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: Öde Orte und städtische Monster

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Görlitz: minus 42 Prozent (1949-2004). Hammerfest: minus 9,5 Prozent (1975-1991). Basel: minus 22 Prozent (1970-2000). Marseille: minus 12,7 Prozent (1975-1999). Seltsam düster lesen sich die Angaben zur Bevölkerungsentwicklung auf ...

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          Görlitz: minus 42 Prozent (1949-2004). Hammerfest: minus 9,5 Prozent (1975-1991). Basel: minus 22 Prozent (1970-2000). Marseille: minus 12,7 Prozent (1975-1999). Seltsam düster lesen sich die Angaben zur Bevölkerungsentwicklung auf den Rückseiten der Postkarten, die Philipp Oswalt im Architekturmuseum ausstellt. Die Motive kehren nicht die Schokoladenseite der Städte nach außen - keine Fachwerkhäuser, kein süßes Idyll an der Uferpromenade. Es sind Ansichten öder Orte, abbruchreifer Häuser oder Betonkästen, die auf die Frage "Hier leben?" lauthals "Nein, danke!" zu schreien scheinen.

          Der Bevölkerungsschwund, der ganze Städte leerräumt und Landstriche entvölkert, ist kein lokales Phänomen, das sich auf Ostdeutschland beschränkt. "Shrinking Cities" sind auch Liverpool und Detroit, ein Viertel der Großstädte ist seit den neunziger Jahren geschrumpft. Da können sich die Städte noch so sehr wehren, ein Gehry-Gebäude nach Herford setzen oder ein Libeskind-Museum nach Manchester. Das Image einer Stadt, die ihren Einwohnerzenit und damit ihre besten Jahre hinter sich hat, ist schwer zu retten. Die Ausstellung "Schrumpfende Städte" zeigt neun Ideen, wie dem Schwund beizukommen sein könnte.

          Auf der anderen Seite - und das heißt im Architekturmuseum ein Stockwerk höher - sind die Riesenstädte, die Megacitys, die aus den Fugen brechen, weil die Landbevölkerung, getrieben von den Projektionen eines auskömmlichen Lebens, eines sicheren Arbeitsplatzes und einer Chance auf Aufstieg aus eigener Kraft, hierherpilgert. Lebendigen Organismen gleich dehnen sie sich aus, verschlingen scheinbar anarchisch die Peripherie. Über Krieg und Frieden könnte künftig in den großen Städten entschieden werden. Diesem anderen Extrem - Stadtplanung unter dem Vorzeichen eines fast unkontrollierten Wachstums - widmet sich die Ausstellung "Megacity Network" am Beispiel Seouls. 16 zeitgenössische Architekten aus Südkorea rund um den Architekturprofessor Kim Sung Hong zeigen ihre besten Projekte und Antworten auf die Herausforderungen einer dynamisch wachsenden Stadt auf begrenzter Fläche.

          Seoul ist die am dichtesten besiedelte Megacity der Welt. 10 Millionen Einwohner zählt die Kernstadt - auf einer Fläche, die kleiner ist als Berlin. 23,2 Millionen Koreaner leben im Ballungsraum Seoul, das ist die Hälfte der Bevölkerung des Landes. Die Sogwirkung führt zu einer städtebaulichen Dynamik, an der europäische Maßstäbe scheitern. Bebauungspläne? Freiflächen? "In so einer Stadt von Planung zu sprechen ist heikel", meint Peter Cachola Schmal, Direktor des Architekturmuseums.

          Seouls Appartementhäuser haben oft eine Lebensdauer von weniger als 30 Jahren, die Ausdehnung in die Vertikale ist die einzige Möglichkeit, um Platz zu gewinnen. Multifunktionale Gebäude sind die Regel - Kirche, Parkhaus, Basketballhalle und Karaoke-Bar stecken unter einem Dach. "Megacity Network" ist die erste Architekturausstellung dieser Art außerhalb Europas. Die Formensprache der Kirchen, Wohnhäuser, Sporthallen, Museen und öffentlichen Gebäude artikuliert die Suche der Koreaner nach einer architektonischen Identität.

          Mit dem Abstieg aus dem ersten Stock nimmt leider auch das Niveau des Ausstellungsdesigns ab. Gegen die hervorragend bebilderte, ansprechend gestaltete und mit klugen Texten versehene Seoul-Schau wirkt die inhaltlich zwar spannende Ausstellung "Shrinking Cities" im Erdgeschoss halbfertig, der Laborcharakter ist ihr anzumerken. Ursachen und Wirkungen des Schrumpfens der Städte werden untersucht, die Leitbilder wie Entwürfe einer Denkfabrik präsentiert. Von regionalem Interesse ist das Schlusskapitel "Schrumpfendes Hessen". Der Besucher erfährt dort, dass der Werra-Meißner-Kreis bis 2050 die Hälfte der Einwohner verlieren wird. Besonders in Nordhessen wird es leer. Rainer Schulze

          Bis zum 17. Feburar im Architekturmuseum

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