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Alternative Kreativszene : Off in Offenbach

Alternativ und unbeschwert: Operntage von YRD.Works. Bild: Rainer Wohlfahrt

Wenn kein Geld da ist, wird eben improvisiert: Die alternative Kreativszene der Stadt hat die Kunst der Zwischennutzung zur Perfektion gebracht und findet immer wieder ungewöhnliche Orte für Konzerte, Kinovorführungen, Ausstellungen oder Poetry-Slam-Wettbewerbe.

          Dem Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya gefällt Offenbach nicht so recht. Jedenfalls mault er: „Wäre Marilyn Monroe an der Seite einer kleinen, dürren, pickligen, ihr Leben lang Zahnspange tragenden Schwester durchs Leben gegangen, hätte man sagen können: Offenbach und Frankfurt wirkten nebeneinander wie die Monroe-Schwestern.“ Mit Marilyn meint der vom frühverstorbenen Frankfurter Autor Jakob Arjouni ersonnene Schnüffler natürlich seine vergleichsweise schillernde Heimatstadt. Der wenig schmeichelhafte Vergleich stammt aus dem im Jahr 2001 erschienenen Krimi „Kismet“, Kayankayas viertem Fall.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für einen Lacher war die Vorstellung von den ungleichen Schwestern allemal gut, doch hätte es schon damals keines detektivischen Spürsinns bedurft, um zu ahnen, dass sich die kleine Dürre einmal machen wird, selbst wenn sie dafür fremde Hilfe benötigt. Damit sind nicht etwa Haut- oder Zahnärzte gemeint, sondern jene Studenten, Künstler, Galeristen und Veranstalter, die in den neunziger Jahren in Offenbach ihr Glück suchten und neue Ausstellungsorte, Konzertstätten oder Clubs schufen. Auch einige Frankfurter waren darunter, dem Klischee zum Trotz. Die meisten Gründungen aus jener Zeit gibt es längst nicht mehr, doch waren sie der Keim, aus dem sich die heutige, vielfältige Off-Szene in Offenbach entwickelt hat.

          Zwischen Ausstellungen und Clubveranstaltungen

          Im Rückblick noch bedeutsamer als zur Zeit ihres tatsächlichen Bestehens erscheint die Fahrradhalle, ein 1995 von Studenten der Hochschule für Gestaltung (HfG) in unmittelbarer Nähe zum Deutschen Ledermuseum eingerichteter Ort für Ausstellungen, in dem zudem regelmäßig Clubveranstaltungen stattfanden. Die Idee war bestechend, doch das Konzept nicht von Dauer, und im Jahr 2007 wurde die Halle von den Studenten aufgegeben. Doch die Idee, ungenutzte Räume und Gebäude künstlerischen Initiativen zumindest zur Zwischennutzung zu überlassen, wurde in der finanziell notleidenden Stadt, die sich nur eine sehr eingeschränkte Kulturförderung leisten konnte, zur Regel.

          Feuilleton-Spezial zu Offenbach
          Die Avantgarde-Stadt am Main

          Feuilleton-Spezial zu Offenbach

          Offenbach war jahrzehntelang ein anderer Name für Niedergang. Aber das hat sich geändert: Offenbach ist ein interessantes und für viele mittelgroße Städte modellhaftes Soziotop. Wir haben ihm ein ganzes Feuilleton gewidmet.

          Offenbach-Feuilleton

          Wie viele frühere Industriehallen, Hinterhofwerkstätten, Ladengeschäfte oder auch Wäschereien mittlerweile zu Ateliers oder Ausstellungsräumen geworden sind, lässt sich am besten bei den alle zwei Jahre organisierten „Kunstansichten“ erfahren, einem drei Tage dauernden Festival bildender Künstler, die bei dieser Gelegenheit ihre Arbeiten und die Stätten präsentieren, an denen diese entstehen. Bei der fünfzehnten Auflage der „Kunstansichten“ im vergangenen Jahr waren etwa 150 Künstler und Designer an knapp sechzig verschiedenen Orten an dem Festival beteiligt.

          Wichtiger noch für den Standort Offenbach als das Festival war die Eröffnung der Zollamt-Studios im Jahr 2014. Als 2013 alle Mietverträge auf dem lange für Ateliers genutzten Gelände der mittlerweile abgerissenen Mato-Fabrik gekündigt wurden, musste schnell Ersatz her, der bald darauf im leerstehenden Gebäude des Zollamts an der Frankfurter Straße gefunden war. Die Bundesimmobilienanstalt als Besitzerin des Gebäudes willigte in einen Mietvertrag ein. Der ist zwar auf fünf Jahre begrenzt, weil auf dem Gelände Wohnungen entstehen sollen, doch bietet das Gebäude derzeit noch 52 Büro- und Atelierräume, ein Angebot, das manchen Kreativen veranlasst hat, in Offenbach zu bleiben, um sich hier eine Existenz aufzubauen, anstatt etwa nach Berlin zu gehen.

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