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Rätselhafte Häufung von Fällen : Obdachlose im Tunnel legen S-Bahn-Verkehr lahm

Gefährlicher Unterschlupf: S-Bahn-Tunnel in Frankfurt Bild: dpa

In den vergangenen Monaten haben immer wieder Menschen im Frankfurter Tunnel einen Schlafplatz gesucht. Deshalb kommt es stets zu Störungen. Experten rätseln.

          Bettina Bonnet ist Sozialarbeiterin für das Diakoniezentrum Weser 5 in Frankfurt und hat regelmäßig Kontakt zu Obdachlosen. Eine schlüssige Erklärung dafür, warum es in den vergangenen Wochen immer wieder Obdachlose in den S-Bahn-Tunnel zog, hat sie aber auch nicht. „Man müsste sich ein Bild vor Ort machen, das ist aber sehr gefährlich“, sagt Bonnet.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im jüngsten Fall störten zu Wochenbeginn mehrere Obdachlose den Berufsverkehr erheblich. Nach Angaben der Bundespolizei liefen um sechs Uhr morgens drei Personen im Tunnel zwischen Hauptwache und Taunusanlage herum. Der Tunnel wurde eine halbe Stunde lang gesperrt, 80 Züge hatten erhebliche Verspätungen, elf fielen aus. Nach Angaben der Bundespolizei handelte es sich bei den Obdachlosen um einen Mann und eine Frau aus Polen sowie einen 34 Jahre alten Deutschen.

          Drei Promille Alkohol im Blut

          Auch bei den Vorfällen in den vergangenen Wochen hatten sich laut Bundespolizei Osteuropäer im Tunnel aufgehalten. So wurde am 3. Januar ein Mann aus Bosnien-Hercegovina dort aufgegriffen, am 6. Februar starb ein wohnungsloser Osteuropäer auf den Gleisen. Wenige Tage später, am 12. Februar, überlebte ein Pole, der mehr als drei Promille Alkohol im Blut hatte, nur, weil der Bahnfahrer eine Vollbremsung einleitete.

          „Wir stellen das Phänomen in der Tat vermehrt fest, können über die Gründe bislang aber nur spekulieren“, sagt ein Sprecher der Bundespolizei. Die Vermutung sei, dass die Obdachlosen sich dort ungestört glaubten und nicht von Polizei und Ordnungsdiensten behelligt würden, so der Sprecher. Die Streifen der Bundespolizei seien sensibilisiert worden, auch mit der Bahn sei man in Kontakt. Dort beobachtet man das Phänomen mit Sorge und Ratlosigkeit. „Eine Sperrung ist nicht möglich, weil wir auch Rettungswege brauchen“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn. Die Sicherheitsmitarbeiter seien auf die Vorfälle hingewiesen worden, auch die Lokführer habe man sensibilisiert. Eine Erklärung habe auch er nicht, so der Sprecher, von vergleichbaren Vorfällen aus vergangenen Jahren wisse er nichts.

          Laut Christopher Franz vom Caritasverband und Robert Standhaft vom Sozialdezernat der Stadt Frankfurt gibt es ausreichend Plätze in Notunterkünften, in denen die Obdachlosen übernachten könnten. „Es muss also andere Gründe geben, vielleicht wollen diese Menschen einfach ihre Ruhe haben oder sich dem Procedere, das mit der Unterbringung in so einer Unterkunft einhergeht, entziehen“, sagt Standhaft.

          Laut Jürgen Mühlfeld, dem Leiter des Diakoniezentrums Weser 5, stimmt das nur zum Teil. Er verweist darauf, dass Osteuropäer keine Möglichkeit hätten, in diesen Unterkünften einen Platz zu bekommen. Denn wie beim Bezug von Sozialleistungen prüfe das Sozialamt auch in diesem Fall, ob die Personen Anspruch auf einen Platz dort hätten – bei EU-Bürgern meist mit negativem Ergebnis. „Vielleicht sind sie einfach auf der Suche nach einem geschützten, sicheren Rückzugsraum, wo sie keinen Attacken ausgesetzt sind“, sagt Mühlfeld.

          Christine Heinrichs, Bereichsleiterin im Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, glaubt, dass die Häufung ein Zufall ist. „Es gibt dafür zumindest keinen äußeren Grund, der das erklärt.“ Viele der Obdachlosen seien psychisch krank oder sehr betrunken. „Sie können dann einfach nicht einschätzen, in welche Gefahr sie sich begeben“, sagt Heinrichs. Ihr sei jedenfalls nicht bekannt, dass sich die Tunnel als besonders geeignete Aufenthaltsorte herumgesprochen hätten. „Wir werden das weiter beobachten.“

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