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Lyrikerin aus Offenbach : Das sprachlose Kind als Dichterin

  • -Aktualisiert am

Die Wurzeln deutscher Autoren liegen überall: Safiye Can im Frankfurter Bethmannpark. Bild: Frank Röth

Safiye Can wuchs als Tochter türkischer Fabrikarbeiter in Offenbach auf. Heute kann sie sich ein Leben ohne Lyrik nicht mehr vorstellen. Ihr erster Gedichtband läuft gut.

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          Safiye Can hat gelacht und es nicht ernst genommen, als sie hörte, wie sich die CSU die Integration von Menschen vorstellt, die nicht mit Deutsch als Erstsprache aufwachsen. Die ursprüngliche Forderung, Zuwanderer sollten dazu „angehalten werden“, zu Hause und in der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen, gehe an der Realität vorbei - an der Realität von Menschen, wie sie und ihre Eltern es sind: Menschen mit hybriden Identitäten, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben. „Ich bin froh, dass ich mit Türkisch aufgewachsen bin“, sagt die 37 Jahre alte Autorin.

          Als Can eingeschult wurde, konnte sie nur wenig Deutsch. Zur Welt gekommen ist sie in Offenbach, als Tochter von Arbeitsmigranten aus der Türkei, die selbst Nachkommen von Tscherkessen sind, die vor mehr als 150 Jahren aus dem Kaukasus hatten fliehen müssen und Zuflucht an der türkischen Schwarzmeerküste fanden. Die Eltern sprachen mit der Tochter nur türkisch. In einen Kindergarten, wo sie vor der Einschulung hätte Deutsch lernen können, ging Can nicht. Keine guten Startbedingungen also für die Integration in die hiesige Gesellschaft? Aus dem „sprachlosen Kind“, das in seiner Geburtsstadt aufwuchs, Deutsch erst in der Schule lernte und dem mancher Lehrer nicht viel zutraute, ist doch noch was geworden: eine Dichterin, die in deutscher Sprache schreibt und Literatur-und-Lyrik-Workshops für Schüler leitet.

          Brotlose Lyrik

          Schon als Jugendliche begann Can, Gedichte zu schreiben. Anfangs nur auf Türkisch; sie wollte aber, dass ihre Freunde verstehen, was sie schreibt, daher wechselte sie ins Deutsche. „Ich war ja mit Jugendlichen aus unterschiedlichen Herkunftsländern befreundet, und unsere gemeinsame Sprache war Deutsch“, erklärt sie. Heute sei es keine Frage der bewussten Entscheidung mehr, inzwischen ist Deutsch die Sprache, die sich ihr beim Schreiben aufdrängt. Ein Leben ohne Lyrik könne sie sich nicht vorstellen, sagt Can. Wenn sie nicht selbst Gedichte verfasst oder an ihnen feilt, übersetzt sie Gedichte aus dem Türkischen ins Deutsche und umgekehrt.

          Eine Auswahl ihrer eigenen Gedichte ist im vorigen Jahr unter dem Titel „Rose und Nachtigall“ im Frankfurter Größenwahn-Verlag erschienen. Der Lyrikband war nach kurzer Zeit vergriffen, inzwischen geht er in die dritte Auflage. Erwähnenswert ist das der Autorin, „weil sich Lyrik eigentlich nicht verkauft - nicht einmal die von renommierten Autoren, die in großen Verlagen publizieren“. Geld verdienen könne man mit Lyrik nicht, sagt Can. Und so trägt eine eher prosaische Tätigkeit zu ihrem Lebensunterhalt bei: das Abtippen und Archivieren von handschriftlichen Manuskripten, die der Frankfurter Lyriker Horst Bingel hinterlassen hat.

          Ihren Versuch, einen „vernünftigen Beruf“ zu erlernen, gab sie nach einigen Semestern auf. Vom Jura-Studium wechselte sie zu Psychologie und Psychoanalyse, schrieb ihre Magisterarbeit über Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ und schloss ihr Studium 2011 mit der Note eins ab. Für ihre Eltern war es schwer nachzuvollziehen, was ihre Tochter da eigentlich studiert hatte, ebenso wie die Tatsache, dass sie trotz erfolgreichen Studiums ohne einen „richtigen Beruf“ ist. Doch Vater und Mutter, die beide Fabrikarbeiter gewesen und inzwischen in Rente gegangen sind, sind mittlerweile sehr stolz auf ihre Tochter. Weil Safiye sich nicht hat kleinkriegen lassen, weil sie ihr Leben lebt und den Weg geht, den sie gehen möchte.

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