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Wildschweine in Oberursel : Reichgedeckter Tisch mit bequemen Ohrensesseln

Vom starren Blick erstarrt des Menschen Blut: Was Goethe Mephistopheles aussprechen lässt, das wissen Wildschweine schon lange. Ganz besonders in Stierstadt. Bild: dpa

Im Stierstädter Feld wühlen immer mehr Wildschweine den Boden auf. Verwilderte Brombeerhecken bieten ihnen perfekte Deckung. Doch das soll sich ändern.

          Man wundert sich, dass Wildschweine keine engsitzenden, blau-roten Anzüge mit einem gelben Dreieck auf der Brust tragen, auf dem ein S wie „Superschwein“ steht. Jedenfalls, wenn man einen Jäger wie Matthias Netz von Schwarzkitteln erzählen hört. Anders als Hasen, die sich mit moderner Landwirtschaft schwertun, sind Wildschweine Kulturfolger. Vom Kornfeld bis zum Komposthaufen nutzen sie alles, was auch der Mensch nutzt. Natürliche Feinde haben sie schon lange nicht mehr, und schlau sind sie obendrein.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Sie wissen genau, dass ihnen in einer dunklen Nacht ohne Mondschein keine Gefahr droht. „Und wenn jemand mit seinem Hund kommt, pfeift die Bache kurz - schon ist sie mit ihren Frischlingen im Gestrüpp verschwunden.“ Dumm nur, dass im Ballungsraum auch nachts um 2 Uhr mit Joggern und Spaziergängern zu rechnen ist. Was Jägern die Arbeit erschwert. Ohnehin müsse man für ein Wildschwein im Durchschnitt 30 Stunden ansitzen, sagt Netz. „Es ist hierzulande die am schwierigsten zu jagende Tierart.“

          Günstige Klimabedingungen

          Wie inzwischen selbst in Frankfurter oder Berliner Vororten sind auch im Feld bei Stierstadt Wildschweine zu einer regelmäßigen, lästigen Erscheinung geworden. Die Stadt Oberursel startet nun einen weiteren Anlauf, der Plage Herr zu werden. Etwa 50 Tiere tummeln sich in dem 30 Hektar großen Gebiet zu beiden Seiten der Weingärtenumgehung. Vor allem im Winter wühlen sich die Schwarzkittel auf der Suche nach eiweißhaltigen Würmern durch den Boden.

          „Das sieht aus wie umgepflügt“, sagt Bauer Thorsten Trapp. Eine aufgegrabene Wiese ärgert ihn mehr, als wenn sich die Tiere im Sommer an Getreide gütlich tun. „Dann haben wir nur den Kornschaden.“ Die Wiese hingegen müsse er einebnen, neu einsäen, und dann bringe sie erst einmal keinen Ertrag. „Auf den sind wir aber angewiesen“, sagt Trapp. Das Heu wird in der Gegend vor allem für die vielen Pferdehaltungen benötigt.

          Die Schäden seien mancherorts nur wenige Meter von Häusern entfernt zu finden, weiß Ortsvorsteher Ludwig Reuscher (CDU). Netz und die anderen Jäger verbringen derzeit fast jede Nacht auf dem Hochsitz und haben in den vergangenen drei Wochen drei Tiere erlegt. Doch günstige Klimabedingungen, reichliches Futterangebot und hohe Reproduktionszyklen lassen die Zahl der Schweine stetig wachsen.

          Büsche und Sträucher beseitigen

          „Wir haben zwar in den Wintern 2009 auf 2010 und 2010 auf 2011 verhungerte Frischlinge gefunden“, erinnert sich Förster Mathias Brand. „Aber in den Jahren darauf gab es umso mehr Tiere.“ Netz ist sich deshalb sicher: „Jagdlich sind sie nicht zu bekämpfen.“ Das weiß auch Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD), weshalb die Stadt zum inzwischen dritten Mal die Eigentümer der Gärten und Streuobstwiesen angeschrieben hat.

          Die Wiesen und Streuobstbestände sind für die Tiere „ein Wohnzimmer mit Sternerestaurant“, sagt Timo Steinbach, ebenfalls Landwirt und stellvertretender Vorsitzender der Jagdgenossenschaft. Länger halten sich die Wildschweine dort nur auf, weil sie hervorragende Deckung in wuchernden Brombeeren und verwilderten Hecken finden. Die Stadt möchte ihnen, um im Bild zu bleiben, zumindest diese gemütlichen Ohrensessel im Wohnzimmer nehmen.

          Vor zwei Jahren ließ die Stadt auf etlichen ihrer eigenen Flächen Büsche und Sträucher beseitigen. Bei den privaten Grundstücken gestaltet sich diese Absicht schwieriger. „Manche heutigen Eigentümer in zweiter oder dritter Generation wissen gar nicht auf Anhieb, an wen die Wiesen verpachtet sind“, sagt Brum.

          Stinkende Duftmischung

          Die Pflegearbeiten bedeuten zunächst einmal Kosten. Der jüngste Brief weist aber auch auf mögliche Folgen des Nichtstuns hin. „Jeder Eigentümer einer bejagdbaren Fläche ist automatisch Mitglied der Jagdgenossenschaft“, sagt Steinbach. „Diese haftet gemeinschaftlich für Schäden.“ Brum spricht für die vergangenen Jahre von einer fünfstelligen Summe. Weil ein einfacher Rückschnitt nicht reicht, bieten die Landwirte ihre Unterstützung an: „Wir können die Grundstücke in die Bewirtschaftung und Pflege nehmen“, sagt Steinbach. „Das ist für uns ein Nullsummenspiel, weil die Heuwerbung unter Bäumen wie bei Streuobstwiesen aufwendig ist.“

          Neben Rückschnitt und Pflege sowie der Jagd setzt die Stadt auf die sogenannte Vergrämung der Wildschweine. Dabei handelt es sich um eine konzentrierte Duftmischung, die an Menschenschweiß erinnert. „Anders als vielleicht im Vogelsberg sind die Schweine hier aber an Menschen gewöhnt“, sagte Netz. Außerdem stinke das Zeug fürchterlich. „Je nach Windrichtung hat ganz Stierstadt was davon.“ Wenn die Wildschweine erst einmal wieder Richtung Wald zurückgedrängt seien, könne ein wildfester Zaun die Rückkehr erschweren.

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