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Off-Künstler Uwe Grodd : Immer in Bewegung

„Wenn die Kunst zu clean ist, verliert sie das Authentische“: Uwe Grodd in seinem Frankfurter Atelier. Bild: Frank Röth

Seine „Justitio“ getaufte Figur zierte den Gerechtigkeitsbrunnen, als Frankfurt den DFB-Pokalsieg der Eintracht feierte. Damit wurde der Künstler einem größeren Publikum bekannt. Aber Uwe Grodd interessiert keineswegs nur Fußball.

          Es war im vorigen Jahr mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit das am meisten abgelichtete Kunstobjekt im öffentlichen Raum. In den sozialen Medien erhielt das Männchen im Eintracht-Trikot rasch den Namen „Justitio“, weil es dort thronte, wo sonst Justitia ihre Waage hochhält. Anderthalb Jahre dauerte ihre Restaurierung, ihr Platz auf dem Sockel inmitten des Gerechtigkeitsbrunnens war verwaist. Das verbliebene Podest erhielt eine Holzverkleidung mit einem erläuternden Text. Dann aber geschah das Unglaubliche: Die Eintracht gewann in Berlin das Finale um den DFB-Pokal gegen Bayern München. Und ein hölzernes Wesen trat auf den Plan und schlich sich ein in die Herzen von Einheimischen und Touristen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Als die Stadt auf dem Römerberg ausgelassen ihre Helden feierte, überblickte eine hölzerne Figur mit dem Adler auf der Brust und einer Waage in der Hand, die nichts anderes bedeuten konnte als die ausgleichende Gerechtigkeit angesichts überheblicher Fußball-Bayern, den mit Menschen prall gefüllten Platz. Uwe Grodd hatte die kleine Gestalt geschaffen, sie mit Hilfe einer Leiter, die von einem Kamerateam auf den Römer gebracht worden war, oben auf dem Brunnen plaziert, und nicht nur beim Empfang für die siegreiche Eintracht entzückte der kleine Fußballer das Publikum, sondern auch noch eine Weile danach. Bis die Verantwortlichen im Historischen Museum erkannten, dass es sich bei diesem Werk um einen Gegenstand der Zeitgeschichte handelte. Nun ist Justitio dort ein Ausstellungsstück. Und sein Schöpfer, dessen Namen dank des Internet-Schwarmwissens alsbald ans Licht kam, zu einer gewissen Bekanntheit gelangt.

          Zugang schaffen, um über die Kunst und die Welt nachzudenken

          Er hat ganze Fußballmannschaften geschaffen, deren Spieler der nunmehr berühmt gewordenen Figur gleichen, sie sind alle aus grobem Holz geschnitzt, und doch hat jede einen ganz individuellen Charakter. Aber beileibe nicht sämtliche „Q’s“, wie Grodd seine ureigenen Schöpfungen nennt, sind Fußballspieler, auch wenn der am linken Niederrhein geborene, in Frankfurt lebende Künstler selbst aktiv den Ballsport betrieben hat, der Eintracht zugetan ist und ein Großteil seines Wochenendes der Bundesliga widmet. Aber er hat schon 2002 im Liebieghaus, Frankfurts Skulpturen-Museum, 261 hölzerne Figuren neugierig um die Ecke schauen und Schlange stehen lassen. Denn das „Q“ hat etwas mit dem englischen „queue“ zu tun, was auf den durchaus seriellen Charakter von Grodds Arbeit verweist. „Die Q’s wollen etwas“, sagt er, „die haben einen Wunsch, die sind auf etwas fixiert, sind zielgerichtet. Und ich assoziiere mit ihnen Bewegung.“

          Ein Blick in sein Atelier freilich zeigt: Er hantiert mit vielen unterschiedlichen Materialien, zeichnet, malt, formt Tonfiguren und -gesichter, stellt Fundstücke zu kleineren und größeren Installationen zusammen, benutzt auch immer wieder Texte, um so paradoxe wie verblüffende Einsichten zu formulieren. Wie jene, dass man ein Iglu nicht „pimpen“ soll, weil es an sich schon perfekt ist. Hinter allem steckt ein Konzept: Ökologische Fragen bewegen ihn ebenso wie die gesellschaftlichen Defizite in einer von Egoismen geprägten Zeit. Bevor Justitia wieder an ihren angestammten Ort kam, hat Grodd dort noch ein anderes Werk aufgestellt: einen Adler mit Nest, in dem er gar nicht einmal so sehr das Eintracht-Maskottchen sieht als vielmehr einen Kunstvogel, der einen zentralen Platz besetzt. Und damit gewissermaßen fordert, auch der freien, nicht an die großen Institutionen oder Galerien gebundenen Kunst mehr Raum in der Stadt zu bieten. Grodd ist Teil einer Off-Szene, die in Robert Bocks „Ausstellungshalle 1A“ eine ihrer wenigen Präsentationsstätten hat.

          „Wenn alles ästhetisch clean ist“, sagt der Künstler, „dann stimmt etwas nicht. Street Art oder Guerrilla Art können Möglichkeiten sein, sich authentisch auszudrücken. Das ist in Frankfurt nicht so verbreitet. Frankfurt ist doch sehr strukturiert.“ Er plane weitere Aktionen unter freiem Himmel. Weil er eine größere Öffentlichkeit ansprechen wolle, als das in einer Galerie-Ausstellung möglich sei. In jedem Fall aber gehe es ihm darum, einen Zugang zu schaffen, um über Kunst nachzudenken. Und damit letztlich auch über die Welt. An Geld und Ruhm liege ihm nichts, sagt Grodd, der wie viele seiner Kollegen auf einen Brotberuf angewiesen ist. Aber die Kunst sei etwas Wunderbares. Und er rate seinem Sohn, ein Kunststudium zu beginnen. Doch den Filius drängt es zu einer Ausbildung, die etwas mit Sport zu tun hat. Mit Fußball.

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