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Mehrwegbecher aus Hanau : Bunte Becher aus natürlichen Stoffen

Das Hanauer Unternehmen Nowaste produziert leichte Mehrwegbecher aus biologischen Zutaten. Der Gründerpreisträger hofft auf Investoren, um die Produktpalette erweitern zu können.

          3 Min.

          Unzählige Meerestiere werden Jahr für Jahr Opfer des Plastikmülls, der in unvorstellbaren Mengen in den Meeren treibt. Bis zu 400 Jahre dauert es, bis sich ein Stück Plastik vollständig aufgelöst hat, doch vorher setzen kleinste Partikel der Gesundheit der Lebewesen vom Seevogel bis zum Menschen gewaltig zu. Wunderbar wäre es, gäbe es eine Möglichkeit, ohne Rohöl und giftige Weichmacher auszukommen, aber zugleich alle Anforderungen zu erfüllen, die der moderne Mensch an Kunststoffprodukte stellt. Möglicherweise existiert ein solches Material schon, stammt aus Hanau und wird derzeit in der Praxis erprobt.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Das Verdienst, einen zumindest vielversprechenden Stoff entwickelt zu haben, der womöglich den Weg zu einer Welt frei von herkömmlichem Plastik ebnet, kommt dem Hanauer Jungunternehmer Babak Norooz zu. Als Geschäftsführer der „Nowaste GmbH Nature Care Products“ erhielt er vor knapp vier Jahren den Existenzgründerpreis der Stadt Hanau. Seine im damaligen Technologie- und Gründerzentrum (GTZ) der Stadt angesiedelte Firma hatte zuvor über mehrere Jahre in Zusammenarbeit mit der Fraunhofer-Gesellschaft und weiteren Experten einen umweltfreundlichen Stoff zur Herstellung von leichtem Mehrweggeschirr entwickelt, der in seiner Praxistauglichkeit mit herkömmlichen Plastikbechern uneingeschränkt mithalten konnte und kann.

          Halten mindestens 75 Fahrten in Spülmaschine aus

          Gleichzeitig betrieb Norooz im GTZ die Firma Norotec, die weltweit Ausrüstung für Feuerwehren vertreibt, vor allem in seinem Herkunftsland Iran, das er als Kind mit seinen Eltern verließ. Das Gründerzentrum gibt es heute nicht mehr, wohl aber beide Firmen des Handelsfachwirts Norooz. Ihr Sitz ist mittlerweile an der Moselstraße im Hanauer Industriegebiet Nord. Weiter für Aufsehen sorgen vor allem die Mehrwegbecher von Nowaste. Die gibt es inzwischen in verschiedenen Größen, Formen und einer breiten Auswahl an Farben. Seit dem Jahr 2012 ist ein Deckel hinzugekommen, was die Becher fit macht für die Mode des Mitnahme-Kaffees. Auf Betreiben der Stadt Hanau und ihrer Klimaschutzbeauftragten Roswitha Peters werden die farbenfrohen Becher seit dem Sommer in mehreren Hanauer Cafés zum Kauf angeboten. Unter der Überschrift „Frisches Klima in Hanau“ sind die markanten Hanauer Baudenkmäler vom Goldschmiedehaus bis zum Schloss Philippsruhe abgebildet. Mindestens 75 Mal können die Kunden die Becher in die Spülmaschine stecken, bevor sie kaputtgehen. Sie sind aber auch schnell mit warmem Wasser ausgespült, so dass die Haltbarkeit wesentlich verlängert werden kann.

          Vier Angestellte sind in der Hanauer Zentrale von Nowaste mittlerweile beschäftigt, dazu kommen die Mitarbeiter in den ausschließlich deutschen Zulieferbetrieben, etwa für die Herstellung des Granulats. In Hanau werden die Becher vertrieben. Im Haus an der Moselstraße gibt es zudem ein kleines Lager, wo in den Regalen eine bunte Vielfalt an Bechern gestapelt ist.

          Vor allem als Kundengeschenk bestellt

          Zum Spaß sind die Gefäße auch zu kleinen Kunstwerken für die Vase oder zur Wanddekoration arrangiert. Darüber, wie hoch der Jahresumsatz derzeit ist, gibt das Unternehmen keine Auskunft. Doch ein wichtiges Ziel für das kommende Jahr formuliert Firmensprecherin Denise Fischer gern: Allein 400.000 bedruckte Trinkgefäße sollen in den nächsten zwölf Monaten produziert und vertrieben werden. Dazu kommen die Standardbecher, zu beziehen auch über den eigenen Online-Laden. Rund sieben Euro je 0,4 Liter fassenden Becher mit Deckel werden verlangt. Voraussetzung für ein breiteres individuelles Angebot ist laut Fischer die digitalisierte Produktion der nach Kundenwunsch gestalteten Aufdrucke. Derzeit sind wegen des aufwendigen Siebdruckverfahrens individuelle Muster und Schriften nur bei hohen Stückzahlen rentabel. Das werde sich - nach einer größeren Investition - demnächst ändern.

          Geordert werden die Becher laut Fischer derzeit vor allem von Firmen als Kundengeschenk mit Werbeaufdruck, aber zunehmend auch von Zahnarztpraxen, Hotels und Kindergärten, für die ein spezieller Kinderbecher produziert wird. Derzeit verhandele man mit einer Kette von Naturkostläden. Überhaupt sei die Eroberung des Einzelhandels ein wichtiger Punkt auf der Agenda.

          Alle Rohstoffe sind nachwachsend

          Doch die Becherproduktion soll nur der Anfang sein. Das Ausgangsmaterial beruht auf dem Grundstoff Lignin, einer Kohlenwasserstoff-Verbindung in der Zellwand von Gräsern, Stauden, Sträuchern und Bäumen. Der „Baumsaft“ fällt insbesondere bei der Produktion von Papier als biologischer Abfallstoff an. Eigene Anbauflächen muss es für seine Gewinnung daher nicht geben. Pflanzliche Öle und Wachse, Biopolymere sowie natürliche Fettsäuren zählen zu den weiteren Bestandteilen.

          Mehrere Zertifikate bescheinigen dem Grundstoff dem Unternehmen zufolge einen schnellen und unschädlichen Abbau, eine Hitzebeständigkeit bis 110 Grad, Lebensmittelverträglichkeit und eine vollständige Zusammensetzung aus nachwachsenden Rohstoffen. Selbst bei der Verbrennung sollen keine gefährlichen Stoffe entstehen. Die Möglichkeiten der Anwendung des Biokunststoffes seien unbegrenzt, sagt Fischer. Überall, wo herkömmliches Plastik eingesetzt werde, könne auch er zum Zuge kommen, sei es beim Babyspielzeug oder beim Kantinengeschirr, beim Autozubehör, bei der Fertigung von Elektronikteilen sowie von Konsumgütern aller Art. Das Feld müsse jetzt nur noch intensiver beackert werden, etwa gemeinsam mit neuen Firmenpartnern oder Investoren zur Finanzierung der erforderlichen Produktionsmittel.

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