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Offenbach zu Zeiten Goethes : Freie Luft, sanft hingleitende Welt

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Badetempel stand eine Weile vergeblich zum Kauf

Der französische Baumeister Nicolas Alexandre de Salins de Montfort hatte 1798 die Anlage für Geheimrat Metzler entworfen. Metzler nutzte das üppige Anwesen zunächst als Sommerresidenz, von 1803 an als Alterssitz. Die Kunsthistorikerin Martina Bergamnn-Gaadt nennt das Ensemble eine Kombination von Gartenpavillon und Badeanlage. Das mit Marmor ausgekleidete Bad wies seinerzeit eine Eigenheit auf: Durch zwei in das Felsgestein eingelassene Fenster konnten die Badenden auf den Main blicken.

Wie viel sie für den Erwerb des Badetempels gezahlt hat, will seine heutige Bewohnerin Claudia Nagel nicht sagen. Im Internet hatte Vorbesitzer Hohmann das rund 3000 Quadratmeter große Anwesen im Jahr 2013 für 2,1 Millionen Euro offeriert; zu diesem Zeitpunkt hatte er den Badetempel schon eine Weile vergeblich zum Kauf angeboten. Nagel wollte eigentlich in Frankfurt ein Mietshaus kaufen, um darin nach zehn Jahren als selbständige Unternehmensberaterin ihrer Firma einen neuen Auftritt zu verschaffen. Eines Tages, erzählt sie, habe sie ihr Steuerberater darauf aufmerksam gemacht, dass in Offenbach die halb historische, halb neue Immobilie zum Verkauf stehe. „Als ich das erste Mal im Badetempel stand, wusste ich: Der Raum passt zu mir. Den will ich haben“, sagt Nagel.

Lili-Häuschen wurde abgerissen

Goethe, der in „Dichtung und Wahrheit“ von der Szenerie in Offenbach schwärmte, erinnerte sich damit auch an den Sommer 1775, als er sich in die junge Frankfurter Bankierstochter Lili Schönemann verliebte. Eine Laube im Park der Familien Bernard und d’Orville diente dem Paar zum Rendezvous. Goethe, 25 Jahre alt und Advokat, durch seinen Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ rasch berühmt geworden, und Lili Schönemann verlobten sich. Doch die Liaison währte nur ein halbes Jahr. Und die Liebeslaube musste 1892 dem Durchbruch der Herrnstraße nach Norden weichen. Was heutzutage in Offenbach Lili-Häuschen genannt wird und woran 1932 Goethe-Verehrer eine Tafel anbrachten, hat mit der Laube, in der Goethe und Lili sich trafen, nichts zu tun.

Wie der junge Goethe war auch seine Mutter oft in der Frankfurter Nachbarstadt. Vor den napoleonischen Truppen suchte sie 1796 bei der Schriftstellerin Sophie von La Roche Zuflucht, die in Offenbach lebte. Wenig später nahm Sophie von La Roche ihre Enkelin Bettina von Arnim bei sich auf, die bis zu ihrem 22. Lebensjahr bei der Großmutter blieb. Auch von Bettina von Arnim sind Sätze zur Offenbacher Atmosphäre überliefert. In dem Briefroman „Frühlingskranz“ bekannte sie ihrem Bruder Clemens: „Sieh, das ist schuld, daß ich weniger schrieb; der Offenbacher Luftzug, ach, der erhielt mich so frisch!“

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