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OB-Wahl in Wiesbaden : Kandidaten suchen den Bürgerkontakt

Oberbürgermeisterkandidaten in Wiesbaden: Eberhard Seidensticker (links, CDU) und Gert-Uwe Mende (SPD). Bild: dpa

Am Sonntag wählen die Wiesbadener ihren neuen Oberbürgermeister. Bei Wein, Brezeln und Dinkelbrot werben die Kandidaten Gert-Uwe Mende (SPD) und Eberhard Seidensticker (CDU) derzeit noch um Stimmen.

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          Ohne Schweiß kein Preis. Zumindest keine Wählerstimme. Straßenwahlkampf bei knapp 30 Grad in der Wiesbadener Innenstadt ist eine schweißtreibende Angelegenheit, doch Gert-Uwe Mende (SPD) ist das nicht anzumerken. Die sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft „60 plus“ hat direkt neben dem Rathaus einen Stand mit Biergartentisch, Plakaten, Sonnenschutzzelt und feuerrotem Werbemobil aufgebaut. Es gibt freundliche Worte, rote Plastikkugelschreiber und Flugzettel für jeden, der keinen großen Bogen um den Stand macht. Nebenan duftet frisches Dinkelbrot aus der Eifel, gegenüber gibt es Rhabarber.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Den Kandidaten allerdings hält es nicht am Stand. Mit blauem Hemd und ohne Krawatte ist Mende in Begleitung des pensionierten Bürgermeisters Arno Goßmann (SPD) zwischen den Marktständen unterwegs. Wer Mende beobachtet, erkennt einen guten Wahlkämpfer. Der Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion und ehrenamtliche Dotzheimer Ortsvorsteher zögert keine Sekunde, auf die Menschen zuzugehen.

          Mendes munterer Marktgang

          „Das war jetzt gut, dass wir Sie getroffen haben“, lässt ihn ein älteres Ehepaar aus Schierstein wissen. „Schön, Herrn Mende einmal im Original zu treffen“, sagt eine über den Markt bummelnde Frau; „ich kenne Sie, aber Sie mich nicht“, eine andere. Genau das ist Mendes Absicht: möglichst vielen Wiesbadenern zumindest flüchtig zu begegnen und ihnen den Eindruck zu vermitteln, den Kontakt zu suchen, mag er auch noch so kurz ausfallen.

          Freimütige Geständnisse inklusive. „Ich habe Sie im ersten Wahlgang nicht gewählt, aber sie kriegen nochmal eine Chance“, erfährt Mende von einer Kundin am Stand für frische Eier. Ein Wochenmarkt bedeutet für den Kandidaten aber auch hohe Streuverluste bei der Wahlwerbung, schließlich kommen die Besucher auch aus umliegenden Kreisen und Kommunen. Beispielsweise die Mittvierzigerin aus Hattersheim, die bedauert: „Ich darf Sie leider nicht wählen.“

          Zugänglich: Gert-Uwe Mende (SPD) auf dem Wiesbadener Wochenmarkt.
          Zugänglich: Gert-Uwe Mende (SPD) auf dem Wiesbadener Wochenmarkt. : Bild: Cornelia Sick

          Kleine Kaffeepause am Stand der Wiesbadener Rösterei Hepa. Auch hier schüttelt Mende Hände, verteilt Prospekte und freut sich über aufmunterndes Schulterklopfen. Kaum einmal schlägt dem Kandidaten Ablehnung entgegen, auch wenn nicht jeder in der Warteschlange für frischen Salat Lust hat, den Mende-Prospekt in die Tasche zu stecken. „Viel Erfolg“, das hört er oft. Zwei junge Frauen nehmen seine Informationen gern entgegen: „Wir haben gerade unsere Briefwahlunterlagen erhalten, umso schöner, Sie zu treffen.“

          Nicht immer bleibt es beim kurzen Smalltalk. Ein „alter Dotzheimer“ stellt sich vor und beklagt sich bitterlich über zu viel Lärm an einer Ruhebank nahe seinem Haus. „Da sitzen keine Dotzheimer, da sitzt nur Migration“, jammert der Rentner. Mende kennt das Problem von etlichen Stellen im Stadtgebiet und bleibt unverbindlich, auch als der Mann von „Drogenspritzen“ und Müll als Hinterlassenschaften berichtet. Vielleicht helfe schon ein Verbotsschild.

          Keine falschen Versprechungen

          Anderen Wiesbadenern ist die Zahl der Nilgänse viel zu hoch. Mende glaubt nicht, dass „nackte Gewalt“ eine Lösung sein kann. Auf der Geisbergstraße werde zu viel gerast, meint ein Anwohner und fordert Tempo 30. „Die Verkehrsdisziplin ist ein großes Problem“, gibt Mende zu. So oft wie nötig könne die Polizei trotz mehr Personal gar nicht kontrollieren.

          Mende hört den Marktbürgern konzentriert zu. Er verspricht nichts, was er als Rathauschef womöglich ohnehin nicht halten kann. Wer zuhause seine Werbezettel zur Hand nimmt, der erfährt, was ihm als Oberbürgermeister „wichtig“ wäre. Nicht, was er als Stadtoberhaupt durchsetzen werde. Ein feiner Unterschied, der im Wahlkampf aber kaum eine Rolle spielt. In den letzten Tagen vor der Wahl geht es nur noch um Mobilisierung. Mende sucht dazu noch einmal die SPD-Hochburgen in Wiesbaden auf – und die der Grünen. Deren Wähler könnten darüber entscheiden, ob er am Sonntag triumphiert.

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