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Nordumfahrung von Eltville : Wie die kleine Riviera am Rhein gerettet wurde

  • -Aktualisiert am

Kleineres Übel: Die Eltviller Umgehung zerschneidet die Weinberge, verschont aber das Rheinufer. Bild: Sick, Cornelia

Nach einem erbitterten Streit um die Rheinuferlandschaft wurde vor 25 Jahren die Nordumfahrung von Eltville eröffnet. Die neue Straße durch die Weinberge verhinderte die dauerhafte Trennung der Stadt vom Strom.

          Jede neue Straße hat entschiedene Gegner und enthusiastische Befürworter, aber um kein Projekt im Rheingau und der weiteren Region wurde so erbittert gestritten wie um die Nordumfahrung von Eltville. Zweieinhalb Jahrzehnte lang ging es um nicht weniger als den Untergang des Weinbaus oder die Vernichtung der Rheinuferlandschaft. Das zumindest legten die zugespitzten Argumente einer außerordentlich langwierigen und harten Auseinandersetzung nahe. Am Montag ist es 25 Jahre her, dass der Streit sein Ende fand.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Nach fünf Jahren Bauzeit wurde die sieben Kilometer lange Nordumgehung von Eltville für den Verkehr freigegeben. Drei große und 13 kleinere Talbrücken wurden zur Schonung der Weinbergslandschaft errichtet, rund 136 Millionen Mark (knapp 70 Millionen Euro) investierte der Bund in eine Straße, die heute nicht mehr wegzudenken ist. Sie hat den vorderen Rheingau zu einem der begehrtesten Wohngebiete der Region werden lassen. Wo die zweispurige Verbindung in den Rheingau endet, beginnen im Berufsverkehr die Staus - und die Immobilienpreise bröckeln.

          Das Nadelöhr Eltville umgehen

          Die Straße ist aber nicht nur für die Autofahrer ein Segen, die sich zuvor durch die Gassen von Walluf und Eltville quälen mussten, um hinter Erbach auf die schon gebaute Rheinuferstraße einzuschwenken. Vor allem hat sie der Stadt ihr idyllisches Rheinufer belassen, wo die Promenade unter Platanen bis heute eines der beliebtesten Ziele der Region ist. Kaum vorstellbar, dass dort - wie in Oestrich-Winkel geschehen - direkt entlang des Ufers eine Bundesstraße die Stadt vom Rhein abgeschnitten hätte. Aber genau das war die Planung, die um ein Haar verwirklicht worden wäre und den gesamten Rheingau ärmer gemacht hätte.

          Die Überlegungen für Eltville reichten bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Die Stadtverordneten hatten schon 1949 ihre Wünsche formuliert, aber erst 1958 begann die hessische Straßenbauverwaltung mit den Planungen. Sie mündeten schließlich in fünf mögliche Hauptlinien und 30 Untervarianten, um den Fahrern von täglich bis zu 18.000 Autos das Nadelöhr Eltville zu ersparen. Nach einem langen Planungs- und Diskussionsprozess fand sich die Stadt Eltville vor der Wahl zwischen der Uferlinie direkt am Rhein und einer Nordumfahrung durch und über die Weinberge. Der Kampf konnte beginnen.

          „Todesurteil für eine Landschaft“

          Die Winzer fürchteten, ihrer besten Lagen beraubt zu werden. „Hände weg von den Weinbergen“, formulierten die traditionsreichen Weingüter der Region und sprachen sich entschieden für die Uferlinie aus. Dagegen erhob sich noch heftigerer Widerstand. Der Geschäftsführer der Sektkellerei MM, Erich Kapitzke, der Städtebau-Professor Edmund Gassner und der Herausgeber dieser Zeitung, Karl Korn, gründeten den Verein zum Schutz der Eltville-Wallufer Rheinuferlandschaft, der sich selbst die erste Bürgerinitiative Deutschlands nannte. Sie fand viele Mitstreiter.

          „Todesurteil für eine Landschaft“, titelte beispielsweise die über die Uferstraßenpläne ausführlich berichtende Wochenzeitung „Die Zeit“. Graf Lennart Bernadotte, der Sprecher des Deutschen Rates für Denkmalpflege, warnte vor einer Entwertung des baukulturellen Schatzes von Eltville. Dem damaligen hessischen Wirtschaftsminister Rudi Arndt (SPD) flatterten Petitionen, Bittschriften und Appelle auf den Schreibtisch. „Die Zeit“ empörte sich über den Sozialdemokraten: Arndt wolle Stadt und Strom durch eine Autobahn trennen und setze sich mit blinder Entschlossenheit für die „schlechteste aller Lösungen“ ein, obwohl aus den Wogen des Protestes eine Sturmflut geworden sei.

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