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Odenwaldschule : Es sind noch mehr Opfer

  • -Aktualisiert am

2015 hat die Odenwaldschule in Heppenheim ihren Schulbetrieb eingestellt. Bild: dpa

Mehrere Jahre, nachdem Missbrauchsfälle am Eliteinternat im hessischen Heppenheim bekannt wurden, zeigen Studien das Ausmaß auf. Hunderte Schülerinnen und Schüler waren sexuell missbraucht worden – ohne Konsequenzen für die Täter und Institutionen.

          An der hessischen Odenwaldschule sind mehr Schülerinnen und Schüler sexuell missbraucht worden als bisher angenommen. Das geht aus zwei Studien hervor, die am Freitag in Wiesbaden vorgestellt wurden. Bis zu 900 Jugendliche sollen an dem ehemaligen Eliteinternat im hessischen Heppenheim zwischen 1966 und 1989 sexuell missbraucht worden sein.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          „Die dort über Jahrzehnte praktizierte sexuelle und emotionale Ausbeutung von Schülerinnen und Schülern lässt keine andere Diagnose zu als die eines manipulativen, selbstherrlichen und schäbigen pädagogischen Systems, in dem alle Kinder und Jugendlichen massiven Entwicklungsrisiken ausgesetzt wurden“, sagte Florian Straus vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung München (IPP) am Freitag in Wiesbaden.

          Die ausgewerteten Aktenmaterialien und Sekundärdaten ließen außerdem Rückschlüsse auf mehr als zwei Dutzend Täter alleine unter den pädagogischen und technischen Mitarbeitern der Odenwaldschule zu, sagte der Mitverfasser der Rostocker Studie. Anders als vermutet, seien die Täter an dem Eliteinternat auch nicht ausnahmslos Männer gewesen, die Materialien ließen Rückschlüsse auf mindestens fünf pädagogische Mitarbeiterinnen zu.

          „Die haben noch Täterinnen und Täter entdeckt, von denen wir nichts wussten“, sagte Adrian Koerfer, ehemaliger Gründungsvorsitzender von Glasbrechen e.V. und selbst Opfer von sexuellem Missbrauch an der Odenwaldschule. Grund zur Erleichterung gebe es nicht. „Dafür ist die unfassbare Zahl der Opfer, 500 bis 900 laut einer der beiden Studien, zu hoch. Die Zahl der Taten und Täter und Täterinnen ebenso.“

          Aufarbeitung und Veröffentlichung der Studien

          Die Aufarbeitung und Veröffentlichung der Studien hätte schon viel früher erfolgen sollen, sagte Straus. Die Studien des IPP und der Universität Rostock waren 2014 vom damaligen Trägerverein der Odenwaldschule und dem Zusammenschluss der Betroffenen, Glasbrechen e.V., in Auftrag gegeben und vom hessischen Sozialministerium mitfinanziert worden. Mehr als 450 laufende Meter Akten, mehrere hundert Pläne und 50.000 Bilder, Audio- und Videokassetten wurden bearbeitet, ehemalige Schüler und Lehrer interviewt.

          Mit der Veröffentlichung der Studie sei das, was an dem Internat passierte, nun amtlich, sagte Landtagsmitglied Marcus Bocklet (Grüne) als Berichterstatter der Petition einer ehemaligen Odenwaldschülerin. Was nicht geglaubt und auch vertuscht werden sollte, müsse eine Lehre sein und dürfe sich nicht wiederholen. „Ein breites System von Personen und Institutionen sind ihrem Schutzauftrag von Kindern nicht nachgekommen, auch Ämter haben versagt“, sagte er.

          Auch nach Einschätzungen der Wissenschaftler scheiterte die Aufarbeitung der Vorfälle an dem Eliteinternat. „Für dieses Versagen der staatlichen Stellen bitte ich alle, denen auch deshalb Leid widerfahren ist, als heute verantwortlicher Minister um Verzeihung“, sagte Sozialminister Kai Klose (Grüne). Die Vorstellung der Studie sei keineswegs ein Schlusspunkt, vielmehr der Beginn der Auseinandersetzung mit den Studienergebnissen. „Wir wollen und werden das Thema weiter be- und verarbeiten“, sagte Klose.

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