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Offenbach zeigt sich offen : Eindringen in die Privatsphäre erwünscht

Freuen sich auf Besuch: die Offenbacher Rachid und Katharina mit ihren beiden Kindern Aron und Ava Bild: Urban Media Project

Das Offenbacher Projekt „Eine Stadt zeigt sich. Offen“ geht diesmal über die Stadtgrenze hinaus und integriert Frankfurter als Gastgeber. Sie laden Fremde in die eigenen vier Wände ein, um von sich zu erzählen.

          Es geht um das Leben der Anderen. Aber ganz und gar nicht so düster wie im gleichnamigen Kinofilm um die heimlich-heimtückischen Einblicke der Stasi in die Privatsphäre von Menschen. Das Projekt „Eine Stadt zeigt sich. Offen“, das am 9. und 10. Juni in Offenbach und Frankfurt stattfindet, ist das genaue Gegenteil davon. Dabei laden 40 Offenbacher und Frankfurter ihnen unbekannte Menschen ein, sie in ihrem Haus oder ihrer Wohnung und damit ihrer privatesten Umgebung zu besuchen, um ihnen von sich zu erzählen. Es ist eine Chance, etwas aus dem Leben vollkommen fremder Frauen, Männer und Familien zu erfahren, Einblicke in unterschiedliche Schicksale, Lebensentwürfe und Lebenswirklichkeiten verschiedener Ethnien und Generationen zu erhalten.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Da ist etwa die Gastgeberin Mashid Najafi, die 1952 in Esfahan im Iran geboren wurde. Nach einem Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten konnte die Frau, die stets für Gleichberechtigung und Demokratie gestritten hat, wegen der Islamischen Revolution nicht nach Iran zurückkehren. Über Umwege kam sie 1985 nach Deutschland und bat mit ihrem Mann um Asyl. Seither lebt sie in Offenbach, inzwischen in einem Mehrgenerationenhaus.

          Künstler Sandip erwartet Gäste

          In Frankfurt erwartet beispielsweise der Künstler Sandip Gäste in seiner Wohnung, die früher ein Ladenlokal war. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf Malerei, Performance und Installation. Außerdem hat er eine Vorliebe für ungewöhnliche Ausstellungskonzeptionen und mehrgängige Menüs in netter Gesellschaft, wie er sagt. Studiert hat der gebürtige Darmstädter an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und am Städel in Frankfurt.

          Ebenfalls in Frankfurt öffnen zwei Paare und ein alleinerziehender Vater gemeinsam ihre Privaträume in der Wohnanlage am Ginnheimer Weimarfloß: Norbert und Andrea, Andreas und Irem sowie Stefan, der dort mit seinen Töchtern lebt. Das Ungewöhnliche ist, dass sie sich eher als Mitglieder einer Wohngemeinschaft sehen, denn als Nachbarn, die sich einfach nur gut verstehen.

          Schwärmen von der bunten Nachbarschaft

          In Offenbach erwarten Katharina und Rachid gemeinsam mit ihren beiden Kindern Aron und Ava Gäste. Die Online-Redakteurin und der Maschinenbauingenieur haben sich kurz nach dem Abitur in Offenbach kennengelernt und sind der Stadt treu geblieben. Sie haben sich ein Haus am Tempelsee renoviert und schwärmen von der bunten Nachbarschaft, die vom Busfahrer bis zum Architekten, vom Portugiesen bist zum Kroaten reicht.

          Vier von 40 Stationen, die das Projekt „Eine Stadt zeigt sich. Offen“ diesmal bietet, das der Offenbacher Loimi Brautmann mit seiner Agentur Urban-Media-Projekt entwickelt hat. Brautmann ging es darum, Leute zusammenzubringen und Hemmschwellen zu überschreiten. Er selbst habe einen Blick für das andere, das Außergewöhnliche. Das wollte er Leuten zugänglich machen, die womöglich einen Schubs brauchten, um selbst neue Entdeckungen zu machen.

          „Sie alle erwarten euch mit ihren Geschichten“

          Daraus hat er zunächst Stadtspaziergänge zu besonderen Orten entwickelt, die zu einem festen Produkt seiner Agentur wurden. 2014 war dann der erste Testlauf für das Projekt „Eine Stadt zeigt sich. Offen“. Das hat damals auf Anhieb besser funktioniert, als er selbst es erwartet hatte. An einem Wochenende luden 20 Gastgeber aus mehr als zehn Nationen zu sich nach Hause ein. „Sie alle erwarten euch mit ihren Geschichten, Gerichten und vor allem ihrer herzlichen Gastfreundschaft“, hieß es seinerzeit in der Einladung.

          Genau so soll es auch in diesem Jahr wieder sein, wenn es nach Brautmann geht. Im vergangenen Jahr waren es ebenfalls 20 Gastgeber, ausschließlich im Gebiet von Offenbach. In diesem Jahr wurde der große Nachbar mit ins Boot genommen. Ohne ein ausgesprochen dicht geknüpftes Netz an Kontakten und Beziehungen funktioniert das freilich nicht. Aber über das verfügen Brautmann und sein Team, die neben Offenbach auch Frankfurt, das hessische Wirtschafts- und Verkehrsministerium, die Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft des Landes und die Hessen Trade & Invest GmbH zu ihren Kunden zählen.

          Das Projekt wird vom Deutschen Architekturmuseum, dem Offenbacher Amt für Arbeitsförderung, Statistik und Integration, dem Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten und der Polytechnischen Gesellschaft Frankfurt gefördert. Die Finanzierung ist durch das Land Hessen aus dem Programm Wir – wegweisende Integrationsansätze realisieren – gesichert. Der Mietrad-Anbieter Byke unterstützt die für die Teilnehmer kostenlose Veranstaltung, indem Räder für die Strecken zwischen den Gastgebern zur Verfügung gestellt werden.

          Zum mitmachen

          Anmeldung im Internet unter https://www.offen.city/anmeldung

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