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Öffentliche Bücherschränke : Bibliotheken, vom Zufall bestückt

Ein Mann sucht sich Bücher in einem öffentlichen Bücherschrank in Sachsenhausen an dem Schweizer Platz aus. Bild: Francois Klein

Wer liest was wo? Was sagt das über Stadtteile aus? Stöbern in den öffentlichen Bücherschränken Frankfurts.

          4 Min.

          Verkehr und Franzen

          Der Bücherschrank an der Taunusanlage im Frankfurter Bahnhofsviertel ist ein Protz. Seine gläsernen Schiebetüren erinnern an eine Vitrine. Wuchtig, grau, massiv steht er vor dem English Theater. Autos rauschen vorbei, Passanten hetzen vorüber. Sie tragen Aktentaschen oder ziehen Rollkoffer hinter sich her. Sie haben keinen Blick für den Bücherschrank. Dessen Inhalt sieht so aus, als bekomme er nicht viel Zuwendung. Die fünf Bretter sind halbleer, in der untersten und obersten Etage sind die Bücher umgekippt und liegen übereinander. In der Ebene in der Mitte steht heute Jonathan Franzens „Freedom“ neben „Global Challenge of Global Finance“.

          In der Etage darüber finden sich Kraftfahrzeug-Ratgeber: „Begleitung rund ums Auto“ und das „Auto Bordbuch“. Eine Frau nähert sich dem Bücherschrank und schiebt vorsichtig die Tür auf. Sie bückt sich und betrachtet die Bücher in der untersten Reihe. Dann schließt sie die Tür wieder, läuft einmal um den Schrank herum und öffnet die Tür auf der anderen Seite. Sie greift nach „Und doch lacht mir die Sonne“, der Biographie der Schriftstellerin Lotte Bormuth. Stellt es aber nach kurzer Zeit wieder zurück. „Ich arbeite ganz in der Nähe und komme jede Mittagspause her“, sagt sie. Manchmal auch nach der Arbeit, so wie heute. Doch viel Zeit bleibt nicht, auch sie hat nur fünf Minuten Zeit, dann eilt sie weiter zum Bahnhof, um ihren Zug zu bekommen.

          Frauenromane, Sachbücher

          Im Frankfurter Nordend stehen zwei Lesende am Bücherschrank an der Ecke von Bornwiesenweg und Oeder Weg. Praktisch, dass die Bücherschränke immer von zwei Seiten geöffnet werden können. Trotzdem wartet hier an manchen Tagen schon der nächste Büchersuchende und schaut dem bereits blätternden Vordermann über die Schulter. Heute finden sich in dem leicht angerosteten Schrank sogar Schallplatten. Die hat eine Frau erst vor wenigen Minuten hineingelegt. Klassiker wie „Anatevka“ und „Welt der Oper“ sind darunter. Eigentlich habe sie die im Second-Hand-Laden verkaufen wollen, erzählt die Frau. Stattdessen landen sie jetzt im Bücherschrank. Sie selbst schaue vor allem nach Büchern.

          Eine Frau sucht sich Bücher in einem öffentlichen Bücherschrank in Sachsenhausen an dem Schweizer Platz aus. Bilderstrecke

          „Ich bin ein haptischer Mensch und fasse gerne die Seiten an.“ Wenn sie in einen Bücherschrank schaue, sei sie auf der Suche nach Fach- und Sachliteratur, zum Beispiel zum Thema Psychologie. Da sie in der Nähe wohne, komme sie jeden Tag vorbei, auch vor dem Urlaub. „Hier stehen häufig veraltete Kunst- und Kulturreiseführer“, sagt sie. Die Restauranttipps seien dann nicht mehr aktuell, aber das sei ja egal. Auf der anderen Seite durchforstet ein Mann im Tweed-Sakko den Bücherschrank. Doch er blickt skeptisch drein. „Zu viele Frauenromane“, sagt er. Wie er beobachtet hat, stehen genau diese Bücher Wochen und Monate im Schrank. Doch er weiß auch: „Das ist der Schrank mit den meisten Sachbüchern.“

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