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Notaufnahmelager Gießen : Guter Ruf in Flüchtlingskreisen

  • -Aktualisiert am

Lernen für die Integration: Geflüchtete aus Syrien nehmen 2015 am Deutschunterricht des Erstaufnahmelagers teil. Bild: Helmut Fricke

Dass das Gießener Notaufnahmelager im Ausland bekannt ist, liegt auch an der jahrelangen Erfahrung der Stadt mit der Integration.

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          Die Aufnahme von Flüchtlingen hat in der mittelhessischen Universitätsstadt Tradition. Sie reicht zurück bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Entsprechend pragmatisch und unaufgeregt gehen die Gießener mit Neuankömmlingen um. Gewalttätige Übergriffe oder große Demonstrationen gab es nie. Viele Migranten bleiben in Gießen, das prägt das Miteinander.

          Außer der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen, dem früheren Notaufnahmelager, spielt dabei auch die Universität eine Rolle. Der Fachbereich Landwirtschaft ist international ausgerichtet. Viele Studenten kommen aus Afrika. Kameruner bilden die größte Gruppe ausländischer Studenten an der Justus-Liebig-Universität. Hinzu kommt die Tatsache, dass die US-Armee bis 2008 einen großen Standort in Gießen unterhielt. Sei man früher einem Schwarzen „in einer Kneipe begegnet, wusste man nie, ob er ein Flüchtling, ein Student oder ein amerikanischer Soldat war“, erinnert sich Klaus-Dieter Grothe (Die Grünen), seit 30 Jahren Vorstandsmitglied der Flüchtlingshilfe Mittelhessen.

          Die kleinste von drei Aufnahmeeinrichtungen

          Im Laufe der Jahre hat sich die Stadt einen internationalen Ruf erarbeitet. In Mogadischu sei es unter Somaliern, die vor Bürgerkrieg und Diktatur flüchten wollten, ein geflügeltes Wort gewesen, dass sie nach Gießen wollten, erzählt Grothe aus seinen Erfahrungen im Ausland. Nicht nach Europa oder nach Deutschland, sondern konkret nach Gießen. Es sei auch vorgekommen, dass ein Sozialarbeiter in München einem unbegleiteten jugendlichen Somalier eine Bahnfahrkarte nach Gießen in die Hand gedrückt hat mit dem Hinweis, dort würde er am besten betreut. Grund dafür sei natürlich auch die Tatsache gewesen, dass Asylanträge von Migranten aus Somalia und Eritrea vor 2010 ausschließlich in Gießen bearbeitet wurden, schränkt der Grünen-Politiker ein. Das schmälere aber nicht den guten Ruf, den die Stadt in Flüchtlingsfragen genießt.

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          Die Historikerin Jeanette van Laak, von 2008 bis 2016 an der Justus-Liebig-Universität in Gießen tätig, hat in einem Forschungsprojekt die Entwicklung des Notaufnahmelagers von 1945 zur festen Einrichtung 1990 beschrieben und in ihrem Buch „Einrichten im Übergang“ zusammengefasst. Zunächst kamen 1945, damals hatte die Stadt etwa 31.000 Einwohner, rund 100 Heimatvertriebene im Hotel Lenz provisorisch unter sowie 600 im Otto-Eger-Heim für Studenten und 100 in zwei Baracken am Meisenbornweg an der Margaretenhütte hinter dem Bahnhof. Weitere 600 Flüchtlinge wurden in den Landkreis verlegt. Die Gießener war zunächst die kleinste von drei Aufnahmeeinrichtungen in Westdeutschland, gedacht vor allem für Zuwanderung aus der sowjetisch besetzten Zone, später aus der DDR. Da alle dieselbe Sprache sprachen und aus demselben Kulturkreis stammten, war die Integration relativ einfach.

          Gießener machten nicht viel Aufhebens um die Geflüchteten

          Feste Unterkünfte gab es am Meisenbornweg erst von 1956 an. Als der Flüchtlingsstrom nachließ, wurde 1963 das Notaufnahmelager, so die damalige Bezeichnung, in Uelzen geschlossen, das Berliner verkleinert und das Gießener zur zentralen Station. Nach dem Fall der Mauer erfolgte 1990 die Umwidmung für die Aufnahme von Spätaussiedlern. Befragungen der Forschungsgruppe um van Laak ergaben, dass die Gießener nicht viel Aufhebens um die Neuankömmlinge machten, die an der Margaretenhütte quasi vor den Toren der Stadt untergebracht wurden. Sie taten und tun einfach, was nötig ist.

          Von 1993 an kamen keine Spätaussiedler mehr. Zu dem Zeitpunkt erfolgte die Umbenennung in Hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Schwerpunktmäßig wurden nun Asylsuchende untergebracht. Zunächst füllten Flüchtlinge aus dem Jugoslawien-Krieg, meist aus dem Kosovo, das Lager. Nach mehreren Gesetzesänderungen und EU-Absprachen verebbte der Zustrom. Daher wurde Gießen im Jahr 2000 die einzige Erstaufnahmeeinrichtung in Hessen.

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          Bis 2012 war die Belegung gering, erinnert sich Einrichtungsleiter Manfred Becker. Pro Jahr kamen rund 2000 Asylbewerber. Dann sei ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen gewesen. Da die Unterkünfte am Meisenbornweg nicht mehr ausreichten, wurden Räume in der ehemaligen Kaserne an der Rödgener Straße gemietet. 2017 erfolgte der Komplettumzug, der alte Standort wurde aufgegeben.

          Unmut während der Flüchtlingswelle

          Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle im Herbst 2015 stieß der Langmut der Gießener an seine Grenzen. Bei einer maximalen Belegungskapazität von 4000 Personen drängten sich 6000 Neuankömmlinge in den Häuserblocks. Das war einfach zu viel. Unmut machte sich in der Bevölkerung breit. Die zuständige Behörde eröffnete rund 100 Notunterkünfte in den Kreisen, um zeitweise bis zu 27.000 Menschen zu betreuen. 79.788 Personen waren es im gesamten Jahr 2015, berichtet Becker.

          Mittlerweile ist wieder Gelassenheit eingekehrt. Im vergangenen Jahr wurden nur 6653 Flüchtlinge registriert. Dabei habe sich sicherlich die Schließung der Grenzen aufgrund der Corona-Pandemie im Frühjahr ausgewirkt, meint Manfred Becker. Die maximale Belegungskapazität wurde aufgrund der Abstands- und Quarantäneregeln auf 2000 halbiert. Im November 2016 kam das Aus für die Erstaufnahmeeinrichtung mit ihren mehr als 300 Mitarbeitern als eigenständige Behörde. Es folgte die Eingliederung als Abteilung in die Organisation des Regierungspräsidiums Gießen. Die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung heißt seitdem Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen, sagt der Leiter.

          Für die Aufnahme von Flüchtlingen gibt es seiner Ansicht nach in Deutschland keinen besseren Standort als Gießen. „Wir haben Erfahrung, wir haben Tradition. Und die städtischen Behörden ziehen ebenso mit wie die Bevölkerung“, resümiert Manfred Becker zufrieden. Sein Blick in die Zukunft ist jedoch alles andere als rosig. „Solange das Wohlstandsgefälle in der Welt anhält, wird die Migration nicht zurückgehen. Und mittelfristig werden wohl Klimaflüchtlinge hinzukommen“, befürchtet der Experte.

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