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Offenbacher Kunstakademie : Auch einmal grell wie die Hemden Anton Schleckers

Stammsitz: Die Akademie für interdisziplinäre Prozesse am Offenbacher Goetheplatz Bild: Marcus Kaufhold

In der Offenbacher Akademie für interdisziplinäre Prozesse wird diskutiert, musiziert, bildnerisch performt – und das mit viel Freude. Der Vorsatz, Dinge immer wieder neu zu denken, ist aber auch ernste Geschäftsgrundlage.

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          Mit seinen bis zum Schmerz grellen Hemden hätte der gestürzte Drogeriemarkt-König Anton Schlecker gewiss auch die ein oder andere Aktion der Offenbacher „Akademie für interdisziplinäre Prozesse“ bereichert. Dazu ist es zwar bisher nie gekommen, aber afip-Gründer Lutz Jahnke profitiert trotzdem längst von den Fehlgriffen des inzwischen bankrotten und zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilten Fleischermeisters: Seit dem Sommer 2011 hat der an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung ausgebildete Designer mit seiner Akademie, seinem Schreibtisch und dem geliebten Schlagzeug in einer ehemaligen Schlecker-Filiale am Offenbacher Goetheplatz einen Ort gefunden.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          In der Akademie kann einem so ziemlich alles begegnen: Kunstperformances, die wohl amüsanteste Diskussion vor einer Oberbürgermeisterwahl, krasse Rapperinnen wie das Trio „Römischen Votzen“, die mit extrem direkten Texten arbeiten, Ausnahmemusiker wie der Jazz-Pianist Eyal Lovett, der einfach ohne Eintritt mit drei Freunden dort spielt, und die Offenbacher Slammer Finn Holitzka und Samuel Kramer, die sich am Goetheplatz einen meisterhaften Wortwettkampf liefern. Was durchaus wörtlich zu nehmen ist, denn die beiden sind schon entsprechend ausgezeichnet worden.

          Mischung aller Genres und Disziplinen

          Die afip hat inzwischen einen solchen Ruf im Kreis der Kreativen und Kulturschaffenden der Region und darüber hinaus, dass selbst die Frankfurter Buchmesse Jahnke kurzerhand einen Stand auf der aktuellen Messe unentgeltlich überlassen hat. Für Jahnke die Aufforderung, das Thema Buch noch einmal ganz anders zu denken. Heraus kam die Idee, gar keine Bücher auf der Buchmesse zu präsentieren, sondern ihren Grundstoff als Exponat zu nehmen: Buchstaben. Und weil Jahnke seine Ideen natürlich auch immer nutzen will, um Wirkung – gerne auch werbende – zu erzielen, sind es nicht irgendwelche Buchstaben, sondern das Kürzel seiner Akademie afip.

          Buchstaben statt Bücher: Stand von Afip auf der Frankfurter Buchmesse

          Die Mischung aller Genres und Disziplinen betreibt der Enddreißiger vorsätzlich. Er hat dabei sichtlich auch seine Freude, aber will zugleich ganz ernsthaft Prozesse in Gang bringen. Eben so, wie es der Name der Akademie verspricht. Dabei nutzt er seine Fähigkeit, Gegebenheiten zu erkennen, neu zu ordnen und so Neues entstehen zu lassen, wie er sagt. Diese nutzt er ideell wie auch beruflich. Er vergleicht seine Dienstleistung mit dem Ausleeren eines Eimer voller Legosteine, um daraus immer wieder etwas Neues entstehen zu lassen.

          Humor für Brötchen

          Nichts scheint vor seinen konstruktiven Interpretationen sicher. Ein Beispiel: Wenn irgendwo alte Brötchen auf dem Boden liegen, dann sieht der weniger ideenreiche Passant möglicherweise einfach darüber hinweg. Jahnke erkennt darin ein starkes Bild, mit dem man etwa die gesellschaftliche Diskussion darüber anstoßen könnte, wie es sein kann, dass Leute Essen wegwerfen, das sich andere nicht leisten können. Man könnte das Bild Jahnke zufolge aber auch sehr viel weniger dramatisch interpretieren, nämlich mit ordentlich herbem Humor für Brötchen werben etwa mit Texten wie „belegen, nicht betreten“.

          Seine Fähigkeit und Technik, Dinge scheinbar spielerisch immer wieder neu zu sehen und zu interpretieren, machen sich längst auch Führungsriegen selbst großer Unternehmen zunutze, darunter auch eine Airline, die ausgetrampelte Pfade verlassen und sehen wollte, was die eigene Marke und Belegschaft hergeben, wenn man die Struktur der Prozesse im Unternehmen neu denkt.

          „Gute und wichtige Sache“

          Dass auch diese Arbeit mit Kunden eben nicht in einem durchdesignten Studio mit dem Hippsten an Ausstattung passiert, das käuflich zu erwerben ist, sondern auf über viele Jahre hinweg verschlissenen Couchgarnituren, betagten Küchenstühlen und zu bunten Hockern zusammengefügten Autoreifen, gehört auch längst zur Marke afip.

          Reine Allüre ist das Gebrauchtmöbeldesign der afip allerdings nicht. Die 600 Quadratmeter kann sich Jahnke leisten, weil der Besitzer das, was der Designer dort macht, für eine „gute und wichtige Sache hält“. Überhaupt finanziert Jahnke die afip außer aus dem eigenen Budget mit Hilfe von Sponsoren. Öffentliche Unterstützung gibt es nicht.

          Und so wird er auch in diesem Winter mit seinem Designerbüro bei Freunden unterkommen. Denn die alte Schlecker-Dependance hat zwar inzwischen eine Heizung. Die aber den Winter über zu betreiben ist einfach zu kostspielig.

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