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Mehltau bedroht Existenzen : Ökowinzer in Not hoffen auf Pflanzenschutzmittel

Verfaulte Trauben: Zuletzt kämpften Winzer etwa 2010 mit den Folgen von zu viel Nässe Bild: Marcus Kaufhold

Der falsche Mehltau setzt den Reben zu. Doch die EU blockiert das einzig wirksame Gegenmittel. Wer sich nicht daran hält, riskiert den Ökostatus.

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          Die Winzer sind alarmiert. Die ökologisch wirtschaftenden Betriebe sind gar in ihrer Existenz bedroht. Die Häufung heftiger Regenfälle in den zurückliegenden Wochen hat in Verbindung mit der Nässe im Boden und der Wärme und Feuchtigkeit in den Rebzeilen die Ausbreitung gefährlicher Pflanzenkrankheiten stark begünstigt. Echter (Oidium) und falscher Mehltau (Peronospora) sind die Hauptfeinde des modernen Weinbaus. Vor allem die Peronospora erweist sich derzeit als große Gefahr.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Winzer sind dabei in der Zwickmühle. Viele Rebzeilen sind wegen der Nässe eigentlich kaum mit Traktoren befahrbar, doch der Pflanzenschutz duldet keinen Aufschub. Statt alle zwölf Tage im konventionellen und alle zehn Tage im ökologischen Weinbau müssen die Spritzintervalle auf einen Wochenrhythmus verkürzt werden, um ausreichenden Schutz zu erreichen. Die Gefahr ist derzeit besonders groß, weil die Reben in der gerade begonnenen Blütezeit besonders empfindlich sind.

          Hoffnungsträger Kaliumphosphonat

          Während die gegenwärtige Wetterlage und die Ausbreitung des Mehltaus den konventionellen Erzeugern vorrangig mehr Arbeit im Weinberg, mehr Konzentration auf die Gesundheit der Reben und deutlich höhere Kosten abverlangen, fürchten Ökowinzer um ihre Existenz. Diese Ängste sind die Folge des Zögerns der Europäischen Union, Kaliumphosphonat für den Pflanzenschutz im ökologischen Weinbau wieder zuzulassen. Bis 2013 war Kaliumphosphonat als Pflanzenstärkungsmittel erlaubt. Weil es vor allem in Verbindung mit Kupfer eine gute Wirkung gegen Mehltau zeigt, wurde vom Hersteller allerdings auch die Zulassung als Pflanzenschutzmittel beantragt - und damit verlor das Mittel die Zulassung für den Ökoweinbau.

          Seither steht es den Ökowinzern nicht mehr zur Verfügung, obwohl Deutschland schon im Frühjahr vergangenen Jahres bei der Europäischen Union die Aufnahme des Mittels in eine Positivliste für den Ökoweinbau beantragt hatte. Doch die EU hat sich dazu bisher wegen der laufenden und komplexen Verhandlungen um eine neue Bioverordnung nicht durchringen können. Immerhin haben die Ökowinzer die Ausnahmegenehmigung erhalten, in diesem Jahr vier statt nur drei Kilogramm eines Kupferpräparats je Hektar Weinberg ausbringen zu dürfen. „Die werden wir auch brauchen“, sagt der Professor für Ökoweinbau an der Hochschule Geisenheim, Randolf Kauer. In seiner langjährigen Arbeit als Experte für Ökoweinbau und als Ökowinzer im Mittelrheintal hat er eine solche Wetter- und Gefahrenlage wie in diesem Frühsommer noch nicht erlebt. Nach seiner Beobachtung haben viele Winzer im Rheingau und im Mittelrheintal die Lage zwar noch einigermaßen im Griff, in anderen Teilen von Rheinland-Pfalz sehe es aber ganz anders aus.

          Ein Beispiel ist Bad Kreuznach. Landwirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) hat dem ökologisch wirtschaftenden Staatsweingut in Bad Kreuznach die Erlaubnis erteilt, Kaliumphosphonat als Teil eines „wissenschaftlichen Großversuchs“ auszubringen. Dies sei in der derzeitigen Lage das einzig wirksame Mittel, meint Wissing, der gemeinsam mit Umweltministerin Ulrike Höfken (Die Grünen) bei der EU-Kommission Druck machen will. Höfken hatte sich schon im vergangenen Jahr bei EU-Agrarkommissar Phil Hogan für die Zulassung des Mittels eingesetzt. Die als wissenschaftlicher Versuch deklarierte Erlaubnis für das Staatsweingut solle einen „Totalverlust der Ernte“ verhindern, auch wenn das bedeute, dass das Weingut seinen Ökostatus mindestens für ein Jahr verlieren wird, heißt es aus Mainz.

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