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Oberbürgermeisterwahl : Diese Kandidaten stehen in Wiesbaden im Finale

Stichwahlkandidaten in Wiesbaden: Eberhard Seidensticker (links, CDU) und Gert-Uwe Mende (SPD). Bild: dpa

Mende oder Seidensticker: Die Wiesbadener entscheiden an diesem Sonntag in einer Stichwahl über ihren neuen Oberbürgermeister. Jetzt komme es auf die Mobilisierung der eigenen Partei-Anhänger an, sagen Wahlforscher.

          Bis vor fünf Monaten zweifelte in der Landeshauptstadt kaum jemand daran, dass der amtierende Oberbürgermeister nicht auch der künftige sein würde. Der 44 Jahre alte Sven Gerich (SPD) erschien selbst der politischen Konkurrenz ob seiner Präsenz und Popularität kaum schlagbar. Die Tür zur zweiten Amtszeit stand weit offen für Gerich. Doch der aus kleinen Verhältnissen stammende politische Aufsteiger erlebte unvermittelt einen tiefen Fall. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen des Verdachts der Vorteilsnahme führten dazu, dass Gerich auf die Kandidatur für eine zweite Amtszeit kurz vor der Nominierung durch seine Partei verzichtete. Zuvor hatten Nachrichten über Luxusreisen mit dem Geschäftsführer einer städtischen Gesellschaft und Urlaubsreisen in die Luxusdomizile befreundeter Unternehmer das Image Gerichs stark beschädigt.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Am Sonntag wird nun in einer Stichwahl sein Nachfolger gekürt, der schon am 2. Juli die Geschäfte übernimmt. Als Favorit gilt inzwischen der 56 Jahre alte, beamtete Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion, Gert-Uwe Mende. Der in Bebra aufgewachsene Mende, der erst seit 2016 im Ortsbeirat seines Wohnbezirks Dotzheim kommunalpolitisch aktiv ist, lag nach einem engagierten Wahlkampf im ersten Wahlgang überraschend vor seinen sechs Mitbewerbern – eine Enttäuschung für die CDU, deren Kandidat Eberhard Seidensticker sich nur mit etwas mehr als 1000 Stimmen Vorsprung vor der Grünen-Kandidatin Christiane Hinninger in die Stichwahl rettete.

          Grüne verzichten auf Wahlempfehlung

          Der dreiundfünfzigjährige, ehrenamtliche Stadtverordnete und selbständige Dachdeckermeister im Stadtteil Schierstein hatte seinen Hut schon in den Ring geworfen, als Gerich noch der sichere Kandidat der SPD schien. Seidenstickers Kandidatenkür war allerdings von innerparteilichen Querelen und vom Streit mit dem CDU-Vorsitzenden und Bürgermeister Oliver Franz überschattet.

          CDU und SPD bilden mit den Grünen in Wiesbaden seit 2016 die regierende Rathaus-Kooperation. Die Grünen haben daher aus Rücksicht auf dieses Bündnis ebenso wie die anderen Fraktionen und unterlegenen Kandidaten auf Wahlempfehlungen verzichtet. Einzig die Linkspartei hat sich für Mende ausgesprochen.

          50 zu 50: Eberhard Seidensticker (CDU) hört auf sein Bauchgefühl.

          Nach Ansicht der Wahlforscher im Statistikamt der Landeshauptstadt ist für den Wahlerfolg in einer Stichwahl die Mobilisierung der Anhänger der jeweils eigenen Partei entscheidend, denn die Wahlbeteiligung wird absehbar deutlich sinken. Wegen der Bündelung mit der Europawahl waren vor drei Wochen 53,5 Prozent der 208.000 wahlberechtigten Wiesbadener in die Wahllokale gegangen. Vor sechs Jahren, als Gerich in der Stichwahl überraschend Amtsinhaber Helmut Müller (CDU) geschlagen hatte, hatte die Wahlbeteiligung nur bei 34,1 Prozent gelegen. Nach dem ersten Wahlgang hatte Müller noch fast zehn Prozentpunkte vor Gerich gelegen. Dieser profitierte dann aber stark von der Wahlempfehlung der Grünen.

          In den zurückliegenden drei Wochen haben die beiden Stichwahlkandidaten Mende und Seidensticker einen Mobilisierungswahlkampf geführt und den Kontakt mit möglichst vielen Bürgern gesucht. Bei Podiumsdiskussionen wurde deutlich, dass sich beide in vielen Fragen im Grundsatz einig sind, etwa wenn es um Forderungen nach mehr bezahlbaren Wohnraum, mehr Engagement für den Klimaschutz, mehr Geld für die Kultur, mehr Frauen in Führungspositionen und die Neuordnung des Verkehrs in der Landeshauptstadt geht.

          Debatte um Citybahn

          Beim Streitpunkt Citybahn sind beide dafür, den Bürgern spätestens im Frühsommer nächsten Jahres über ein Ratsbegehren die Entscheidung zu überlassen und diese zu respektieren. Während Mende allerdings schon jetzt ein engagierter Befürworter der Wiedereinführung der Straßenbahn ist und vor dem Bürgerentscheid offensiv für das Verkehrsprojekt werben will, äußert sich Seidensticker zurückhaltend. Ihm fehlten noch Informationen, äußert er. Zudem hält er Details der Streckenführung, beispielsweise im einwohnerstärksten Stadtteil Biebrich, für kritikwürdig. Das könnte ihm Stimmen der zahlreichen Citybahn-Gegner zutragen und Mende im Gegenzug die Unterstützung vieler Grünen-Wähler, für die eine Straßenbahn Herzstück der herbeigesehnten Verkehrswende ist.

          Wähler-Mobilisierung: Gert-Uwe Mende (SPD) suchte in den letzten Wochen den Kontakt zu den Bürgern.

          Zur Wochenmitte haben beide Kandidaten bei der IHK vor rund 100 Unternehmern ein letztes Mal ihre Positionen öffentlich ausgetauscht. Dabei versuchte Seidensticker mit seiner Erfahrung und seinem Sachverstand als selbständiger Unternehmer sowie mit der Forderung nach einer Senkung der Gewerbesteuer zu punkten. Der Widerhall war mäßig. Bei den Unternehmern standen bessere Mobilität und der Ausbau der digitalen Infrastruktur sowie die Förderung von Gründern ganz oben auf der Wunschliste. Seidensticker geht davon aus, dass es am Sonntag knapp wird: „Mein Bauchgefühl sagt 50 zu 50.“

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