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Opel-Altwerk in Rüsselsheim : Neustart mit Oldtimern

Heruntergekommen: Aus der alten Halle soll ein Schauraum für Oldtimer werden. Bild: Marcus Kaufhold

Das Opel-Altwerk in Rüsselsheim soll binnen zehn Jahren zur Motorworld Manufaktur werden: mit Platz für Schauräume, Werkstätten, Läden, Hotel und Wohnungen.

          3 Min.

          Beidseitig der Gleise, die vom Rüsselsheimer Bahnhof zum Haltepunkt Opelwerk führen, könnte die Gemütslage kaum unterschiedlicher sein. Während die Beschäftigten des vom französischen Konzern PSA übernommenen Automobilherstellers sorgenvoll in die Zukunft schauen, weil unerwartet auch noch ihr stets hochgelobtes Entwicklungszentrum zur Disposition steht, herrscht auf der anderen Seite der Bahnstrecke Aufbruchstimmung. Im Opel-Altwerk, mit dem man jahrelang nicht wirklich etwas anzufangen wusste, soll sich endlich etwas tun.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Seit einem halben Jahr gehört das 60.000 Quadratmeter-Areal zwischen den Gleisen und der Weisenauer Straße, inklusive des an die Gründerfamilie Opel erinnernden Adamshofs, mehrheitlich der Motorworld Group des Unternehmers Andreas Dünkel. Der 54 Jahre alte Oldtimer-Liebhaber aus Baden-Württemberg verspricht, in Rüsselsheim wie zuvor schon an anderen Standorten „Raum für mobile Leidenschaft“ zu kreieren; die Werkshallen und Bauten will er dabei so pfleglich behandeln und so sauber sanieren, dass das Industriedenkmal bald wieder in altem Glanz erstrahle. Noch dazu soll im Altwerk ein „lebendiges Stadtquartier“ mit Wohnungen, Büros, kleinen Läden, Gastronomie und vermutlich einem Hotel geschaffen werden.

          Kein Wunder also, dass sich die Stadtspitze im Rathaus mit der jüngeren Entwicklung des Geländes, das lange als Standort für ein Einkaufszentrum im Gespräch war, sehr zufrieden zeigt. Von einem „grundsoliden Unternehmen“, das seit 2009 in Böblingen und neuerdings auch in Köln vergleichbare Motorworld Manufakturen betreibe, sprach gestern Oberbürgermeister Udo Bausch (parteilos). Das Ganze sei ein „Glücksfall“ und werde angesichts einer Bruttogeschossfläche von gut 100.000 Quadratmetern in den nächsten Jahren eine „Riesen-Investition“ nach sich ziehen. Von, grob gerechnet, 100 Millionen Euro, die über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren fließen werden, geht Dünkel aus, dessen Gruppe zum Jahreswechsel mit der Übernahme von 70 Prozent der Anteile zum Hauptgesellschafter des Projekts „Opel-Altwerk“ geworden ist, das von den bisherigen Eigentümern mitgetragen wird.

          Für jeden Ort eine stimmige Idee

          Da er nicht beabsichtige, wie ein Franchise-Unternehmen ein Konzept für alle Standorte vorzugeben, sondern in jedem Einzelfall nach regionalen Partnern und stimmigen Ideen suche, werde es noch eine Weile dauern, bis die Rüsselsheimer Motorworld-Variante ausgereift sei. In Mallorca zum Bespiel, wo die Gruppe ebenfalls aktiv ist, entstehe ein Mobilitätszentrum, in dem von Urlaubern auch klassische Fahrzeuge und Elektro-Fahrräder für Touren über die Insel ausgeliehen werden könnten. So etwas brauche man in Rüsselsheim in diesem Umfang nicht.

          Steht größtenteils leer: Für das Altwerk auf dem Opel-Gelände in Rüsselsheim wird schon länger nach einer neuen Nutzung gesucht.

          Grundsätzlich spielen Oldtimer und Youngtimer, Rennwagen und Spezialfahrzeuge sowie deren Besitzer die zentrale Rolle, wenn es darum geht, eine Motorworld Manufaktur mit Leben zu erfüllen. Auf einem alten Flughafengelände in Böblingen etwa, wo in gläsernen Garagen von Privatpersonen einige hundert sehenswerte Autos mit einem Gesamtwert von rund 250 Millionen Euro unter- und ausgestellt werden, kommen jährlich bis zu 600.000 Besucher vorbei. Rund um die Schauräume, in denen laut Dünkel die Glasboxen zu Preisen zwischen 150 bis 200 Euro im Monat vermietet werden, siedeln sich erfahrungsgemäß rasch Handwerksbetriebe an: Von denen einige als Zubehörhersteller, Teilelieferanten, Sattler, Painter, Veredler, Schrauber und auch Oldtimerhändler mit dem Über-Thema „Mobile Leidenschaft“ zu tun haben. Andere, „wie ein guter Tätowierer oder eine Kaffeerösterei“, gehören für Dünkel ebenso wie einige Gastronomiebetriebe dazu, um das bei freiem Eintritt angebotene Gesamterlebnis abzurunden.

          Andreas Dünkel, Vorsitzender der Motorworld Group, will „mobile Leidenschaft“ ins Opel-Altwerk zurückbringen.

          Wobei das gleichfalls vorgesehene Hotel, das seine Zimmer im Idealfall mit ein paar Oldtimer-Accessoires schmücken sollte, zweifellos eine herausragende Stellung einnehmen würde. Ob darüber hinaus, nur ein Steinwurf vom Bahnhof entfernt, noch ein Boardinghouse eröffnen wird, ist laut Dünkel wie vieles andere davon abhängig, „ob der Markt das hergibt und sich ein passender Anbieter bei uns meldet“.

          Keine Tabus für die Motorworld

          Obwohl am Gesamtkonzept, zu dem ein großer Veranstaltungsraum, ein überdachter Adamshof und eine weitere Zufahrt von der Weisenauer Straße aus gehören, noch gefeilt wird und der Bebauungsplan entsprechend geändert werden müsste, sieht sich der Firmenchef schon mittendrin in der neuen Aufgabe. Aktuell sei man dabei, Büroflächen zu vermieten. Auch stünden schon wieder deutlich mehr Fahrzeuge auf dem Gelände als früher.

          Gemeinsam mit den Denkmalschützern wolle man, wie anderswo mit Erfolg praktiziert, nach den jeweils besten Lösungen für die zum Teil mehr als 100 Jahre alten Hallen und Häuser suchen. Weil selbst Oldtimer-Liebhaber nicht jünger werden, kann sich Dünkel vorstellen, dass auf dem weitläufigen Areal zum Schluss einige Wohnungen und ein Pflegeheim unterkommen. Aus seiner Sicht gibt es keine Tabus, sagte der Firmenchef. So hoffe er auch, einen guten Barbier für die Motorworld zu finden.

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