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Online-Enzyklopädie in Buchform : Die ganze Wikipedia für das Bücherregal

  • -Aktualisiert am

Ein Mann, ein Buch: Christoph Kepper mit einem Tausendstel der gesamten Wikipedia-Reihe, die er und seine Kollegen zu Papier bringen wollen. Bild: Kaufhold, Marcus

Ein kleines Mainzer Unternehmen will das Online-Lexikon drucken - herauskämen 1000 Bände. Dafür sammeln die Mainzer Geld und denken schon an einen Drucker, der im Dauerbetrieb die steten Änderungen zu Papier bringt.

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          Vor vier Jahren ist die neueste Auflage der altehrwürdigen Encyclopaedia Britannica erschienen. 32 dicke Bände, eine Zierde für jedes Bücherregal. Aber die neueste Auflage war auch die letzte, die auf Papier herauskam. Denn die Encyclopaedia ist umgezogen – ins Internet. Dort lauert ihr größter Konkurrent: Wikipedia, geschrieben und redigiert von freiwilligen Autoren, in der englischen Version fast 4,5 Millionen Artikel stark. Trotzdem passt sie bei zehn Gigabyte Größe auf eine winzige Speicherkarte.

          Ein kleines Unternehmen aus Mainz wagt nun die Rolle rückwärts: Pedia Press will die komplette englische Wikipedia in Buchform produzieren. Kein herkömmliches Regal könnte die rund 1000 Bände mit jeweils 1200 Seiten halten. „Es ist ein Zeitdokument, das einmalig entsteht“, erklärt Christoph Kepper, Gründer von Pedia Press. Kleine Schrift, drei Spalten, Graustufen – das Vorab-Exemplar ist von einem herkömmlichen Lexikon kaum zu unterscheiden.

          Brückenschlag zu Gutenberg

          Im Februar hat das Fünf-Mann-Unternehmen einen Online-Aufruf zur Finanzierung gestartet. 50000 Dollar (rund 36000 Euro) sollen so zusammenkommen. Den Unterstützern versprechen die Macher etwa die Danksagung in einem der Bücher oder sogar auf dem Einband. Die Summe sei der Minimalbetrag, sagt Kepper. „Uns war es wichtig, dass das Projekt überhaupt stattfinden kann.“ Auf der jährlichen Tagung der Wikipedia-Gemeinde im August in London will Pedia Press das Ergebnis vorstellen.

          Das Mutterunternehmen Brainbot bietet Suchtechnologien und Datenanalyse an. Das Geschäftsmodell der Tochter Pedia Press lieferte den Anstoß, das größte Lexikon der Welt zu drucken – denn das Unternehmen schlägt die Brücke zurück zu Johannes Gutenberg. Bei Wikipedia können Nutzer elektronische Dossiers aus verschiedenen Artikeln zusammenstellen, sie sich die aber auch drucken und binden lassen inklusive eigener Umschlaggestaltung und Vorwort.

          Teil der Erlöse an Wikimedia

          Rund zwei Millionen Dateien würden so im Jahr zusammengestellt und heruntergeladen, sagt Kepper. Bücherbestellungen gingen dagegen nur knapp zehn am Tag ein. Vier Druckereien weltweit drucken und verschicken die Bücher, die Preise beginnen bei acht Euro. „Gutenberg wäre so stolz!“, schreibt ein Kunde auf der Internetseite.

          Zehn Prozent der Erlöse gehen an die Wikimedia Foundation, die das Online-Lexikon verwaltet. Als deren Gründer Jimmy Wales 2011 den Gottlieb-Duttweiler-Preis erhielt, verteilte er zum Dank Pedia-Press-Bücher unter den Gästen. „Es mag seltsam erscheinen, dass ich Ihnen ein Buch gebe. Wikipedia ist digital, Wikipedia ist online. Ich tue es, weil ich Sie bitte, ein wenig Abstand zu nehmen und über die Veränderungen in der Welt nachzudenken“, schreibt Wales im Vorwort. Eine „stille Revolution“ der Bildung sei im Gange, und Wikipedia könne dabei helfen.

          Soll ärmeren Regionen helfen

          So begründet auch Christoph Kepper den Druckservice, den es seit 2007 gibt. Nicht überall seien Computer oder Smartphones verfügbar. Das frei verfügbare Wissen könne aber gerade in diesen ärmeren Regionen vielen Menschen helfen.

          Die meisten Bestellungen kämen aber mit zusammen rund 60 Prozent aus Deutschland und den Vereinigten Staaten. Drei Typen von Büchern bestellten die Kunden am meisten, sagt Kepper: Detailwissen für den Akademiker, Reiseführer für Touristen mit ungewöhnlichen Zielen, und Geschenke: „Die Autos meines Papas“ oder „Historische Monumente in der Gegend“.

          Nicht für den freien Verkauf

          Die tausendbändige Einzelausgabe der Wikipedia hätte einen anderen Nutzen. Der ist allerdings nicht in einem Satz erklärt – und viele Kommentatoren des Werbevideos äußern harsche Kritik: „Das ist wahrscheinlich die dümmste Idee, von der ich je gehört habe“, schreibt einer, „Reine Papierverschwendung“, findet ein anderer. „Wikipedia ist dynamisch, lässt sich verändern und ergänzen. Wenn man das druckt, verliert man alles, was Wikipedia ist“, beschwert sich ein dritter.

          Die Bücher sollen aber kein einfaches Nachschlagewerk sein, sagt Kepper. Für den freien Verkauf ist es nicht vorgesehen. Die Buchform solle vielmehr deutlich machen, wie viel Arbeit hinter dem riesigen Umfang der Wikipedia stehe. „Wir müssen diesen Schatz, der in zehn Jahren entstanden ist, behüten und bewahren.“ Wissen sei heute zwar nicht mehr an physische Dimensionen gebunden, verliere dadurch aber an Ausstrahlung.

          Wanderausstellung möglich

          Wenn die fertigen Bücherreihen auf der Londoner Konferenz vorgestellt werden sollten, könnte ein Drucker im Dauerbetrieb die unzähligen aktuellen Änderungen zu Papier bringen. Noch ist aber die Finanzierung nicht gesichert. Erst knapp ein Viertel der Mindestsumme ist zusammengekommen, bis zum 11. April läuft die Crowdfunding-Kampagne noch. Wird das Ziel nicht erreicht, verfällt der komplette Betrag. „Wir sprechen aber mit Unternehmen, die interessiert sind“, sagt Kepper. „Wir sind optimistisch.“

          Nach der Veranstaltung stünden dann 1000 dicke Bücher in einem Kongresszentrum in London herum. Bei Interesse könne er sich eine Wanderausstellung vorstellen, sagt Kepper. Ansonsten würde Pedia Press die Sammlung der British Library spenden. „Die können mit der Menge an Büchern umgehen.“

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