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Odenwald-Wolf : Kaum erkannt, schon weggerannt

Auf Wanderschaft: Der Odenwald-Wolf Anfang September bei Wald-Michelbach. Bild: Oppermann-Fotografie

Der Odenwald-Wolf könnte vor Wochen nach Baden-Württemberg weitergezogen sein. Trotzdem sorgen sich die Tierhalter des Odenwaldkreises. Der Kreistag will einen Ausgleichsfonds für Schafhalter.

          Im September hatte das hessische Umweltministerium bestätigt, dass sich im Odenwaldkreis ein Wolf aufhält. Nun gibt die Kreisvorsitzende des Naturschutzbunds (Nabu) Martina Limprecht Entwarnung: Nach ihren Worten hat Ende November ein Jungüde mit dem gleichen Genom in Baden-Württemberg Tiere gerissen. Der Odenwald-Wolf ist also weitergezogen – vermutlich, muss man vorsichtig hinzufügen, denn bei Raina Kessler haben sich noch zum Jahreswechsel Wanderer gemeldet, die den Wolf im Odenwald gesehen haben wollen. „Es ist damit immer so eine Sache“, sagt die Wolfsbeauftragte des Odenwaldkreises. „Es gibt auch Huskys, die aussehen wie Wölfe.“

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Dass man von den gerissenen Tieren im Schwarzwald auf den Wolf in Südhessen schließen kann, ist Kesslers Kollege Karlheinz Kinzer zu verdanken. Er hatte, nachdem auf einer Wiese Mitte November bei Hesseneck-Kailbach im südlichen Odenwald gerissene Schafe gefunden worden waren, von jedem der toten Tiere eine Genprobe an der Bisswunde entnommen, Fotos der Kadaver gemacht und von Pfotenspuren in der feuchten Erde. Diese DNA-Proben wurden anschließend an das Senckenberg-Institut nach Gelnhausen geschickt. Dort wurde versucht, die Erbsubstanz des Wolfes aus dessen Speichelrückständen in der Probe zu belegen. Beim Odenwald-Wolf, der zuvor schon ein Schaf und eine Ziege bei Mossautal-Hüttenthal erlegt hatte, ist das gelungen.

          70 Kilometer pro Tag

          Bei dem Tier, das bei Freudenstadt im Schwarzwald auf die Jagd ging, konnte mit einem solchen DNA-Test an der Beute der gleiche Haplotyp ermittelt werden. Es handelt sich um den Odenwald-Wolf – oder um seinen Bruder oder seine Schwester, wie Kessler hinzufügt. Außerdem könnte es auch sein, dass das Tier zwischen Baden-Württemberg und Hessen pendelt. Wölfe können am Tag bis zu 70 Kilometer zurücklegen.

          Das bisher stärkste Indiz, dass der Wolf Hessen verlassen hat und in südliche Richtung weitergezogen ist, besteht für die beiden Wolfsbeauftragten des Kreises in dem Umstand, dass sich seit den Vorfällen im November keine Schafs- und Ziegenhalter mehr mit „Schadensfällen“ gemeldet haben. „Es sind keine Risse mehr vorgekommen, im Moment ist es ruhig“, sagt Kessler.

          Tierhalter sorgen sich weiter

          Das Umweltministerium könnte also recht behalten. Es hatte im September, nachdem ein Naturfotograf den Wolf im dichten Unterholz bei Wald-Michelbach abgelichtet hatte, in Frage gestellt, dass sich das Tier dauerhaft im Odenwald niederlassen werde. Die in den vergangenen Jahren nachgewiesenen Wölfe seien stets wandernde Einzeltiere gewesen, „die auf der Suche nach einem Partner die hessischen Wälder durchstreiften“. Auch Kessler und ihre Kollegen haben keine Hinweise auf eine Rudelbildung gefunden.

          Aus der Welt ist das wichtigste Raubtier der deutschen Märchenliteratur deshalb nicht verschwunden. Die Sorgen der Tierhalter bestehen weiter. Allein der Odenwälder Schäferverein hat 120 Mitglieder. Für das Mittelgebirge sind deren Weidetiere als „Pfleger“ der Kulturlandschaft wichtig. Der Kreistag hat sich deshalb einstimmig Ende des Jahres hinter die Schäfer gestellt, die überwiegend die Herden im Nebenerwerb halten, und die Landesregierung zu einer Anpassung des hessischen „Wolfsmanagements“ aufgefordert. In der Kreistags-Resolution, die sich an Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) richtet, wird eine Härtefallregelung für geschädigte Tierhalter gefordert, da es in Hessen noch keine Ausgleichsregelung für Schäden gebe, die nachweislich durch einen Wolf verursacht wurden. Nach Ansicht der Kreistagsabgeordneten sollte die Landesregierung einen Ausgleichsfonds einrichten und sich dabei am bayerischen „Ausgleichsfonds Große Beutegreifer“ orientieren. Erforderlich sei außerdem, den Tierhaltern über ein Förderprogramm Möglichkeiten für einen effektiven Herdenschutz zur Verfügung zu stellen.

          Wolfsmanagement

          Im vergangenen Jahr hatte das Umweltministerium 50 000 Euro freigegeben, um den „zusätzlichen Kontrollaufwand“ bei Elektrozäunen zu unterstützen. Außerdem hatte Hinz auf Beratungsangebote zum Herdenschutz hingewiesen und angekündigt, die finanziellen Hilfen wie die Beratung zu verstärken. Verbunden wurde dies mit der Äußerung, ein „friedliches Nebeneinander“ von Mensch und Wolf sei möglich und könne geregelt werden.

          Wie es mit dem Wolf im Odenwald, der sich in einen hessischen, bayerischen und baden-württembergischen Teil gliedert, weitergeht, bleibt abzuwarten. Kessler und Kinzer bitten Halter, sich unverzüglich zu melden, wenn eines ihrer Tiere gerissen werde, um sofort DNA-Proben zu nehmen. Das geht nur innerhalb von 24 Stunden.

          Aber auch alle anderen Landwirte und Hausbesitzer fordern die beiden Wolfsbeauftragten auf, beim „Wolfsmanagement“ mitzumachen, indem sie zum Beispiel nicht das Katzenfutter draußen stehenließen oder fleischliche Nahrungsreste auf den Misthaufen würfen. „Man sollte den Wolf nicht anfüttern“, sagt Kessler. Ansonsten gilt für Spaziergänger weiter der Hinweis des Ministeriums, bei einer Begegnung mit dem Wolf „respektvollen Abstand“ zu halten. Sollte das Tier sich nähern, könne es durch „lautes Sprechen“ verjagt werden.

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