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Juniorprofessorin : Ohne Denkverbote: Islamdebatte entkrampfen

Keine Denkverbote: Armina Omerika ist in Mostar und Mühlheim aufgewachsen. Sie lehrt an der Goethe-Uni Ideengeschichte des Islam. Bild: Helmut Fricke

Vor zwei Jahren erhielt Armina Omerika an der Goethe-Universität Frankfurt den Lehrstuhl für eine Juniorprofessur für die Ideengeschichte des Islam. Eine Vorlesung über die Geschichte der islamischen Theologieschulen ist geplant.

          Die Koffer sind ausgepackt, die Klamotten gewaschen, jetzt kann sich Armina Omerika auf das Sommersemester vorbereiten. Die Juniorprofessorin für Ideengeschichte des Islam ist zurück aus Zürich, wo sie als Gastprofessorin bei den Islamwissenschaftlern Geschichte und Glauben des Islams gelehrt hat. Demnächst wird sie im Juridicum auf dem Campus Bockenheim der Frankfurter Universität, wo das Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam logiert, eine Vorlesung über die Geschichte der islamischen Theologieschulen halten. Denn die Vorstellung von der absoluten Transzendenz Gottes habe sich erst im neunten Jahrhundert herausgebildet. Dazu bietet sie ein Seminar über die entsprechenden Primärquellen an und ein zweites über die Geschichte des Islam auf dem Balkan.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dort war ihre Familie zu Hause. Die Eltern waren in den siebziger Jahren als Gastarbeiter aus Jugoslawien nach Deutschland eingewandert. Ihr Vater, studierter Volkswirt, der hier auf dem Bau arbeitete, brachte seine 1976 in Mülheim an der Ruhr geborene Tochter noch als Baby zu den Großeltern nach Mostar im heutigen Bosnien-Hercegovina. Bis zur achten Klasse besuchte sie die dortige Grundschule und lernte von ihrem Großvater, einem islamischen Privatgelehrten, die Lust am intellektuellen Spiel. „Ich habe den Islam als etwas Lebensbejahendes kennengelernt. Religion war bei uns nie ein Krampf“, erinnert sich Omerika. Es habe in den Moscheen auch keine getrennten Räume für Männer und Frauen gegeben. „In der Moschee haben wir das Kopftuch umgebunden, und auf dem Heimweg haben wir es wieder abgenommen.“

          Treffen mit der Geschichte: Ihre Forschung führt sie 2010 nach Sarajevo

          Als 1991 der Slowenien-Krieg ausbrach, holten die Eltern sie gerade noch rechtzeitig zurück nach Deutschland. Trotz ihrer Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache durfte die Musterschülerin das Gymnasium besuchen. Derweil wütete der Krieg nun auch in Bosnien. Im Heimatdorf der Mutter wurden die Nachbarn massakriert, in Mülheim schlief die Schülerin auf dem Boden, weil Flüchtlinge die Betten belegten. Nach dem Abitur 1996 studierte sie Islamwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und an der Liverpool John Moores University. 2009 wurde sie mit einer Arbeit über islamisch-religiöse Netzwerke in Bosnien-Hercegovina im 20. Jahrhundert promoviert. Als sie 2010 in Sarajevo den Islam auf dem Balkan erforschte, grub sie mit Studenten eigenhändig die Skelette der Toten von Visegrád 1992 aus dem Schlamm der Drina aus: „200 Menschen konnten identifiziert werden, 2000 gelten noch als vermisst.“

          Zwischen 2010 und 2012 war sie auch Mitglied des Plenums der Deutschen Islamkonferenz. Sie nennt sich selbst eine „Frau des Randes“, weil ihr Forschungsschwerpunkt Ost- und Südosteuropa sowie den Kaukasus und Zentralasien umfasst. Dafür hat sie außer Türkisch und Arabisch auch noch Russisch gelernt. Kyrillisch schreiben konnte sie als bosnische Muttersprachlerin ohnehin. Seit 2005 hat sie in Bochum und Erfurt, in Basel und an der St. Lawrence University von Canton/New York geforscht und gelehrt.

          Raum schaffen für den Diskurs

          Vor zwei Jahren erhielt sie an der Goethe-Universität den Lehrstuhl für eine auf sechs Jahre befristete Juniorprofessur für Ideengeschichte des Islam. Anders als die Islamwissenschaften mit ihrer sozial- und kulturwissenschaftlichen Ausrichtung definiert ihr Fach die islamische Theologie neu: „Das ist einzig auf der Welt.“ Omerika versucht, traditionelle Gelehrsamkeit mit modernen wissenschaftlichen Methoden und interreligiösen Modellen zu vereinen. Ihre Studenten müssen auch Linguistik lernen, um die Quellenbestände zu erschließen. Damit tut sich mancher Traditionalist schwer. „Ich habe aber auch konservative Studenten, die sehr reflektiert sind“, hebt Omerika hervor. Niemals würde sie jemanden voreilig in eine ideologische Ecke stellen. Die Juniorprofessorin will „einen Raum schaffen, in dem keiner Angst haben muss, zu sagen, was er denkt“.

          Das Historisieren von Glaubensinhalten kann weh tun. „Aber ich will den Glauben nicht zerstören, sondern auf mündige Weise stärken“, sagt Omerika, die selbst agnostische Phasen hinter sich hat. „Ich bin streng, aber bei mir wird auch viel gelacht.“ Die Krämpfe, die hierzulande in der Islamdebatte entstehen, sind ihr fremd. Auch von ihren Studenten wünscht sie sich manchmal ein bisschen mehr Lockerheit. „Was ich bei den jungen Leuten vermisse, ist die Lebenslust.“

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