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Occupy in Frankfurt : Was übrig bleibt

  • -Aktualisiert am

„Die Bewegung hat bei uns einige Denkblockaden gelöst“

In Sichtweite der Mahnwache, in dem Burgerlokal am Willy-Brandt-Platz, kommt jeden Dienstagabend ein Teil von Occupy zusammen, der sich am weitesten vorgewagt hat in der Frage, was falsch laufe in der Finanzwelt. Es ist die Diskursgruppe Wirtschaft, und Jörg gehört dazu. Er ist pensionierter Mitarbeiter einer staatlichen Bank in Frankfurt, trägt ein gestreiftes Hemd, hat seinen weinroten Pullover an den Ärmeln um die Schultern geknotet und sagt von sich, dass das Camp vor der EZB für ihn noch nie das Richtige gewesen sei. Der breite bürgerliche Protest, den Occupy vor einem Jahr losgetreten hat, habe ihn angesprochen. Zusammen mit den anderen in der Diskursgruppe Wirtschaft hat er in den vergangenen zehn Monaten ein Papier geschrieben, das sich damit beschäftigt, wie Einkommen und Vermögen verteilt werden und was man anders machen könne, damit das gerechter ablaufe. Das war mühsamer, als ein paar Heringe in den Rasen vor der EZB zu schlagen. Es bekommt aber weit weniger Aufmerksamkeit. Jörg stört das nicht. Ihm reicht die persönliche Auseinandersetzung mit den Themen, die ihm vor Occupy nicht wichtig waren. „Die Bewegung hat bei uns einige Denkblockaden gelöst“, sagt er.

Das DIN-A5-Heft der Diskursgruppe ist in der Mitte zweimal zusammengetackert und das greifbarste Ergebnis von Occupy Frankfurt. Es stehen sogar Forderungen darin, zu einer gerechteren Verteilung von Vermögen und Einkommen. Eine solche Konkretisierung ist etwas, wogegen sich die Bewegung lange gewehrt hat und was viele der Aktivisten heute noch immer für falsch halten. Thomas Occupy, der seit Camp-Zeiten dabei ist und seinen Nachnamen zumindest für die Öffentlichkeit durch den der Bewegung ersetzt hat, will keine solchen Nägel in der Wand. Jede Forderung, die Occupy aufstellen würde, sagt er, wäre ein solcher Nagel. „Darauf würden dann alle so lange rumschlagen, bis der Nagel krumm ist.“ Für Wolfgang Kraushaar ist die Weigerung, etwas zu wollen, einer der Kardinalfehler von Occupy. „Die Bewegung hätte mit eigenen politischen Forderungen in den öffentlichen Raum vordringen müssen. Dann wäre sie in der Lage gewesen, ihr Protestpotential zu nutzen“, sagt Kraushaar, der Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung ist und zuvor 20 Jahre in Frankfurt gelebt hat. Er sagt, dass der Occupy-Bewegung die Luft ausgegangen sei, obwohl man sie noch nicht ganz abschreiben dürfe. Besonders in Frankfurt, sagt er, habe sich die Bewegung den falschen Adressaten ausgesucht. „Die Europäische Zentralbank ist nicht die Schuldige für die Finanzkrise in Europa gewesen.“ Die Occupy-Bewegung hätte sich an die Politik wenden sollen.

Es reicht nicht, ein Papier zu verfassen

Hajo Köhn und Occupy Money haben das vor. Über das Camp sagt der Unternehmensberater, dass er so etwas schon aus den siebziger Jahren kenne. „Das endet immer in der Selbsterfahrung.“ Occupy Money, das bisher 22 Mitglieder hat, darunter Betriebswirte, Anwälte und Architekten, soll wie eine Nichtregierungsorganisation funktionieren. Geld soll der Gesellschaft dienen, nicht umgekehrt, heißt ihre Forderung.

Das Konzept Fair Trade soll auf die Finanzbranche angewendet werden, ist die Idee dahinter. Kongresse, Diskussionsrunden, Hintergrundgespräche mit Leuten aus der Finanzbranche und der Politik sollen die Werkzeuge sein. „Um eine politische Organisation aufzubauen, reicht es nicht, ein Papier zu verfassen“, sagt Köhn. Das soll auch heißen, dass das, was die Diskursgruppe Wirtschaft von Occupy geschafft hat, nicht reicht. Dabei würde Köhn eigentlich gut passen zu denen, die sich dienstags zum Diskurs treffen. „Occupy Money bewegt sich außerhalb der Strukturen von Occupy“, sagt einer von ihnen knapp, und es ist klar: Das passt doch nicht.

Viel Aufmerksamkeit, aber wenig Inhalt

Bewusstsein. Das ist so ein Wort, das immer wieder fällt, wenn Occupy-Aktivisten darüber reden, was sie geschafft haben im vergangenen Jahr. Es sei ein Bewusstsein geschaffen worden. Für ein Problem und dafür, dass es für eine Lösung Aktionen brauche. Darüber redet auch Heiner Hügel von Attac Frankfurt. „Occupy hat es geschafft, dass jeder das Problem kennt“, sagt er. Trotzdem hadert er mit der Haltung der Aktivisten. „Ich verstehe nicht, warum man so tut, als wüsste man nichts und könnte alles erfahren, wenn man in Zelten sitzt“, sagt er. Hügel spricht schon seit der Achtundsechziger-Bewegung über den Kapitalismus, was seiner Ansicht nach schlimm daran ist und was man anders machen sollte.

Als die jungen Männer, die neben Hügel beim Frankfurter Ordnungsamt saßen, von den Zelten sprachen, die sie vor der EZB aufschlagen wollten, da habe der Mann vom Ordnungsamt sie väterlich davor gewarnt, was sie sich damit alles aufhalsen würden: einen Berg Organisation, Obdachlose, Dreck. Ärger halt.

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