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Offenbach zu Zeiten Goethes : Freie Luft, sanft hingleitende Welt

  • -Aktualisiert am

Aus einer Zeit, als Frankfurter sich nicht scheuten, in Offenbach zu bauen: Der Metzlersche Badetempel. Er drohte zu verfallen, bis ein Privatmann ihn erwarb, sanierte und um einen Anbau (rechts ) ergänzte. Bild: Rainer Wohlfahrt

Wo Goethe seine Lili traf und seine Mutter Zuflucht suchte: Einst war Offenbach den Frankfurtern ein Refugium. In seinen Überresten lässt sich noch heute gut leben.

          Der Teich vor dem Metzlerschen Badetempel glitzert in der Abendsonne. Die Fontäne in der Mitte prasselt laut und übertönt, wenn man auf der halbrunden Terrasse zwischen den antikisierenden Säulen steht, das endlose Summen der Autos auf der Mainstraße. 1893 erbaut, trennt diese Straße, seit langem der wichtigste Zufahrtsweg im eng bebauten Norden Offenbachs, den einstigen Metzlerschen Badetempel vom Fluss, an dem der Frankfurter Bankier Friedrich Metzler 1798 die luxuriöse Anlage hatte gestalten lassen. Über den am Rand des Teichs neu gepflanzten Ahorn gleitet das Licht. Hinter dem Maindamm, 1893 vor der Durchfahrtsstraße errichtet, ist zwischen den Bäumen ein schmaler grüner Streifen zu sehen, der Main, und das Fechenheimer Ufer auf der Frankfurter Seite gegenüber. Claudia Nagel fühlt sich in Offenbach wohl. Sie hat den klassizistischen Tempel samt dessen angefügtem modernen Wohnhaus für viel Geld gekauft, im Frühjahr ist sie aus dem Frankfurter Westend hergezogen.

          Der Metzlersche Badetempel ist für die Unternehmensberaterin aber nicht nur eine repräsentative Adresse: „Ich freue mich jeden Tag, wenn ich aufstehe und um mich schaue, und ich sage mir: Wie ist das schön.“ Nagel, die ihre Beratungsarbeit auf die Psychologie von Carl Gustav Jung stützt, fügt hinzu: „Dieser Badetempel ist ein Raum, der aus der Zeit fällt. Hier öffnen sich Herz und Hirn.“

          Oft unterhielten Frankfurter die Maingärten in Offenbach

          Der Metzlersche Badetempel verweist auf eine vergangene, fast vergessene Epoche und deren Akteure, aufstrebende Bürger im Deutschland der Kleinstaaterei Ende des 18. Jahrhunderts. Um 1800 erlebte Offenbach, wie der Lokalhistoriker Josef Wingenfeld schreibt, seine glanzvollste Zeit. Innerhalb von hundert Jahren, etwa von der Mitte des 18. bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein entstand zwischen der Mainbiegung nahe dem Isenburger Schloss und der Speyerstraße eine stattliche Zahl von Maingärten. Es waren zumeist Frankfurter Bürger, die sie unterhielten.

          Neben den Gärten der Familien Bernard und d’Orville, die an der Herrnstraße Schnupftabak herstellten, in der ersten, 1733 erbauten Fabrik in Offenbach, sind zu nennen: das Anwesen der Passavants; jenes von Isaac de Bassompierre, Hersteller von Fayencen, und des Wachstuchfabrikanten Anton Sebastian Wörndel, auch das Anwesen des Herrn Rungius. Hinzu kommt die sogenannte Oehler-Villa mit ihrem üppigen Garten, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts angelegt. Das Ensemble gehörte zu jener Fabrik, die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Nukleus der Chemieindustrie in Deutschland war, später Teil des I.G. Farben-Konzerns und hernach der Hoechst AG wurde.

          Industriestadt und zugleich Gartenstadt

          Die Maingärten waren Zeugnisse einer Zeit, die Wingenfeld als die Verbindung „von Maschine und Muse“ bezeichnet: Im späten 18. Jahrhundert suchte sich in Offenbach das empordrängende, für die neue industrielle Produktionsweise aufgeschlossene Bürgertum dem aristokratischen Lebensstil anzuverwandeln, zugleich aber eigene kulturelle Zeichen zu setzten. Es gab in Offenbach wohlhabende Bürger, die ihre Tore für jedermann öffneten, zum Beispiel Peter Bernard, der die Bürger zu Konzerten eines Virtuosenorchesters einlud, das er gegründet hatte und das Ferdinand Fränzel, Komponist, Violinist und Dirigent, von 1795 bis 1802 leitete.

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