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Methoden zur Integration : Menschenfreundin mit Bildungsanspruch

Herzlich, aber nicht blauäugig: die Offenbacher Pädagogin Andrea Egerer. Bild: Rainer Wohlfahrt

In keiner anderen Stadt in Deutschland leben so viele Menschen mit Migrationshintergrund wie in Offenbach. Hier setzt sich Andrea Egerer dafür ein, dass Einwanderer nicht nur Deutsch, sondern auch demokratische Werte lernen.

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          Schönreden liegt Andrea Egerer nicht. Schon gar nicht, wenn die Gründerin und Chefin des Offenbacher Starthauses, das gerade den Integrationspreis der Stadt erhalten hat, über Integration spricht. Keine Hymne also. Wer die erwartet, den wird die zierliche Frau Anfang sechzig mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Bildungsarbeit eines Besseren belehren. Wenn sie, gelegentlich an der Zigarette ziehend, mit ruhiger Stimme über ihre Arbeit spricht, dann kommt dabei ein Bericht von harter und nicht immer von Erfolg gekennzeichneter Arbeit heraus, in vielen Fällen sprach- und ahnungslose Neuankömmlinge dazu zu befähigen, die Freiheit, die ihnen dieses Land ermöglicht, verantwortlich zu leben.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Es ist keine Formalität, dass auf der Internetseite des Starthauses in den Leitgedanken auf das Grundgesetz hingewiesen wird, das diese Freiheit garantiert. Egerer ist eine Überzeugungstäterin. Und sie ist, trotz aller Einsicht in das, was in der Praxis möglich und unmöglich ist, eine Idealistin geblieben. Es reicht ihr nicht, neu in diesem Land angekommenen Frauen, Männern und Kindern rasch ein gewisses Sprachvermögen zu vermitteln. Die Sonderpädagogin will umfassender bilden.

          Sie will den Teilnehmern helfen, sich in einer demokratischen Gesellschaft zurechtzufinden. Sie weiß, dass das schwierig ist und auch nicht immer funktioniert. Aber trotz aller Widrigkeiten, Härten und Rückschläge ist Egerer von diesem anspruchsvollen Ziel nie abgerückt.

          Das Starthaus bietet praktische Lebenshilfe

          Das ist auch einer der Gründe gewesen, weshalb sie 2006, nachdem sie viele Jahre bei großen Bildungsanbietern gearbeitet hatte, ihr eigenes Institut gründete. Ungeachtet dessen, muss es auch im Starthaus erst einmal um praktische Lebenshilfe im noch fremden Land gehen: „Stellen Sie sich vor, Sie sind beispielsweise aus Syrien nach Deutschland gekommen. Das geht schon bei einfachsten Dingen los: Sie wissen nichts von Mietverhältnissen, nichts von Bildungsmöglichkeiten für Kinder, nichts vom Gesundheitssystem. Das muss einem erst einmal jemand erklären.“

          Neu in einem fremden Land anzukommen, für die Starthauschefin ist das eine geliebte Praxis: Sie reist gerne und viel in alle Welt von Marokko bis Südafrika, was auch Wände und Bücherregale ihres Büros dokumentieren. Natürlich weiß sie nur zu gut, dass der Besuch als Gast nicht zu vergleichen ist mit der Ankunft als Migrantin.

          Gerade was die Kinder der Neuankömmlinge und anderer Migranten betrifft, sieht die Mutter einer erwachsenen Tochter besonders gute Chancen, rasch große Fortschritte bei der Integration zu erzielen – vorausgesetzt, man kommt an sie heran. Das versuchen Egerer und ihr Team mit dem Starthäuschen, unter dessen Dach etliche Hilfsangebote für Familien zusammengefasst sind. Das reicht vom Kindergarten Potz Blitz bis zum Familienzentrum und zu Nachhilfeangeboten.

          Egerer arbeitet mit Ernährungsberatern und Ärzten zusammen

          Trotz all dieser Angebote weiß Egerer, dass es auch in Offenbach Bezirke gibt, in denen man leben kann, ohne ein Wort Deutsch sprechen zu müssen. „Und wenn sie es nicht üben, ist das Gelernte nach einem halben Jahr wieder weg“, stellt sie nüchtern fest. Was Kinder betrifft, spricht die in Schlüchtern geborene und in Offenbach aufgewachsene Pädagogin Klartext: Sich um Kinder zu kümmern, das beschränke sich in den Familien bisweilen darauf, den Kleinen ein Handy, Chips und Limo in die Hand zu drücken. Als Folge treffe man im Kindergarten auf Mädchen und Jungs, die schon stark angegriffene Zähne hätten. Für in Deutschland vorgeschriebene Untersuchungen der Kinder würden nicht selten „vertraute“ Ärzte konsultiert, die nicht mit der gebotenen Strenge untersuchten. Das ist ein Grund, weshalb Egerer auch mit Ernährungsberatern und Ärzten zusammenarbeitet.

          Mit einem Trick kommt man im Starthaus auch mit den Müttern ins Gespräch: beim Kochen von Gerichten aus der alten Heimat. „Da kennen sich die Frauen aus, gewinnen Selbstsicherheit und werden lockerer“, sagt Egerer. Überhaupt gehe es in der pädagogischen Arbeit wie auch in der Integration erst einmal um Vertrauen: „Man muss die Menschen überhaupt erst einmal dazu bringen, darauf zu achten, wie es dem Gegenüber geht, um Kommunikation zu ermöglichen“, sagt Egerer und hat zur anspruchsvollen Theorie ein wunderbar einfaches Hilfsmittel zur Hand: das Bilderbuch „Heute bin ich ...“ von Mies van Hout. Darin drücken in leuchtenden Farben gemalte Fische Gefühle und Stimmungen wie „ängstlich“, „nervös“ und „zufrieden“ aus. Egerer liebt Kinderbücher, liest leidenschaftlich gerne und schreibt auch selbst – wenn sie denn Zeit findet.

          Die Arbeit mit Zugezogenen verlangt es auch, mit Familienstrukturen umzugehen, in denen Frauen gezwungen werden, sich unterzuordnen. Natürlich habe man gelegentlich auch mit Fällen zu tun, in denen Frauen Repressalien ihrer Männer ausgesetzt seien. Das dulde man nicht und schreite ein, sagt Egerer. Man spreche mit den Neuankömmlingen sehr viel über das Verhältnis von Mann und Frau in Deutschland, weil klar sei, dass es viel Konfliktpotential gebe. Die erste Botschaft an alle Neuankömmlinge sei: „Ihr seid alle herzlich willkommen in unseren Kursen, egal ob weiß, schwarz oder gelb, ob Mann oder Frau. Vorausgesetzt, jeder respektiert den anderen.“

          Um das den Kursteilnehmern schnell klarzumachen, hat Egerer die Galerie der Menschenfreunde eingerichtet. Bilder von Nelson Mandela, Martin Luther King, Isabel Allende, Rudi Dutschke und anderen Persönlichkeiten hängen dort. Über sie komme man schnell ins Gespräch über Menschenrechte, Respekt und Verantwortung. Dass auch Helmut Schmidt in ihrer Reihe der Großen hängt, habe vielleicht auch etwas damit zu tun, dass er – wie sie – ein passionierter Raucher gewesen sei, sagt Egerer.

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