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Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt : „Bis in die Haarspitzen voll mit Adrenalin“

Stimmenanteile beim ersten Wahlgang Bild: F.A.Z.

Während SPD-Kandidat Peter Feldmann im Frankfurter Römer sein gutes Ergebnis auskostet, entbrennt in der Koalition schon die Diskussion über mögliche Empfehlungen zur Stichwahl.

          Eine Stimme mehr als Rosemarie Heilig. Das ist das Wahlziel von Peter Feldmann gewesen. Jetzt hat der SPD-Kandidat sogar 30.000 Stimmen mehr als die Bewerberin der Grünen bekommen. „Das ist ein Hammer“, sagt Feldmann. Er ist der Star des Abends. Der Römer ist zwar weiterhin fest in der Hand von CDU und Grünen, aber bei den Sozialdemokraten herrscht plötzlich die Hoffnung, das Rathaus im Handstreich nehmen zu können. „Wir wollen noch nicht die Korken knallen lassen“, sagt Andrea Ypsilanti. Aber den Sekt könne ihre SPD schon langsam kalt stellen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die CDU-Oberen geben sich den ganzen Abend über tapfer. Den Traum von einem glatten Sieg ihres Kandidaten Boris Rhein haben wohl nur einige wenige Unverzagte bis zuletzt geträumt. Petra Roth, die Oberbürgermeisterin, die Rhein zum Kandidaten ihrer Partei geschlagen hatte, ist von diesem Traum schon im Laufe der vergangenen Wochen abgekommen. Und Rhein selbst sagt tapfer, dass er schon immer mit einer Stichwahl gerechnet und dass er mit seinen 39 Prozent ein hervorragendes Ergebnis erzielt habe: „Neun Prozent mehr als die CDU in der Kommunalwahl.“

          Deutliche Niederlage der Grünen-Frau

          Und wo sind die Grünen? Das fragen sich viele an diesem Wahlabend im Römer. Ob der deutlichen Niederlage ihrer Kandidatin Rosemarie Heilig scheinen sie fluchtartig den Römer verlassen zu haben, denn vorerst lässt sich aus der Führungsriege niemand blicken. Um 19.15 Uhr, als längst feststeht, dass Heilig nicht über 15 Prozent kommen wird, taucht enttäuscht der Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour auf, der in Frankfurt auch Grünen-Parteichef ist, und erhält kollegialen Trost vom CDU-Bundestagsabgeordneten Matthias Zimmer. Was Nouripours Grüne jetzt vor der Stichwahl in zwei Wochen machen werden? „Unsere Wähler zur Wahl aufrufen, aber nicht zur Wahl von Boris Rhein“, antwortete dieser standhaft.

          Wenige Meter entfernt stellt Rhein, der jetzt jede Stimme von den Grünen brauchen kann, klar, dass die Regierungskoalition von CDU und Grünen im Römer nur Bestand haben könne, wenn ein CDU-Oberbürgermeister an der Spitze des Magistrats stehe. Der erfahrene Grünen-Stadtverordnete Uwe Paulsen, der einmal Fraktionsvorsitzender war, erkennt den Ernst der Lage sofort und erinnert daran, dass die Wahl der CDU-Frau Petra Roth zur Oberbürgermeisterin einst die Koalition von SPD und Grünen gesprengt habe. Um Schwarz-Grün ein ähnliches Schicksal zu ersparen, fordert er seine Partei unumwunden dazu auf, vor der Stichwahl eine klare Empfehlung zugunsten von CDU-Mann Boris Rhein auszusprechen.

          Das Büro der Oberbürgermeisterin ist an diesem Abend so etwas wie die Trutzburg für die CDU-Oberen. Dort wartet Rhein mit seiner Frau Tanja auf das Ergebnis. Auch Vater Peter Rhein, der den Römer aus seiner Zeit als Stadtrat bestens kennt, sowie seine Frau Karin sind gekommen. Und sogar Volker Bouffier, Hessens Ministerpräsident und Rheins Chef im Kabinett in Wiesbaden, hat sich in Roths Büro eingefunden. Zu sagen hat er nicht viel, zu lächeln um so mehr.

          „Die SPD kann noch siegen“

          Just als Rhein, Roth, Bouffier und der CDU-Vorsitzende Uwe Becker vor den Mikrofonen Stellungnahmen abgeben und so tun, als ob alles gut gelaufen sei, erhebt sich einige Meter entfernt Geschrei und Jubel: Peter Feldmann, der zuvor im Haus am Römer den SPD-Wahlkämpfern gedankt hat, schreitet strahlend die lange Treppe hinauf. „Die SPD kann noch siegen“, gluckst einer seiner Wahlkämpfer vor Freunde. Und Feldmann sagt: „Wir wollen’s jetzt wissen.“ Die Sozialdemokraten seien bis in die Haarspitzen voll mit Adrenalin. Dann geht der Mann des Abends strategisch geschickt auf den Piraten-Kandidaten Herbert Förster zu und umarmt ihn. Ursula Fechter, die mit ihrem energischen Eintreten gegen Fluglärm und die neue Landebahn mit einem vierten Platz belohnt wird, steht zu ihrem Glück in einer anderen Ecke. Andernfalls wäre wohl auch sie Opfer der Liebkosungen Feldmanns geworden, der schließlich auf den Grünen-Parteichef Nouripour zuschreitet - und ihm die Hand gibt.

          Viel Nahkampf hat es während des Wahlkampfes der eher Unbekannten in den vergangenen Wochen nicht gerade gegeben. Bei der Wahlparty im Römer dann aber doch noch einmal, nämlich als Rhein, Feldmann und Heilig gemeinsam vor die Kamera der „Hessenschau“ treten und sich zwei Dutzend Fotografen und noch einmal so viele Journalisten und Parteifreunde rabiat um möglichst große Nähe zu den Kandidaten bemühen. Rhein und Feldmann überstehen das Gerangel schließlich ohne Blessuren - und können jetzt ihren Stichwahlnahkampf beginnen.

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