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Offenbach zu Zeiten Goethes : Freie Luft, sanft hingleitende Welt

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Die Besitzerin des Tempels, Claudia Nagel, ist für die Immobilie aus dem Frankfurter Westend weggezogen.

Es ist kein Zufall, dass Offenbach im 18. Jahrhundert die Grundlagen für seine Entwicklung zur Industriestadt legte und zugleich zu einer Gartenstadt wurde, mit Elementen wie denen, in denen Claudia Nagel heute lebt. An beidem wirkten Frankfurter Kaufleute, Bankiers und frühe Fabrikanten mit. Offenbach, das unter der Herrschaft des Hauses Isenburg-Birstein stand und seit 1556 dessen Residenzstadt war, wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg und seinen verheerenden Folgen von Graf Johann Philipp auf einen merkantilistischen Kurs gebracht. Hugenottische Glaubensflüchtlinge und Juden fanden um die Wende zum 18. Jahrhundert in Offenbach Zuflucht, erhielten, wenngleich in unterschiedlicher Weise, wirtschaftliche Privilegien.

Goethes Eindrücke von Offenbach

Es sollte sich erweisen, dass Hugenotten und Juden die Entwicklung Offenbachs vom Marktflecken zur Stadt beschleunigten und die Grundlagen für Offenbach als künftiges hessisches Industriezentrum legten. Nicht zuletzt der bis tief in das 19. Jahrhundert reichende Einfluss der Frankfurter Zünfte war es, der pfiffige Industrielle aus der einstigen Freien Reichsstadt Frankfurt nach Offenbach verwies, wenn sie ihr Gewerbe betreiben und etablieren wollten. Die Zeitgenossen waren sich der bevorzugten Lage Offenbachs bewusst. In der „Kurtzen Nachricht von Offenbach am Mayn, in einem Sendschreiben an einen guten Freund“ stellt der anonyme Verfasser 1750 fest: „Offenbach ist ein Markt-Flecken und liegt am westlichen Ufer des Mayns, in der angenehmsten, fruchtbarsten und mit allen Lebens-Mitteln überflüßig versehenen Gegend. (. . .) Insbesondere ist dieses sehr angenehm, daß fast jedes Haus mit einem Garten versehen ist, worunter ich viele wohlangelegte Lust-Gästen gefunden habe. (. . .) Der Bernhardsche, der Bassompierische, und derjenige Garten, welchen Herr Rungius damahls anlegen ließe, haben unter allen den Vorzug.“

Der Tempel innen

Und Johann Wolfgang von Goethe schildert in „Dichtung und Wahrheit“, Buch 17, seine Eindrücke von Offenbach im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts: „Trat man am Morgen in aller Frühe aus dem Hause, so fand man sich in der freisten Luft, aber nicht eigentlich auf dem Lande. Ansehnliche Gebäude, die zu jener Zeit einer Stadt Ehre gemacht hätten, Gärten, parterreartig übersehbar, mit flachen Blumen- und sonstigen Prunkbeeten, freie Übersicht über den Fluß bis ans jenseitige Ufer, oft schon früh eine tätige Schiffahrt von Flößen und gelenkten Marktschiffen und Kähnen, eine sanft hingleitende lebendige Welt, mit liebevollen zarten Empfindungen im Einklang. (. . .)“

Von allen Gärten des 18. Jahrhunderts in Offenbach war der des Frankfurter Bankiers Friedrich Metzler der prachtvollste und eigensinnigste. Metzler ist Ahnherr der heute noch im Familienbesitz befindlichen Frankfurter Privatbank selbigen Namens. Den Mittelpunkt des ehemaligen Anwesens Metzlers bildete der luxuriöse Badetempel am Mainufer. Von diesem aufwendigen Bauwerk ist noch der klassizistische Hauptbau und ein Teil des von Felsblöcken eingefassten, tieferliegenden Bades erhalten, jedoch ist das Bad weder zugänglich noch wiederhergestellt. Vor zwei Jahrzehnten wurde durch eine Initiative aus der Bürgerschaft unter Leitung des früheren Offenbacher Stadtverordnetenvorstehers Bruno Knapp der Badetempel dem Vergessen entrissen. Die Stadt verkaufte dann das Baudenkmal an den Unternehmer Volker Hohmann, einen Designhändler, der den Tempel restaurieren ließ und dafür im Jahr 2008 den Hessischen Denkmalschutzpreis erhielt. Hohmann fügte dem historischen Gebäude ein nüchternes Wohnhaus an.

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