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Offenbach im Jugendstil : Mit den Augen des Flaneurs

Wer nach oben blickt, entdeckt in Offenbach oft Jugendstil-Ornamente, wie hier am Giebel der Erich-Kästner-Schule. Bild: Thomas Lemnitzer

Bewegung ist da: Das Klingspor Museum und das Haus der Stadtgeschichte zeigen Offenbach als Ort des Jugendstils. Die Stadt hält einige Überraschungen parat.

          So einfach ist das also. Nicht in Wien, wie man angesichts des Themas meinen möchte, nicht in Darmstadt und nicht einmal im in diesem Kontext gern mal vergessenen Bad Nauheim, sondern, wer hätte das gedacht, ausgerechnet in der Industriestadt Offenbach. „Man muss eigentlich nur mit offenen Augen durch die Stadt laufen, nach oben sehen und sich die Fassaden anschauen“, sagt der Fotograf Thomas Lemnitzer. Und schon begegne einem der Jugendstil beinahe auf Schritt und Tritt. Was aus dem Mathildenviertel zugegebenermaßen nicht gleich die Mathildenhöhe macht, die sich in Darmstadt anschickt, Weltkulturerbe zu werden.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und oft genug finden sich statt ganzer Gebäude und Fassaden nur einzelne Etagen, ein Hauseingang vielleicht oder auch einzelne, um die Wende zum 19. Jahrhundert entstandene architektonische Details. Doch Lemnitzers eigens für die Doppelausstellung im Klingspormuseum und im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte gleich gegenüber entstandene Aufnahmen etwa der Friedenskirche, des ehemaligen Bankvereins an der Ecke Kaiser- und Berliner Straße oder des Pfauenhauses sind allemal geeignet, den Besucher nachhaltig zu verblüffen: Der Jugendstil, er hat in Offenbach in der Tat markante Spuren hinterlassen.

          Freilich keineswegs allein in der Architektur – man denke, neben dem Pfauenhaus, etwa an das Ende der achtziger Jahre abgerissene Stadtbad –, sondern auch und vor allem im Alltag der Menschen um die Jahrhundertwende. Und genau hier, im Alltagsleben, kann die mit Unterstützung des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main realisierte Schau mit mal kleineren, mal größeren Sensationen überraschen. Dabei führt die nach einer Schriftprobe „Bewegung ist da. Jugendstil“ überschriebene Ausstellung zunächst ganz klassisch in ihr Thema ein. Fächert etwa das Klingspor Museum mit Zeitschriften und Plakaten, Druckgrafiken und bibliophilen Schätzen aus der eigenen Sammlung die verschiedenen Facetten des Jugendstils wie der Arts-and-Crafts-Bewegung, von Art Nouveau und Wiener Secession so pointiert wie lustvoll vor dem Betrachter auf.

          Alle Wege führen nach Offenbach

          Ob die Tapetenentwürfe von William Morris, Peter Behrens’ „Der Kuss“ und Henri de Toulouse-Lautrec, Nietzsches von Henry van de Velde gestalteter Prachtband des „Zarathustra“ oder Oskar Kokoschkas „Träumende Knaben“, hier zeigt sich der Jugendstil so prachtvoll wie international. Und doch führen auch hier am Ende, wo nicht alle, so doch zahlreiche gestalterische Wege zurück nach Offenbach, genauer: zu Karl Klingspor, nach dem das Museum für Buch- und Schriftkunst benannt ist. Ist doch die zunächst noch als Rudhard’sche Gießerei firmierende Druckerei der Gebrüder Klingspor mit der neuen, im Jahr 1900 im Auftrag Klingspors entwickelten und rasch stilbildend gewordenen Druckschrift von Otto Eckmann und zwei Jahre darauf mit der Behrens-Schrift zu Beginn des 20. Jahrhunderts erst wirklich berühmt geworden.

          Unterdessen lenkt das Haus der Stadtgeschichte mit historischen Fotografien, Bauplänen sowie weiteren Aufnahmen Lemnitzers zunächst den Blick noch einmal auf den öffentlichen Raum. Vor allem aber konzentriert es sich mit den ausgewählten Exponaten auf den Alltag, wie er dem Flaneur auf seinem Streifzug durch die Stadt begegnen mag. Mal ist es ein Hauseingang, mal ein Geländer, ein Spind vielleicht, wie ihn Museumsleiter Jürgen Eichenauer einst aus der Hafenmeisterei gerettet hat, oder eine schmiedeeiserene Garderobe, von der derweil niemand mehr zu sagen weiß, woher sie stammt.

          Darüber hinaus belegen Anzeigen von damals, Adressbücher, Etiketten, Werbeplakate oder das letzte erhaltene Exemplar des herrlichen Musterbuchs des traditionsreichen Seifenherstellers Kappus, dass die Forderung des Jugendstils nach der Durchdringung aller Lebensgebiete durch die Kunst auch in Offenbach weit mehr als bloß eine Floskel war. Wie sagte Thomas Lemnitzer so schön? Man muss halt nur die Augen offen halten.

          Klingspor Museum Offenbach

          Die Ausstellung im Klingspor Museum Offenbach, Herrnstraße 80, sowie im Haus der Stadtgeschichte, Herrnstraße 61, wird morgen um 19 Uhr eröffnet. Sie ist bis 1. September dienstags, donnerstags und freitags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs von 14 bis 19 Uhr sowie am Wochenende von 11 Uhr an bis 17 Uhr im Haus der Stadtgeschichte und bis 18 Uhr im Klingspor Museum zu sehen.

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