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Tempo 30 statt Tempo 50 : Lächeln für den Lärmaktionsplan

Findet nicht jeder gut: Wenn der Smiley grün leuchtet, hält der Autofahrer das Tempolimit von 30 Stundenkilometern ein. Bild: Lando Hass

Durch Tempo 30 auf zwei Hauptverkehrsstraßen soll es für Anwohner in Oberursel leiser werden. Doch die Tempobremse erregt auch die Gemüter.

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          Auch wer noch nie eine Kurznachricht auf dem Mobiltelefon getippt und diese mit Emoticons versehen hat, wird den Sinn der Anzeige sofort verstehen. Ein grüner, lächelnder Smiley zeigt an, dass das Auto nicht schneller als die erlaubten 30 Stundenkilometer fährt. Bei Überschreitung des Tempolimits wird aus dem lächelnden ein trauriger Smiley, und seine Farbe wechselt zu Rot.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Zwei solcher Geräte, die außer der gefahrenen Geschwindigkeit auch die gefühlsbetonte Bewertung dazu anzeigen, hat die Stadt Oberursel für zusammen 5000 Euro gekauft und an der Homburger Landstraße aufgestellt. Auf dem Straßenabschnitt im Stadtteil Bommersheim, der von der Nassauer Straße bis zur Einmündung in die Frankfurter Landstraße am Alten Friedhof reicht, darf seit dem 27. Juli nur noch Tempo 30 statt 50 gefahren werden. Gleiches gilt für die Liebfrauenstraße zwischen Feldbergstraße und Adenauerallee.

          Tempolimit für eine leisere Wohngegend

          Die Anordnung sei aus Lärmschutzgründen ergangen, sagte der Erste Stadtrat Christof Fink (Die Grünen) am Freitag bei einem Ortstermin. Sie ergebe sich aus dem Lärmaktionsplan des Landes Hessen, dessen aktuelle Version vom 4. Mai datiert. „Die Homburger Landstraße ist mit 16.500 Autos am Tag hoch belastet“, erläuterte der Leiter des zuständigen Geschäftsbereichs, Bernd Strobehn. An den Fassaden der Häuser, die zu einem allgemeinen Wohngebiet gehörten, würden die Werte von 70 Dezibel am Tag und 60 Dezibel in der Nacht überschritten. „Und das nicht nur meterweise, sondern im ganzen Straßenzug.“ Oberursel müsse prüfen, wie sich der Lärm reduzieren lasse. Die Beschränkung auf 30 Stundenkilometer verspreche eine Minderung um zwei Dezibel, die sich im Lärmempfinden deutlich bemerkbar mache.

          Das Tempolimit auf den vielbefahrenen Straßen hat in der lokalen Tageszeitung nicht nur die Leserbriefspalten gefüllt. Die Junge Union störte sich daran, dass die Überschreitung der Grenzwerte und der mögliche Effekt einer niedrigeren Geschwindigkeit nicht einmal gemessen würden, sondern allein auf Berechnungen beruhten. Das sei korrekt, sagte Strobehn, und verwies auf ein bundesweit genutztes Programm. „Nur eine solche Berechnung ist allgemein als gerichtsfest anerkannt“, sagte der Geschäftsbereichsleiter. Das gelte für punktuelle Lärmmessungen und Bewertungen nicht.

          Kritik von der FDP und den Bürgern

          Als Straßenverkehrsbehörde sei man ohnehin nicht frei, einfach eine solches Tempolimit zu erlassen, ergänzte Fink. „Es muss vom Regierungspräsidium Darmstadt geprüft werden.“ Gerade ein Limit aus Lärmschutzgründen werde besonders streng geprüft. „Das Regierungspräsidium hat zugestimmt.“ Es handele sich übrigens nicht um Tempo-30-Zonen mit Rechts-vor-links-Regel, sondern um sogenannte streckenbezogene Geschwindigkeitsbegrenzungen. Nach den Worten Strobehns haben sich letztlich positive und negative Reaktionen der Bürger die Waage gehalten.

          Trotzdem kam auch von der Oberurseler FDP Kritik, die sich um die Einhaltung der Hilfsfristen sorgt und deshalb eine Anfrage in der Stadtverordnetenversammlung gestellt hat. Dabei geht es der FDP um den Weg der Feuerwehrleute zur Wache, wenn sie im Privatauto unterwegs sind. Sei jemand bei zulässigen 50 mit 60 Stundenkilometern unterwegs, begehe er einer Ordnungswidrigkeit. In einer Tempo-30-Zone handele er hingegen bei gleicher Geschwindigkeit grob fahrlässig. Das dürfe nicht sein, meinte die Fraktionsvorsitzende Katja Adler.

          Gespräche mit der Feuerwehr

          Die Kulanz im Fall eines Einsatzes ende tatsächlich bei 20 Stundenkilometern Überschreitung, sagte Fink. „Dann gilt das zu hohe Tempo als individuelle Schuld.“ In diesem Punkt werde aber bundesweit nach einer sinnvollen Lösung gesucht. Über die neuen Tempo-30-Strecken sei in der Verkehrskommission gesprochen worden, der auch ein Vertreter der Feuerwehr angehöre. Außerdem lägen die meisten Oberurseler Feuerwachen schon jetzt in Tempo-30-Zonen, eine sogar in einem verkehrsberuhigten Bereich, ohne dass es zu Schwierigkeiten mit der Hilfsfrist gekommen sei. „Wir reden aber nochmal mit der Feuerwehr“, sagte der Erste Stadtrat.

          Im Lärmaktionsplan sind für Oberursel noch Lärmüberschreitungen am vorderen Teil der Homburger Landstraße erwähnt, also nach der Abfahrt ins Gewerbegebiet An den drei Hasen. „Das ist eine zweispurige Einfallstraße, da können wir nicht sinnvoll Tempo 30 ausweisen“, sagte Strobehn. Dort komme die Finanzierung von Lärmschutzfenstern infrage. Ein ebenfalls monierter Abschnitt der Hohemarkstraße wiederum sei zu kurz für ein Tempolimit.

          Die beiden Geschwindigkeitsanzeiger sollen für zwei Wochen an der Homburger Landstraße stehenbleiben. Sie erfassen auch Zahl und Tempo der Autos. „Das liefert uns wertvolle Verkehrsdaten“, sagte Fink. Die Fahrzeuge seien aber nicht identifizierbar. Die beiden mobilen Geräte würden anschließend, ebenso wie ein älteres, zum Schulanfang vor Oberurseler Grundschulen aufgestellt.

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