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Online-Bestellung von Lebensmitteln : Laptop statt Supermarkt

Neuer Lieferdienst: Der Rewe-Supermarkt kommt ins Büro oder nach Hause. Bild: Lisowski, Philip

Die Online-Bestellung von Lebensmitteln ist dann interessant, wenn rasch geliefert wird. Ein Pilotprojekt des Rewe-Konzerns in Frankfurt und Hamburg lässt die Branche aufhorchen.

          Sabine H. aus Frankfurt hatte neulich ein Problem. Die alleinerziehende Mutter lag mit Grippe im Bett und sah sich nicht in der Lage, Milch und Brot für den nächsten Tag einzukaufen. Die Kraft reichte allenfalls dafür, den Laptop aufzuklappen und im Internet den Rewe-Supermarkt aufzusuchen. Hier füllte sie den Einkaufskorb, und am nächsten Morgen stand der Rewe-Lieferant mit den Lebensmitteln vor der Wohnungstür im dritten Stock. Damit war das Fieber nicht weg, aber die Versorgung gesichert.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit Ende September können Verbraucher in Frankfurt Lebensmittel online bestellen und sich für fünf Euro in einem vereinbarten Zeitraum nach Hause liefern lassen. Von 150 Euro Warenwert an kostet die Zustellung zwei Euro. Die Online-Bestellung mit anschließender Selbstabholung in zwei Frankfurter Rewe-Märkten gibt es bereits seit März. Frankfurt und Hamburg sind die ersten Regionen, in denen die Handelskette das Konzept testet, an dem sich die Konkurrenz vor Jahren die Finger verbrannt hat. Als zu schwierig und aufwendig galt die Belieferung mit frischen und tiefgekühlten Produkten.

          Einstieg durch Amazon

          Die Tengelmann-Gruppe stellte ihren Versuch in Frankfurt wieder ein, und auch die Supermarktkette Tegut aus Fulda stieg aus mit der Begründung, nur wenige Kunden seien bereit, den finanziellen Aufwand zu tragen. Auch eine Rewe-Sprecherin hatte 2008 abgewunken. Einkaufen sei ein „haptisches Erlebnis“, hatte sie damals gesagt. Kunden wollten eine Paprika vor dem Kauf riechen und anfassen.

          Nun scheint der Online-Handel mit Lebensmitteln in Bewegung zu kommen, nicht zuletzt durch den Einstieg von Amazon. Der Online-Händler verkauft seit Mitte 2010 Lebensmittel im Internet, zu den Konditionen, zu denen auch Bücher und DVDs verkauft werden. Gekühlte Waren werden über externe Partner ausgeliefert, die jeweils ihre eigenen Lieferbedingungen haben. Das macht es etwas kompliziert und unter Umständen auch teuer, weil der Besteller mehrmals Versandkosten berappen muss.

          Der Rewe-Konzern ist mit der Resonanz offenbar zufrieden

          Noch ist der Online-Marktanteil in Deutschland - genannt werden ein Prozent am Handelsvolumen von 150 Milliarden Euro - gering. In Amerika, England und China liege er deutlich höher, sagt Thomas Harms, Handelsexperte bei der Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Als einen Grund für die Zurückhaltung hierzulande nennt er das Erreichbarkeitsproblem. Außerdem seien Verbraucher nicht bereit, Lieferaufschläge zu zahlen. „Sie vergessen dabei, dass auch die Fahrt mit dem Pkw zum Supermarkt Kosten verursacht, vom Zeitaufwand ganz zu schweigen“, sagt Harms.

          Nach seiner Einschätzung denken aber inzwischen alle wichtigen Marktteilnehmer darüber nach, ein Online-Angebot einzuführen. Der Rewe-Konzern ist mit der Resonanz offenbar zufrieden. Vier Lieferwagen seien täglich im Einsatz. „Wir haben bis zu 100 Auslieferungen am Tag. Das ist ein hervorragender Wert“, sagt ein Sprecher. Der Standort Hamburg sei deswegen schnell hinzugekommen. Der Warenwert liege im Durchschnitt über dem Durchschnittsbon beim stationären Handel. Das bestätigt Ingo Bohg, Geschäftsführer des Online-Supermarktes Froodies, der bisher in fünf Städten - Dortmund, Düsseldorf, Köln, Münster und Wuppertal - den Einkauf nach Hause liefert. Bundesweit erfolgt die Zustellung durch Logistikpartner, die zwei bis drei Tage nach der Bestellung ausliefern. Bohg heißt den Rewe-Versuch gut. „Wir freuen uns über jeden weiteren Marktteilnehmer, denn zunächst einmal muss das Thema in die Köpfe der Verbraucher.“ Bohg will seinen Lieferservice im nächsten Jahr „zügig“ auf weitere Großstädte ausweiten. „Selbstverständlich ist auch das Rhein-Main-Gebiet Teil der Expansionsstrategie.“

          „Die fünf Euro zahle ich dafür gern“

          Eine Nachfrage sieht Bohg vor allem bei Familien mit Kindern, die sich das Tragen und den Stress im Supermarkt ersparen wollten. Laut Rewe zählen zu den Online-Einkäufern in Frankfurt vorwiegend gut verdienende Singles und Paare, aber auch Familien mit berufstätigen Müttern. Harms von Ernst & Young hält auch die immer größer werdende Gruppe der Älteren für einen vielversprechenden Markt. „In dieser Generation ist inzwischen die Bereitschaft zum Internet-Shopping groß - mit steigender Tendenz.“

          Aufmerksam beobachten Obst- und Gemüselieferanten aus dem Rhein-Main-Gebiet den Rewe-Vorstoß. Thomas Wolff, der mit dem Lieferservice Querbeet zu den führenden Direktvermarktern ökologischer Lebensmittel in der Region zählt, ist gespannt, „wie Rewe das hinkriegt“. Er erinnert an die gescheiterten Versuche der Branche seinerzeit, ist sich der Konkurrenzsituation aber durchaus bewusst. „Bei Rewe stecken ein ganz anderes Fundament und Werbebudget dahinter.“ Querbeet verzeichne mit seinem Lieferservice nach wie vor zweistellige Zuwächse. Seinen Vorteil sieht der Direktvermarkter vom Pappelhof in der Wetterau in der Frische und der „gelebten Regionalität“. Sellerie, Kartoffeln, Möhren und Lauch wüchsen auf heimischen Böden. „Das ist das, was die Leute wollen.“

          Sabine H., die inzwischen wieder gesund ist, weiß auch, was sie will: nicht mehr nach der Arbeit oder am Wochenende im Supermarkt stehen, die Quengelei der Tochter bei den Süßigkeiten ertragen und Tüten schleppen. „Die fünf Euro zahle ich dafür gern“, sagt die allein erziehende Mutter.

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