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Oktoberfest : Hendl, Dirndl, Braustübbsche

  • -Aktualisiert am

Der Blick des Herrn galt sicherlich nicht nur dem Pferd, sondern auch Model Gina Lisa. Bild: Röth, Frank

Zum vierten Mal wird in Frankfurt Oktoberfest gefeiert. Der Import bajuwarischer Tradition ist zwar unnötig und peinlich. Aber er funktioniert.

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          „Frankfurter Weisswurstsenf mit Apfelwein“ steht auf dem kleinen Glas mit dem süßen Aufstrich. So sieht er also aus, der Import bajuwarischer Tradition: orthographisch fehlerhaft und zutatenseitig bedenklich. Südlich der Donau würde niemand zu Apfelwein süßen Senf verzehren, und egal, ob man nun Händlmaier oder König Ludwig für den besseren Münchner Weißwurstsenf hält: Alles ist leckerer als die Variante vom Main. Aber irgendwie müssen Frankfurt und das Oktoberfest halt passend gemacht werden.

          Seit vier Jahren organisieren der Festwirt Eddy Hausmann und der Veranstalter Kai Mann die Wiesn am Main. Jedes Mal ist sie ein bisschen größer geworden. Im Vorjahr kamen 30.000 Besucher. In diesem Jahr waren fast alle Abende im Festzelt vor dem Stadion im Stadtwald schon vor Beginn des Festes am Donnerstag ausverkauft. Ob eine Großstadt, in der im Sommer fast jedes Wochenende in einem anderen Stadtteil Kerb ist, in der es das Museumsuferfest gibt und den Wäldchestag, ob also Frankfurt unbedingt Feierkultur importieren muss, ist zweifelhaft. Aber wo Erfolg ist, ist der Zweifler schnell nur noch Nörgler. Warum sollte Frankfurt denn kein Oktoberfest haben dürfen? Das fragen Gäste und Veranstalter zurück, wenn sie gefragt werden: warum?

          Gaumenschmaus, nicht nur für den Bauch, auch für das Auge: Das Model Gina Lisa bei seiner Ankunft vor dem Festzelt bei der Commerzbankarena.    Bilderstrecke
          Oktoberfest in Frankfurt : Gaumenschmaus, Bier und Brez’n

          „Frankfurt ist dicht an München dran“

          Bayerische Traditionen werden schon seit Jahren auch außerhalb des Freistaats gern gepflegt. Es ist ja auch ziemlich einfach: Karierte Tischdecken, halbe Hendl, Dirndl und Lederhosen - „o’zapft is“. Obwohl der ehrenamtliche Stadtrat Michael Paris zur Eröffnung das erste Fass Festbier mit nur einem Schlag erfolgreich ansticht, geht der dazugehörige Spruch natürlich daneben, weil es immer peinlich ist, Dialekte nachzumachen. Immerhin ist die Oktoberfestband Münchner Zwietracht, die auftritt, als das Bier läuft, ein Original. Und der seltsame Sog, der von der taumelnden Feierei mit eigentlich viel zu schweren Bierkrügen ausgeht, funktioniert irgendwann auch am Main. Ein Jungstisch rechts von der Bühne steht schon beim zweiten Lied der Zwietracht dauerhaft. Es sieht zwar aus, als sei das so, weil es eben so sein müsse. Trotzdem gibt es mit jeder Maß mehr und mehr Nachahmer.

          Die Promis sitzen in Box3, die „Braustübbsche“ heißt. Die Profis sind an den Augen zu erkennen. Sie beherrschen die Kunst, einmal das Halbrund der Kameras abzutasten, ohne dass dabei der fürs Foto einstudierte Gesichtsausdruck entgleist. Gina-Lisa Lohfink, einst Kandidatin bei Heidi Klums Topmodel-Show, kann das. „Frankfurt ist dicht an München dran“, sagt Lohfink über das Oktoberfest. So dicht halt, wie es geht, wenn im Hippodrom Olli Kahn sitzt und das offizielle Gesicht des Frankfurter Oktoberfests Anja Polzer heißt. Polzer war in diesem Jahr die siegreiche Kandidatin in der Kuppelshow „Der Bachelor“ und ist seit Juni selbständig, wie sie sagt. Auf ihrer Facebook-Seite steht, dass man sie buchen kann für Clubs und Diskotheken, für Shootings und als „VIP Special Guest“. „Ich mache das hauptberuflich“, sagt Polzer, und es stört sie nicht, als C- oder D-Promi bezeichnet zu werden. „Es ist okay, wenn die Leute erst mal skeptisch sind. Man muss sich den Respekt erst erarbeiten.“ Sie mache jetzt eine Handtaschen- und Schuhkollektion.

          „Wir helfen Kindern“

          Die Promis sind am Eröffnungsabend des Frankfurter Oktoberfests da, weil sich das so gehört. Genauso wie das Spendensammeln für „Wir helfen Kindern“, das nach den Worten von Veranstalter Kai Mann „immer gut ankommt“. Trotzdem ist die „Promi-Wiesn“ einer der wenigen Abende, der vor Beginn des Festes nicht ausverkauft war. Als auf der Bühne die insgesamt 23.500 Euro Spenden überreicht werden, als Gina-Lisa Lohfink und Anja Polzer eine Handvoll Fotografen und Kameramänner anlächeln, gucken viele der Besucher im Parkett - die, die nicht in einer der erhöhten Boxen sitzen - auf ihre Teller.

          Auch Jeanette und Claudia aus dem Taunus tun das. Die beiden fahren normalerweise nach München zum Oktoberfest, in diesem Jahr klappt das aber nicht. Jetzt sitzen sie in ihren in Bayern gekauften Dirndl an Tisch 201 und beklagen sich. Über den Eintrittspreis, der pro Abend zwischen 31 und 43 Euro liegt, während der Zeltbesuch in München frei ist. Über die orange Essensgutschein-Schnipsel im Wert von 15 Euro, die die Sache ihrer Ansicht nach nur noch komplizierter machen. Über den Preis für die Maß Bier, der mit gut sieben Euro zwar deutlich unter Münchner Niveau liegt, den Jeanette und Claudia aber trotzdem zu hoch finden. Schließlich sei das hier nur Frankfurt.

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