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Notstand in der Pflege : Eine Frage der Würde

Helfende Hände: Damit Menschen würdevoll altern können, braucht es Pfleger, die sich kümmern. Doch sie erfahren nur wenig Anerkennung für ihre wichtige Arbeit. Bild: dpa

Die Corona-Krise hat Missstände in Pflegeheimen besonders deutlich gemacht. Wir müssen uns fragen, wie wir in Zukunft mit den Schwächsten und Ältesten umgehen wollen.

          6 Min.

          Ins Heim? Das klingt für viele wie eine Drohung. Umso mehr, seit Zigtausende im Frühjahr 2020 für Monate wie weggesperrt lebten – Besucher waren in Alten- und Pflegeeinrichtungen nicht erlaubt, teils durften Menschen, die gar nicht verstanden, was geschah, ihre Zimmer nicht verlassen. Zum Teil leben sie dort nun wieder abgeschottet, wo die Infektionen neu ausgebrochen sind. Der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) zog im Dezember daraus Konsequenzen: Die Bewohner von Pflegeeinrichtungen dürfen in Zukunft nicht mehr durch Besuchsverbote auf diese Weise isoliert werden. Denn es seien zu viele Menschen im ersten Lockdown „vereinsamt“, ihr Zustand habe sich massiv verschlechtert. Der Mainzer Juraprofessor Friedhelm Hufen sieht es ähnlich. Er hat im November ein Gutachten zur Verfassungsmäßigkeit der Besuchsverbote erstellt und kommt zu dem Schluss: „Das Leben ist ein abwägungsfähiges Gut, anders als die Würde.“

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was bedeutet das? Wie ist das Leben abzuwägen? Hufen führt als Beispiel einen allein Sterbenden an. Für den sei das Leben selbst nicht mehr das höchste Gut. Ein schmerzfreier Tod, gute Versorgung und das Sterben im Kreis seiner Liebsten seien oftmals höher anzusiedeln. Aber: Wenn wir daraus schließen, dass – sofern ein Bewohner das für ein würdevolles Sterben wünscht – diese Person sofort und ohne Einschränkungen besucht werden kann, was ist dann mit den anderen Heimbewohnern? Sie werden indirekt auch einer Gefahr ausgesetzt, wenn Besucher ins Haus kommen und vielleicht das Virus in die Einrichtung tragen. Wie ist dann deren Leben abzuwägen? Die Corona-Krise wirft ständig solche unangenehme Fragen auf, das kennen wir auch in anderen Zusammenhängen. Hufen jedenfalls legt den Finger auf einen Punkt, der das Thema „Pflege“ ohnehin bestimmt: Wie sieht würdevolles Altern und Pflegen aus?

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