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„Occupy“-Bewegung in Frankfurt : Geduscht wird in der Bank

  • -Aktualisiert am

Gut getarnt: BWL-Student Eric trägt zwar den Anzug, den er sich für ein Bank-Praktikum kaufte, protestiert aber gegen die Gier der Spekulanten. Bild: Röth, Frank

Rund 100 Demonstranten der „Occupy“-Bewegung lagern seit Samstag vor der EZB. Die Stimmung im Camp ist gut, die Suppe heiß - und Hilfe kommt von unerwarteter Seite.

          Man hätte Manfred Schreiber aus Kirchzarten bei Freiburg eigentlich gar nicht begegnen müssen, um zu verstehen, wie bürgerlich der Protest gegen die Banken inzwischen ist. Aber dann trifft man ihn doch, einen freundlichen Pensionär mit schwarzer Baskenmütze auf dem kurzen grauen Haar, rotem Wollschal um den Hals, schwarzem Mantel. Er lässt den Blick schweifen über die Igluzelte am Willy-Brandt-Platz, mehr als fünfzig sind es seit Samstag geworden, und er blickt auf die Mittzwanziger mit Dreadlocks, die Rapsongs an der Musikanlage lauter drehen. Schreiber, der früher als Beamter in der baden-württembergischen Landesverwaltung gearbeitet hat, der sich selbst einen „konservativen Grünen“ nennt und der nun statt eines Museums in Frankfurt das „Occupy“-Zeltlager besucht, sagt etwas, was so ähnlich auch auf den Plakaten von Attac steht: „Das System ist völlig verkommen.“

          Das Gefühl, dass etwas schief läuft zwischen Großbanken, Staat und Bürgern, teilen in dem kleinen Camp alle. Manche sagen das schon seit Jahren und aus Prinzip, die Globalisierungsgegner von Attac etwa. Manche aber auch erst seit einigen Wochen - so wie der 25 Jahre alte BWL-Student, der sich Eric, der Occupier nennt. Im schwarzen Anzug sitzt er im Gras zwischen Wolljackenmädchen und einem Rocker in Lederjacke, seine braune Ledertasche neben sich, und wartet darauf, durch das Megaphon das Wort an die anderen zu richten. Es ist kurz nach 13 Uhr, eben hat die tägliche Generalversammlung begonnen und etwa 60 Demonstranten haben sich dazu in einem großen Kreis auf den Boden gesetzt.

          Nicht unbedingt die Linke-Spinner-Schublade

          Eric, nach einem halbjährigen Praktikum in einer Frankfurter Bank „desillusioniert“ vom „arktischen Klima und der Profitsucht“, ist nun Aktivist. Zumindest solange es seine Zeit zulässt, bald muss er schließlich auch seine Bachelorarbeit an der Fachhochschule Frankfurt schreiben. Den Anzug, den er sich für das Praktikum angeschafft habe, trage er nun als Zeichen dafür, dass auch Leute, denen es noch gut gehe, unzufrieden seien.

          Tatsächlich lassen sich die etwa 100 Dauercamper und ihre Tagesbesucher vor der EZB nicht so leicht in die Linke-Spinner-Schublade stecken. Dass Parolen provokant sein sollten, haben sie verstanden, und so raten sie den Investmentbanken auf Plakaten: „Eure Erfolge feiert ihr ohne mich, also fallt auch ohne mich“ und „Eure Krise könnt ihr behalten“.

          Anwohner haben Töpfe gebracht

          Doch sie sind nicht dagegen, dass es Banken gibt. Das zeigt schon der Applaus, den die GLS-Bank erntet für ihr Angebot, den Campern ihre Dusche in der nahegelegenen Filiale zur Verfügung zu stellen. Für diese Nettigkeit sollen die sozialökologischen Kleinbanker der GLS zum Mittagessen eingeladen werden, kündigt einer bei der Versammlung an; der Vorschlag eines anderen, von jedem der Bankmitarbeiter mindestens 20 Euro zu kassieren („denn die verdienen immer noch mehr als wir“), findet dagegen keinen Beifall. Bei der GLS freut man sich schon auf den Besuch: „Finden wir super, was die da machen“, sagt ein Mitarbeiter. Bis zum späten Nachmittag sei allerdings noch kein Aktivist zum Duschen dagewesen - einer habe stattdessen ein Konto eröffnet.

          Hilfe bekommen die Demonstranten auch von anderer Seite: Die Essensspenden reichen für die nächsten Tage, Anwohner haben Töpfe gebracht, ein Krankenpflege-Azubi hat in seiner Heimatstadt Heidelberg alle Apotheken um günstiges Verbandszeug gebeten. Mit seinem Koffer ist er nach Frankfurt gekommen und verstärkt nun das Organisationsteam. Bei seinem Arbeitgeber hat er sich krank gemeldet; unter den Fernsehkameras duckt er sich deswegen weg oder trägt die Guy-Fawkes-Maske des Kollektivs Anonymous, das die „Occupy“-Bewegung ebenfalls unterstützt. Diese wiederum bietet derzeit vor der EZB auch drei obdachlosen Rumänen Asyl in Zelten. Für die Systemkritik interessieren die sich weniger als für die heiße Suppe, die ihnen die Kritiker spendieren.

          Er fürchtet sich um sein Geld

          Aaron Kraus könnte angesichts dieses friedlichen Miteinanders „den ganzen Tag singen und tanzen“, wie er sagt. Der 22 Jahre alte Uhrmacher vertritt den Organisator des Frankfurter Protestes, Wolfgang Siener, der an diesem Montag zu Interviews nach Berlin gefahren ist. Kraus seinerseits wird nun vor der EZB von Journalisten umlagert; ein RTL-Team bittet ihn, für die Kamera ein Bündel Karotten aus einem Zelt zu holen, später eine Wolldecke und seinen Schlafsack in ein anderes Zelt zu stecken. Das gehe zu weit, meint Kraus zu der Reporterin, „das ist genau der Punkt, an dem Ihr arbeiten müsst“. Boulevardmedien stellten vieles verfälscht dar. Beispielsweise habe man sich, anders als von manchen berichtet, in Frankfurt auf friedlichen und gewaltfreien Protest geeinigt: „Alles andere ist kontraproduktiv und schreckt ältere Menschen ab.“

          Passanten zeigen sich interessiert, Touristen zücken die Smartphones für Fotos. Eine weißblonde Rentnerin, die früher in der Rechtsabteilung der Dresdner Bank gearbeitet hat, findet, es gingen noch viel zu wenige Leute gegen die Spekulanten auf die Straße. Bei den aktuellen Temperaturen ist die Übernachtung im Zelt allerdings kein Vergnügen. Zwei Stunden habe er in den vergangenen Nächten schlafen können, berichtet Kraus, der die nächste Nacht wegen einer beruflichen Fortbildung in Würzburg verbringen wird. Ende der Woche will er wiederkommen und weitermachen, „um der Politik zu zeigen, dass es nicht richtig ist, wie es läuft“. Wie es stattdessen laufen soll, weiß er auch nicht genau und fordert von den Verantwortlichen „einen produktiven Lösungsansatz ohne Schuldenverschiebung“.

          Der 67 Jahre alte Manfred Schreiber aus Kirchzarten wünscht sich das auch, „siehe Bibel“, schon Jesus habe die Wucherer aus dem Tempel getrieben. Außerdem fürchte er um sein Geld: „Wenn jetzt in Griechenland Pensionen gekürzt werden, ist das eine Vorübung für uns. Da geht’s ans eigene Portemonnaie irgendwann.“

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