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Mundraub : Appelle und Knöllchen

  • -Aktualisiert am

Auch wenn fremde Früchte noch so sehr locken: Pflücken ohne Einwilligung des Eigentümers ist Diebstahl. Bild: dpa

Die Mär, Mundraub sei erlaubt, hält sich hartnäckig. Zudem klauen manche Früchtediebe dreist. Obstbauer erleiden zum Teil erhebliche Einbußen, gerade wenn sie Obstwiesen in der Nähe großer Städte besitzen.

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          Wenn Mia und Joschua Prade in zehn Jahren eine Party unter „ihrem“ Apfelbaum feiern würden, hätte Gerhard Wachinger sein Ziel erreicht. Noch klettern die acht Jahre alte Mia und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder aber lieber in der Baumkrone herum, reißen, schneiden, sägen kleine Äste ab, die sie Wachinger und ihrem Vater Peter Prade vor die Füße werfen. „Karussell des Lebens im Apfelhain“ heißt die Veranstaltungsreihe, die Wachinger mit Unterstützung der evangelischen Familienbildung und von Hessenforst ins Leben gerufen hat. Ein Jahr lang kümmert sich eine Familie um je einen Apfelbaum des Arboretums Main Taunus in Eschborn. Zur Belohnung darf man im Herbst ernten. An diesem Tag verpasst die Gruppe ihren Bäumen den Sommerschnitt. „Wenn ihr die kleinen Ästchen abreißt, anstatt sie abzuschneiden, kann sich der Baum besser erholen“, erklärt Wachinger.

          In einem Apfel, wenn er denn einmal geernet werden kann, steckt eine Menge Arbeit. Genau das möchte Wachinger den Kindern und ihren Eltern vermitteln. Denn gerade die Bauern, deren Anlagen nahe großen Städten liegen, klagen über massiven Obstklau. Eimerweise ernteten Leute Kirschen, Äpfel und Birnen, die ihnen nicht gehörten. „Es gab schon Fälle, da hatten die Bauern ihre Wiese gerade gemäht und am nächsten Tag keinen einzigen Apfel mehr im Baum gefunden“, sagt Wachinger.

          Joshua Prade übt den perfekten Schnitt.
          Joshua Prade übt den perfekten Schnitt. : Bild: Michael Kretzer

          Obstbauern fordern mehr Feldschützer

          Das Umweltamt Frankfurt bekämpft dieses Problem seit 2009 mit leuchtend gelben Absperrbändern, die Besitzer zur Erntezeit um ihre Bäume wickeln. „Meine Arbeit, meine Ernte - mein Obst!“ oder „Stop! Ich ernte selber“ steht darauf. Die Appelle helfen laut einer Umfrage. Mehr als 70 Prozent der Nutzer sind mit der Wirkung zufrieden. Mit der Aufforderung „Finger weg - meine Äppel“ sollen auch Langfinger von den Bäumen des Arboretums abgehalten werden. „Das hilft doch nichts, wenn jemand wirklich etwas stehlen will“, sagt aus eigener Erfahrung Peter Prade. Immer wieder fordern Bauern- und Obstbauernverbände mehr Ordnungshüter, Feldschützer, wie der Berufsstand noch heute heißt. Doch nur noch wenige Gemeinden wollen sie sich leisten. Eine von ihnen ist Kriftel, Obstgarten des Vordertaunus genannt.

          Hier dreht Ewald Koster seit mehr als dreißig Jahren seine Runden: „Die Leute sollen den Eindruck gewinnen, dass ich ständig präsent bin.“ Sein Dienst beginnt, wenn die Bauern Felder und Wiesen verlassen. Abends, an Wochenenden und Feiertagen achtet Koster auf wildernde Hunde, rügt Umweltverschmutzer und stellt eben Obstdiebe zur Rede. Manchmal wird er auch von aufmerksamen Jägern oder Spaziergängern angerufen. „Es ist doch nur ein Apfel“ oder „Das Erdbeerfeld ist doch schon abgeerntet“ sind Ausreden, die er dann oft zu hören bekommt. Meist verhängt Koster Bußgelder bis zu zehn Euro.

          In einem eklatanten Fall waren es aber auch schon einmal 100. Die meisten Diebe kämen von außerhalb, im Ort kenne ihn ja jeder: „Für einen Krifteler wäre es mehr als peinlich, von mir erwischt zu werden.“ Wo es keinen Feldschutz gibt, fährt die Polizei ab und an durch die Felder. Ertappt sie einen Obstdieb, wird Strafanzeige erstattet. Denn den einst sehr milde bestraften Mundraub, der eigentlich den sofortigen Verzehr der Lebensmittel meint, gibt es seit 1975 nicht mehr. Sich fremde Früchte anzueignen, wird seither als Diebstahl geringwertiger Sachen oder Unterschlagung verfolgt. In der Praxis werden die meisten Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt.

          Viele alte Streuobstwiesen nicht genutzt

          Ob Bauern, Polizei oder Feldschutz, sie alle hören immer wieder ein Argument: „Das wird doch sowieso nicht gepflückt.“ Diese Ausrede - so ungerechtfertigt sie im Fall gepflegter Grundstücke auch ist - trifft dennoch einen wahren Kern: Viele private Streuobstwiesen werden nicht mehr bewirtschaftet, und reife Früchte bleiben hängen. Am Berger Südhang läuft Tobias Becker über eine rund 6500 Quadratmeter große Wiese, die er seit Ende Mai gepachtet hat. Der 37 Jahre alte Unternehmer hat sie über das Projekt „Pflege gegen Nutzung“ des MainÄppelHaus Lohrberg bekommen. Die Idee dahinter ist einfach: Wer sich nicht mehr um seine Streuobstwiese kümmern kann, gibt sie jemand anderem zur Pflege, der im Gegenzug die Ernte behalten darf. Auf Beckers Grundstück stehen, weitläufig verteilt, fünf Apfelbäume. Um 60 weitere kümmert er sich bereits. „In zehn Jahren möchte ich 500 Bäume besitzen und Apfelanbauer sein“, verrät Becker seine Zukunftspläne.

          Neben dem neuen Pächter läuft Annerose Pfeffer vom Umweltamt Frankfurt: „Dann schließen wir den Vertrag erst mal über 40 Bäume ab“, sagt sie. Für jeden gepflanzten Obstbaum erhält Becker vom Umweltamt einen Zuschuss von 30 Euro. Er darf allerdings nur sogenannte Hochstämme pflanzen, also Bäume, deren Äste ab einer Höhe von 1,60 Meter beginnen. Nur dort nisten Hornissen, Vögel oder Fledermäuse. „Wir fördern dadurch den Artenschutz und verhindern, dass die Wiesen zuwuchern“, begründet Pfeffer die Bedingungen der Förderung. Was geschieht, wenn sich niemand um das Grundstück kümmert, zeigt sich auf der angrenzenden Wiese. Meterhoch schlingt sich Dornengestrüpp um die Bäume. „Viele ältere Besitzer sind richtig gerührt, wenn sich jemand ihrer Streuobstwiese annimmt“, berichtet Maja Becker vom MainÄppelHaus. Vor zwei Jahren informierte sie Eigentümer solcher Grundstücke in Bergen-Enkheim, Seckbach, Berkersheim und dem Berger Nordheim über das Projekt. Ihre Bilanz ist positiv: Mehr als 80 000 Quadratmeter dieser Flächen hat das MainÄppelHaus bisher vermittelt, die Nachfrage ist höher als das Angebot.

          Zweifelhafte Internetseiten zu Streuobstwiesen

          Die Stadt Friedrichsdorf hat sich eine andere Lösung einfallen lassen. Seit Anfang Juni sind 30 Obstbäume der Stadt über das Internetportal mundraub.org zur Ernte freigegeben. „Die Stadt würde das Obst nicht ernten, und so wird es sinnvoll genutzt“, erläutert der Umweltberater der Stadt Friedrichsdorf, Jörg Naumann, die Entscheidung. Die Betreiber der Website verweisen darauf, dass vor jedem Eintrag und jeder Ente Eigentumsrechte geklärt werden sollen. Schließlich ist die Gefahr von Missbrauch sehr groß, wie der Fall eines Landwirtes in der Kommune zeigt.

          Obwohl er sein Grunstück eingezäunt hatte, pflückten Unbekannte rund 30 Kilo noch nicht ganz erntereifer Kirschen von den Bäumen. Jedes Jahr spritze er seine Kirschen, damit sie frei von Maden seien. Und er habe die Bäume von einem Fachmann so schneiden lassen, dass er vom Boden aus ernten könne. Das alles habe ihn viel gekostet. Erwischt hat er den Dieb nicht. Seit die Stadt ihre Bäume auf mundraub.org gestellt habe, kämen viele Kirschenpflücker, die glaubten, alle Bäume in Friedrichsdorf seien zur Ernte freigegeben.

          Gerhard Wachinger von der Initiative „Karussell des Lebens im Apfelhain“ kann den Ärger über die Internetseite verstehen. „Jeder kann dort ungeprüft Bäume einstellen, und anstatt noch einmal den Eigentümer zu fragen, bedienen sich die Leute einfach.“ Er empfiehlt daher die Seite streuobstwiesen-boerse.de. Dort sind Gesuche und Gebote zu Obstwiesen zu finden. Der Unterschied: Die Menschen müssen zunächst miteinander reden und dürfen erst dann pflücken.

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