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Extremismus an Schulen : Naives jugendliches Interesse an Gewalt

Extremismus an Schulen: Der Kreis Offenbach setzt sich gegen radikale Strukturen ein. (Symbolbild) Bild: dpa

Unter den Jugendlichen im hessischen Offenbach gibt es Potential für Radikalisierungen. Ein Projekt hat dies mehrere Jahre lang untersucht. Doch wie soll es nun weitergehen?

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          An einer Schule im Kreis Offenbach fielen Lehrern und Sozialarbeitern zwei Jugendliche auf, die Videos von Gewalttaten des Islamischen Staats herumzeigten. Die Schule nahm Kontakt zu Beratern des Projekts „Pro Prävention – gegen (religiös begründeten) Extremismus“ auf, das im Mai 2016 vom Kreis Offenbach ins Leben gerufen und dort dem Integrationsbüro angegliedert wurde. Zugleich wurde die Polizei informiert.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          Bei intensiven Gesprächen mit dem Klassenlehrer und Sozialarbeitern habe man überlegt, was zu tun sei, sagte Projektkoordinator Janusz Biene. Man habe Informationen gesammelt, ein Gespräch mit beiden Jungen geführt und einen Workshop mit der Klasse abgehalten, bei dem der Umgang mit Gewalt im Internet thematisiert wurde. Hinter dem Verhalten des einen Jungen habe „naives jugendliches Interesse für extreme Gewalt“ gesteckt, sagte Biene. Der andere Junge habe zeigen wollen, welche Gewalt der Islamische Staat ausübe.

          Viele Situationen, die als Radikalisierung empfunden würden, stellten sich als alltägliche Konflikte um Religion und Kultur und als jugendliche Protesthaltung heraus. Gleichwohl gibt es nach Ansicht von Landrat Oliver Quilling (CDU) gerade in Kreiskommunen mit hohem Migrationsanteil und Nähe zu Frankfurt wie etwa Langen, Neu-Isenburg und Dietzenbach durchaus Potential für Radikalisierungen.

          „Pionierarbeit“ in Hessen

          Der Radikalisierung in religiös begründetem Extremismus vorzubeugen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern: Diesen Zielen hatte sich das Projekt verschrieben, das die Europäische Union mit 260.000 Euro und das Land mit 87.000 Euro förderte. Von einer „erfolgreichen Pionierarbeit“ sprach Biene. Als bislang einziger Kreis in Hessen griff Offenbach das Thema auf diese Weise vorbeugend auf. Nur noch im Landkreis Würzburg gab es ein ähnliches Projekt.

          Im Kreis Offenbach habe man Erfahrungen gesammelt, die auch für andere Kreise von Bedeutung seien, machte Biene deutlich. In den vergangenen drei Jahren kamen insgesamt 250 Aktivitäten zustande, worunter begonnene Arbeitsprozesse zu verstehen sind. Dazu gehörten 146 Vorträge, Informationsveranstaltungen, Netzwerktreffen, Diskussionen, Fachtagungen und -gespräche, Workshops, Weiterbildungen und ähnliche Veranstaltungen. Rund 3000 Personen nahmen daran teil: 1900 Fachkräfte aus unterschiedlichen Institutionen, ehrenamtlich Engagierte und interessierte Bürger nutzten die Angebote. Auch viele Schulen beteiligten sich. In Dietzenbach, Hainburg, Mühlheim, Neu-Isenburg, Obertshausen und Rödermark, gelang es, alle weiterführenden Schulen einzubeziehen. Außerdem wurden 1100 junge Menschen erreicht.

          Prävention als Langzeitarbeit

          Es ging darum, einerseits die Widerstandskraft gegen extremistische Mobilisierungsversuche und religiös-extremistische Radikalisierung zu stärken und andererseits die Jugendlichen zu aktivieren, sich für gesellschaftlichen Zusammenhalt einzusetzen. An einer Fachtagung „Mit Gewalt ins Paradies?“ im November vergangenen Jahres in Offenbach nahmen 150 Personen teil. Aus der multireligiösen Jugendbegegnung „Glauben. Gemeinsam. Gestalten.“, die gemeinsam mit den evangelischen Dekanaten Dreieich und Rodgau ausgerichtet wurde, entstand die Ausstellung „Ich. Du. Wir. Comics über erlebte Vielfalt“, die in nächster Zeit in mehreren Kreiskommunen zu sehen sein wird. Situationen, die die Jugendlichen im Alltag erlebten, wurden von der Zeichnerin Soufeina Hamed dafür als Comics gestaltet.

          Susanne Schröter, Professorin der Goethe-Universität Frankfurt und Leiterin des dortigen Forschungszentrums Globaler Islam, begleitete das Projekt „Pro Prävention“ wissenschaftlich. Sie wies auf die Werbestrategien radikaler Gruppen hin: Diese vermittelten jungen Leuten das Gefühl, „dass man bei ihnen jemand ist“. Dieses Vorgehen müsse jedoch entzaubert werden: Die Jugendlichen müssten verstehen, „dass sie da nur Scharlatanen auf den Leim gehen“. Schröter bezeichnete das Phänomen der Radikalisierung als multidimensional und als nicht so einfach zu fassen. Gerade in der Pubertät sei es für Jugendliche wichtig, Strukturen zu haben, von denen sie aufgefangen würden. Das vom Kreis Offenbach initiierte Projekt sei gut gelungen, aber immer noch nur ein „Start-up“: Prävention stelle eine Langzeitaufgabe dar.

          Frank Schweitzer, der Leiter des im Innenministerium angesiedelten Informations- und Kompetenzzentrums gegen Extremismus, hob hervor, dass das Land sogenannte Netzwerklotsen an bislang 70 Schulen installiert habe. Das Projekt im Kreis Offenbach habe erfolgreich und bundesweit beispielgebend gezeigt, wie moderne und erfolgreiche Prävention gegen Radikalisierung und Extremismus funktioniere. Nach Ansicht von Quilling konnte die Netzwerkarbeit, an der Vereine, Religionsgemeinschaften und andere Institutionen beteiligt sind, durch das Projekt intensiviert werden.

          Das Thema Radikalisierung sei „weiter virulent“. Auch wenn das Projekt nach drei Jahren formal zum Ende komme, solle es noch bis zum Jahresende weiterlaufen. Dem Abschlussbericht ist zu entnehmen, dass ein Nachfolgeprojekt geplant wird. Es soll 2020 beginnen.

          Der Abschlussbericht

          Der Bericht findet sich im Internet unter www.kreis-offenbach.de/pro-prävention.

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