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Notfallmedizin : Defibrillatoren installiert: Schnelle Hilfe bei gefährlichem Herzflimmern

  • Aktualisiert am

Wie beim Navigationssystem des Autos lenkt eine elektronische Stimme den Unkundigen zum Ziel. Allerdings geht es nicht um den richtigen Weg, sondern um Leben und Tod, wenn ein halbautomatischer Defibrillator zum Einsatz kommt.

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          Wie beim Navigationssystem des Autos lenkt eine elektronische Stimme den Unkundigen zum Ziel. Allerdings geht es nicht um den richtigen Weg, sondern um Leben und Tod, wenn ein halbautomatischer Defibrillator zum Einsatz kommt. 16 dieser Elektroimpulsgeräte, die den plötzlichen Herztod verhindern sollen, wurden unlängst am Frankfurter Flughafen in den Terminals1 und 2 installiert. Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung handelt es sich dabei um eines der größten Projekte zur Frühdefibrillation in Europa. Die Geräte sind in zirka anderthalb Meter hohen, leuchtend roten Ständern untergebracht, etwa so groß wie ein DIN-A4-Buch und leichter als eine Aktentasche.

          Bricht ein Mensch aus unbekannten Gründen plötzlich zusammen, soll schnellstmöglich ein solcher Apparat aus der Halterung genommen werden. Ein geschulter Flughafenmitarbeiter, der in der Nähe des Unfallortes arbeitet, bedient das Gerät, wodurch keine Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes verlorengeht. Beide Flächenelektroden sind mit einem Bild versehen, das genau zeigt, wo sie aufzukleben sind: eine rechts oben auf dem Brustkorb, die zweite links oben. Jetzt muß der An-/Aus-Knopf eingeschaltet werden. Die nächsten Schritte gibt eine Frauenstimme vor. Dann heißt es "Analyse läuft", womit die vollautomatische Auswertung des Elektrokardiogramms (EKG) gemeint ist, oder "Schockabgabe empfohlen" und "rote blinkende Taste drücken". Mehr nicht. Schaden könne man niemandem zufügen, sagt Hans-Joachim Trappe. Der Professor ist Direktor der Medizinischen Universitätsklinik II mit den Schwerpunkten Kardiologie und Angiologie an der Ruhr-Universität Bochum. Falls das EKG in Ordnung sei, leuchte kein Knopf, und es geschehe auch nichts, wenn man draufdrücke. Nur wenn es medizinisch geboten sei, löse der Ersthelfer per Knopfdruck einen Stromstoß aus. Auch für den Helfer sei das nicht gefährlich.

          Das gemeinsame Modellvorhaben von Deutscher Herzstiftung, Deutscher Gesellschaft für Kardiologie und Fraport AG soll unter anderem zeigen, wie viele der zirka 1500 Euro teuren Geräte am Frankfurter Flughafen nötig sind, ob und welche Ausbildung die Ersthelfer für den erfolgreichen Einsatz brauchen. Jede Nutzung wird dokumentiert und von Trappe analysiert, der das Projekt wissenschaftlich begleitet.

          Im nächsten halben Jahr sollen am Flughafen rund 2000 Ersthelfer - 500 Flughafen-Mitarbeiter und 1500 Beamte des Bundesgrenzschutzes - im Umgang mit dem Apparat geschult werden. Dennoch, so Trappe, sei es wichtig, daß viele Bürger von den Defibrillatoren und ihren Anwendungsmöglichkeiten wüßten. Auch deshalb gelte es, viele Menschen entsprechend auszubilden, damit sich die Existenz der Apparate herumspreche. Es nutze wenig, wenn Vorbeieilende damit nur die Frage verbänden: "Was ist das für ein komisches Kästchen?"

          Die "Frühdefibrillation durch Ersthelfer" könne den plötzlichen Herztod in zirka 60 Prozent der Fälle verhindern, während die Überlebenschancen sonst meist unter zehn Prozent lägen, berichtet Trappe und verweist auf Untersuchungen aus Amerika. Forscher aus Amsterdam hingegen bezweifeln den Nutzen. Sie meinen, der Einsatz der Elektroimpulsgeräte verbessere die Überlebenschancen bei Herzstillstand oder Herzrhythmusstörungen kaum. Eine Studie der Universität Glasgow kam ebenfalls zu dem Ergebnis, daß das Anbringen der Geräte an öffentlichen Plätzen wegen des geringen Nutzens fragwürdig sei. Effektiver, so die Forscher, sei es, Polizei oder Wachpersonal besser in Erster Hilfe auszubilden.

          "Das darf man so nicht sagen", entgegnet Trappe und verweist wiederum auf eine andere Untersuchung aus dem Jahr 2000 mit 104 Patienten. Die Überlebensrate von Besuchern der Spielkasinos in Las Vegas, die dort ein Kammerflimmern erlitten hätten, habe dank dem

          Einsatz der halbautomatischen Defibrillatoren durch trainierte Ersthelfer bei mehr als 50 Prozent gelegen. Daher hält Trappe die Elektroimpulsgeräte für "segensreich". Überall, wo viele Menschen zusammenkommen, sollen seiner Ansicht nach Mitarbeiter zu Ersthelfern ausgebildet werden. Auch für die Anwendung durch ungeschulte Laien gebe es erste vielversprechende Studienergebnisse. Im Notfall solle jeder, der sich traue, zum Ersthelfer werden und so Menschenleben retten. Allerdings sollten nach Meinung von Trappe zunächst flächendeckend Ersthelfer in der Handhabung der Geräte ausgebildet werden.

          Die Stadt Frankfurt geht mit gutem Beispiel voran. Gesundheitsdezernent Nikolaus Burggraf (CDU) macht darauf aufmerksam, daß die Stadtverwaltung bereits Ende 2001 mit der Aufstellung solcher Geräte begonnen und betriebliche Ersthelfer ausgebildet habe. So verfügen der Römer, das Gesundheitsamt, das Technische Rathaus, das Ordnungsamt, die Alte Oper und die Branddirektion Frankfurt über solche Apparate. Damit wolle die Stadt Vorbild sein für andere Arbeitgeber und für Kommunen. Besonders an Orten mit großen Menschenansammlungen und in Hochhäusern hält Burggraf die Installation von Defibrillatoren für wichtig. Denn es vergehe zuviel Zeit, bis der Rettungsdienst im 34.Stockwerk eines Wolkenkratzers angekommen sei.

          Einige Banken in Frankfurt besitzen bereits halbautomatische Defibrillatoren, darunter die Europäische Zentralbank, die DZ-Bank und die DGZ-Bank. Wenig sinnvoll ist es allerdings, sich vorsichtshalber für zu Hause ein solches Gerät zuzulegen. Denn Erfahrungen mit der privaten Nutzung liegen noch nicht vor. Deshalb gibt es bisher keine allgemeinen Empfehlungen. Immer noch gilt freilich: Wer mit einem herzkranken Menschen zusammenlebt, sollte die Herz-Lungen-Wiederbelebung lernen. Einen Kursus (Angebote unter www.herzstiftung.de) zu besuchen ist auch dann empfehlenswert, wenn doch ein Defibrillator ins Haus kommt.

          BRIGITTE ROTH

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