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Raum Marburg der Hotspot : Nur ein Kreis in Hessen unter der kritischen Corona-Marke

Dringlich: ein Rat, der nicht nur in Offenbach gilt, wo diese Aufnahme entstand Bild: dpa

Einen Rekord an neuen Corona-Fällen in Hessen meldet das Robert-Koch-Institut. Die Zahl der Genesenen nimmt weiter Fahrt auf, aber auch jene der in Kliniken behandelten Patienten. Offenbach überholt Frankfurt bei der Inzidenz.

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          Abermals entfallen mehr neue Covid-19-Fälle auf Hessen, als es der Bevölkerungsanteil dieses Bundeslands erwarten ließe. Das Robert-Koch-Institut weist 1697 Corona-Neuinfektionen für Hessen aus, die die Gesundheitsämter gemeldet haben. Das ist faktisch neuer Rekord. Zwar hat das kurz RKI genannte Bundesinstitut zum 24. Oktober 1730 neue Fälle verzeichnet, allerdings hatte es am Vortag eine Datenpanne gegeben. So flossen ältere Daten in die Meldung zum 24. Oktober mit ein. Die 1697 Neuinfektionen entsprechen gut einem Zehntel der neuen Fälle im Bund. Hessen stellt aber nur acht Prozent der Bevölkerung.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie sich aus dem Corona-Bulletin des Sozialministeriums ergibt, liegt die zentrale Kennziffer nur im ländlichen Werra-Meißner-Kreis unter der kritischen Marke von 50 neuen Fällen binnen Wochenfrist unter 100.000 Einwohnern (siehe Grafik). In einem Dutzend der 21 Landkreise ist sie dreistellig und in allen fünf Großstädten ebenso.

          Dazu passt, dass das zentral gelegene Bundesland hinter Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg seit Beginn der Pandemie im März die meisten Infizierten verzeichnet hat. Es sind nunmehr 37.385. Das deutlich bevölkerungsreichere Niedersachsen hat 1400 Infektionen weniger registriert.

          In ganz Hessen betreuen die Krankenhäuser nach Angaben des Sozialministeriums derzeit 975 Corona-Kranke. Das sind 410 oder 72 Prozent mehr als vor einer Woche. 157 Personen seien beatmungs- und intensivüberwachungspflichtig, 47 mehr als zuletzt und zweieinhalbmal so viele wie vor zwei Wochen. Ein Plus von 42 Prozent. 542 freie Beatmungsbetten stehen in hessischen Krankenhäusern zur Verfügung, das sind fast 50 weniger als vor sieben Tagen. Die Zahlen werden wöchentlich aktualisiert. Ob für alle Beatmungsbetten auch genügend geschultes Personal da ist, sagt das Ministerium nicht.

          Derweil steigt die sogenannte Inzidenz in Frankfurt weiter. Auf den Hotspot unter den deutschen Metropolen entfallen nunmehr 219 Neuinfektionen binnen Wochenfrist unter 100.000 Einwohnern. Am Vortag waren es 216,6. Übertroffen wird Frankfurt aber von Offenbach. Die Nachbarstadt kommt jetzt auf 234 nach 203. Für den Kreis Groß-Gerau steht ein Anstieg des Inzidenzwerts auf 171 zu Buche und in Wiesbaden eine leichte Abnahme auf 145. Im Landkreis Darmstadt-Dieburg und in der Stadt Darmstadt müssen Lehrer und Schüler von Samstag an im Unterricht Schutzmasken tragen. Von der Maskenpflicht ausgenommen sind nach Angaben des Landkreises lediglich Grundschüler. Mit der bis zum 12. November befristeten Verfügung soll die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamt werden, meldet dpa.

          Mittelhessischer Hotspot

          Der hessische Hotspot liegt allerdings aktuell nicht in Rhein-Main, sondern wie am Vortag in Mittelhessen. Der Kreis Marburg-Biedenkopf vereinigt 238 Neuinfektionen binnen Wochenfrist unter 100.000 Einwohnern auf sich. In den benachbarten Kreisen Gießen und Lahn-Dill sind es 110 und 122. Im Landkreis Gießen lag die Gemeinde Pohlheim mit einer Inzidenz von mehr als 300 heraus. Anders als in der vergangenen Woche liegt mittlerweile ganz Südhessen auf der höchsten Warnstufe nach dem Eskalationskonzept des Landes (siehe Grafik). An der Bergstraße ist die Inzidenz deutlich über die Marke 75 gesprungen und liegt bei gut 136.

          Acht weitere Todesfälle sind laut RKI zu beklagen. Die Corona-Toten in Hessen summieren sich offiziell auf 637. Zu Monatsbeginn waren nur gut 19.000 Infektionen seit März und 551 Corona-Opfer in Hessen bekannt. Diese Zahlen zeigen die zunehmende Dynamik der Pandemie in den vergangenen Wochen und Tagen. Dazu passt der abermalige Anstieg der Genesenen. Das Bundesinstitut geht von etwa 23.900 Personen aus, die ihre Infektion überstanden haben, ein Plus von 600. Ihre Zahl steigt seit einigen Tagen zunehmend.

          Das dürfte an dem starken Anstieg der Fallzahlen seit Monatsbeginn liegen. Denn: Eine Infektion gilt nach gut zwei Wochen als ausgestanden. Wer dann nicht ärztlich behandelt wird, gilt als genesen. Steigt die Zahl der Infizierten kräftig, so muss auch die Gruppe der Genesenen tendenziell entsprechend wachsen. Das RKI schätzt die Zahl der Genesenen aber nur, es erhebt sie nicht offiziell.

          Wieso die Inzidenz eine zentrale Kennziffer zur Bewertung des Verlaufs der Pandemie bleibt, aber ihre Einschränkungen hat, erläutert die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek im F.A.Z-Interview. Wie sich Büro-Arbeiter angesichts der potentiellen Ausbreitung von Viren in Räumen am besten schützen können, sagt der Arbeitsmediziner David Groneberg.

          Das hessische Sozialministerium veröffentlicht täglich eine Übersicht der Corona-Entwicklung, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten. Es bezieht sich dabei auf Zahlen des RKI. In den ersten Wochen der Pandemie berücksichtigte es auch Daten des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamts im Gesundheitswesen beim Regierungspräsidium Gießen, dem die Gesundheitsämter die jeweils neuen Fälle melden müssen. Um Einheitlichkeit herzustellen, nimmt das Ministerium nun nur noch die RKI-Angaben.

          Aus Frankfurter Sicht ist grundsätzlich wichtig: Die am Flughafen genommenen positiven Tests werden nicht der Stadt zugeordnet. Vielmehr schlagen sie sich nach Angaben des Sozialministeriums in der Statistik des Gesundheitsamts nieder, das für den jeweiligen Reiserückkehrer zuständig ist. Das kann auch das Frankfurter Amt sein oder ein anderes in Hessen, aber eben auch eine Behörde in einem anderen Bundesland.

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