https://www.faz.net/-gzg-ahfwx

Rundgang in Offenbach : Die neue Lust am Analogen

Musik wird Grafik: Raphaël Languillat, Moritz Schneidewendt und Paul Pape (von links) Bild: Wonge Bergmann

Eine besondere Ausgabe nach der Coronapause: An der Hochschule für Gestaltung in Offenbach findet der 32. Rundgang statt.

          3 Min.

          Wie die anderen Studentinnen und Studenten, die während der Corona-Pandemie ihre Ausbildung begonnen haben, ist auch Lea Sophie Krempien vom Lockdown ausgebremst worden: An der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach hat sie in den ersten beiden Semestern ihren Kommilitonen und Professoren so gut wie nicht gegenübergestanden, die Ateliers der Hochschule konnte sie nicht nutzen. Anfängern wie ihr stellten sie im Institut für Materialdesign bei Markus Holzbach daher die Aufgabe, mit allem, was sie zu Hause finden können, etwas zu bauen und in Bewegung zu setzen.

          Katharina Deschka
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit den Fischertechnik-Teilen ihres Vaters hat Krempien also einen Roboter gebastelt, der mit Sensoren die menschliche Gestik aufnimmt und ins Digitale überträgt. Es sei, sagt sie, gar nicht so einfach gewesen, diese Aufgabe daheim zu bewältigen – ohne die Werkstätten der Hochschule und die Hilfe dort. Wie ihr ging es wohl den meisten der rund 700 Studentinnen und Studenten der HfG. Doch den Arbeiten, die jetzt bei deren 23. Rundgang ausgestellt sind, sieht man die schwierigen Bedingungen, unter denen sie in einem fast ausschließlich digitalen Lehrbetrieb entstanden, nicht an. Eher im Gegenteil. Aus dem Mangel und den Einschränkungen der Pandemie erwuchsen Kreativität und Ideen in Reaktion auf die Krise.

          Viel Experimentierfreude

          Mit der Situation umzugehen, sind alle gewohnt: 2020 fiel der sonst Ende des Sommersemesters ausgerichtete Rundgang wegen der Pandemie aus. Dieses Jahr wurde er in den Herbst verlegt, Formate wie die Cross Media Night und Filmnacht sind nur in reduzierter Form zu erleben, doch überwiegt der erfreuliche Eindruck, das „normale“ Leben kehre zurück: Endlich ist wieder ein Zusammenkommen aller möglich – bei Ausstellungen, Performances, Diskussionen und Vorführungen, mit Besuchern auf dem Campus an der Schlossstraße, die Arbeiten aus Kunst und Design betrachten können. Experimentierfreude allerorten, genau wie im leer stehenden Polizeipräsidium an der Geleitstraße, das kurz vor dem Abriss von den Studenten bespielt wird. Dort gilt es, eine schwierige Historie zu thematisieren: Das Präsidium stand infolge des Anschlags in Hanau am 19. Februar 2020 in der Kritik, weil der Notruf nicht erreichbar war. Eine studentische „AG Präsidium Südosthessen“ hat sich extra gebildet.

           Kostüme für Hölderlin: Nadine Wagner Bilderstrecke
          Hochschule für Gestaltung : Die neue Lust am Analogen

          Wie aber die Hochschule zum Rundgang einlädt, darum haben sich Sarah Stendel und Laura Hilbert gekümmert: Ihre Freude über das Zusammensein nach Monaten der Distanz artikulieren die Kommunikationsdesign-Studentinnen mit ihrem Rundgangs-Erscheinungsbild, das auf Plakaten zu sehen ist. „Hands On!“ lautet das Motto und soll die Lust aufs Analoge ausdrücken. „Wir zelebrieren das Haptische“, sagen sie über ihre dreidimensionalen Bilder, die sie, betreut von Catrin Altenbrandt und Adrian Nießler, zunächst auf Ton siebdruckten. Mit Fingern und Holzklötzen hinterließen sie Spuren, und wer die Plakate ansieht, möchte das Material am liebsten selbst anfassen und kneten – was geht, denn auch Besucher dürfen Tonplatten bedrucken.

          Schuhe aus Hundehaar

          Oder durch den wabernden Linienwald am Boden laufen, den Annika Storch erfunden hat: Wie man auf Krisen reagieren kann, ließen Peter Eckart und Julian Schwarze die Studierenden des Integrierenden Designs überlegen. Weil sie sich am Bahnsteig wegen Corona unsicher fühlte, entwickelte Storch daraufhin die „Linie 39“, eine sich Bewegungen anpassende Lichtprojektion, die zeigt, ob man auch wirklich den Abstand von 1,50 Metern zum Nächsten wahrt.

          Diese Distanz wird hoffentlich irgendwann nicht mehr so dringend nötig sein, doch wie die Zukunft aussehen könnte, interessiert die Designer besonders. Wie Materialien zu Trägern von Informationen gestaltet werden, untersucht etwa das Fach Materialdesign – Experimentieren, Forschen und Fragen erlaubt. Weswegen es spannende Dinge zu entdecken gibt, wie Schuhe aus Hundehaar von Emilie Burfeind, Eierschalen-Experimente von Antoine Ochs und Fischleder von Nora Etmann. Oder Entwürfe zum interaktiven Pavillon, den angehende Designer für den Palmengarten in Frankfurt entwickelten: Er ist über Messgeräte mit Pflanzen verbunden. Ihre Reaktionen auf die Umgebung, wie auf sich nähernde Besucher, würden in ein Sound- und Lichtbild transformiert, berichtet Valentin Brück. Fast, als würde man mit den Pflanzen kommunizieren.

          Wie die Palmengartengruppe konnten andere auch raus diesen Sommer, zum Beispiel die Bühnenbildklasse von Heike Schuppelius, die sich, wie Studierende von Heiner Blum und Kerstin Cmelka, zum 250. Geburtstag Hölderlins auf Einladung der Stadt Bad Homburg mit dem Werk des Dichters befassten. Nadine Wagner entwarf Kostüme aus Plexiglas, die an Reifröcke erinnern, die Bewegung des Trägers stark einschränken und an gesellschaftliche Repressionen gemahnen, denen der Dichter ausgeliefert war. Michelle Harder errichtete eine Art Grabungsstätte in der Parklandschaft um das Gotische Haus und formte aus dem Lehmboden Körper-Skulpturen, um Naturnähe und Antikenfaszination nachzuspüren.

          Wissen war nie wertvoller

          Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          In der Pandemie geboren ist ein faszinierendes Projekt zwischen Performance, experimenteller Musik und Fotografie, das Paul Pape, Raphaël Languillat und Moritz Schneidewendt mit „Tension“ entwickelt haben: Um ihre Klangperformance aufzuzeichnen, erdachten sie eine Fließbandkamera, die während ihres Auftritts die Musik in kryptische Zeichen und Farben übersetzt. So bleibt alle Freiheit, die Zeichen zu interpretieren und sie zurück in Musik zu verwandeln. Das Fest kann beginnen.

          Der Rundgang ist am 30. Oktober von 14 bis 22.30 Uhr, am 31. Oktober von 14 bis 20 Uhr geöffnet.

          Weitere Themen

          Unterricht bis zum Ferienbeginn

          Pandemie in Hessen : Unterricht bis zum Ferienbeginn

          Hessens Kultusministerium erteilt „Schulschließungen durch die Hintertür“ eine Absage. Derweil signalisieren die Apotheker, impfen zu wollen. Nur fehlen Regeln. Die Karten könnten aber schon Dienstag neu gemischt werden.

          Topmeldungen

          FDP-Chef Christian Lindner wird bald die Finanzen des Bundes kontrollieren.

          Koalitionsvertrag : Die große Leere in der Steuerpolitik

          Was kann der künftige Finanzminister Christian Lindner in der Steuerpolitik erreichen, für die Bürger, für die Unternehmen? Beim Blick in den Koalitionsvertrag fällt eine merkwürdige Unwucht auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.