem europäischen Markt. „Die Marke stirbt“, sagt der Mann. GM setze auf Chevrolet als preisgünstige Marke für Europa. Für Opel sei da kein Platz mehr.

          „Wir bauen doch super Autos. Bei diesen schlechten Schlagzeilen bekommt das nur keiner mit“

          „Bochum ist GM ein Dorn im Auge“, sagt ein anderer, der gerade durch Werkstor 60 an der Mainzer Straße kommt. Detroit wolle die Schließung des Werks in Nordrhein-Westfalen knallhart durchziehen. Strackes Zusicherung, dass bis 2016 niemandem in Bochum betriebsbedingt gekündigt werde, habe den Amerikanern nicht gepasst, sagt der 56 Jahre alte Industriemechaniker, der in der Instandhaltung arbeitet. Um das Werk in Rüsselsheim habe er keine Angst. Durch sein Alter sei er vor einer Entlassung geschützt. Für die jungen Mitarbeiter und Auszubildenden befürchte er allerdings harte Einschnitte, sagt er und verstaut die Arbeitstasche in seinem dunkelblauem Auto, einem Opel, versteht sich. Er klopft auf das Dach des Wagens, bevor er einsteigt und sagt: „Wir bauen doch super Autos. Bei diesen schlechten Schlagzeilen bekommt das nur keiner mit.“

          Andere Opel-Mitarbeiter in Rüsselsheim sind angesichts der anhaltend schlechten Nachrichten resigniert. „Das geht doch seit zwölf Jahren schon so“, sagt ein kräftiger Mann in blauer Mechanikerkleidung. Er sitzt auf einer Bank vor dem Opelwerk und macht eine Raucherpause. Der Rücken ist gekrümmt, die Arme auf den Beinen aufgestützt, sein Blick ist starr auf eine Pfütze vor ihm gerichtet. Tiefe Züge nimmt er an der Zigarette in seiner Hand. „Wie’s weitergeht, weiß keiner. Das wissen die da oben doch selbst nicht“, sagt der Mann. Sein halbes Leben arbeite er schon bei Opel. Er hoffe, dass sein Arbeitgeber eine Zukunft habe. Stracke hätte aber mit seinem Rücktritt noch einen Tag warten sollen. „Heute, an einem Freitag, dem Dreizehnten, wäre doch ein besserer Zeitpunkt gewesen“, sagt er mit einem Grinsen.

          „Wir lassen uns überraschen“

          Horst Schmitt ist seit 1986 bei Opel und „erschüttert“ über Strackes Rückzug. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende sei ein Opelaner „durch und durch“ gewesen. Einen Grund für den Rücktritt könne er nicht erkennen. Stracke habe nichts falsch gemacht. Die Vereinbarungen und Standortverträge für die Opelwerke haben aus seiner Sicht weiterhin Bestand. Eine Gefahr für das Werk in Rüsselsheim bestehe durch den Wechsel an der Spitze nicht. Dass innerhalb von wenigen Monaten der Chef so schnell gehe, sei aber überraschend.

          Derweil hat die Suche nach einem Nachfolger für Stracke begonnen. Der Aufsichtsratsvorsitzende Girsky soll nach Unternehmensangaben den Chefposten nur vorübergehend übernehmen. Als möglicher neuer Opel-Chef wird der Strategievorstand Thomas Sedran gehandelt. Die Wechselspiele an der Spitze wollen die meisten Mitarbeiter gestern vorm Opelwerk in Rüsselsheim nicht kommentieren. „Wir lassen uns überraschen“, sagt einer. Ein anderer befürchtet, dass der Neue die Sparziele Detroits mit „harter Hand“ auf Kosten der Mitarbeiter durchsetzen werde.

          Andere Opel-Mitarbeiter lassen sich vom Wechsel an der Unternehmensspitze nicht beeindrucken. Seit 23 Jahren stehe er am Fließband bei Opel, sagt ein 50 Jahre alter Mann, während er zum Werkseingang eilt. Um seinen Arbeitsplatz habe er keine Angst. Schließlich gebe es Opel seit 150 Jahren. Das Unternehmen stehe gewiss nicht vor dem Aus. „Vielleicht arbeiten hier in Zukunft weniger Menschen. Es wird aber weitergehen“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Dann verschwindet er hinter dem Drehgitter am Werkseingang.

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