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Nominierung für Bundestagswahl : Die Stunde der Erika Steinbach

Und dann ist die Freude groß: Erika Steinbach kurz nach ihrer Nominierung. Bild: Wonge Bergmann

Die langjährige CDU-Bundestagskandidatin setzt sich noch einmal gegen interne Konkurrenten durch.

          3 Min.

          Es dauert eine knappe Sekunde, dann hat Erika Steinbach die Bedeutung des Satzes verstanden. „Auf Frau Steinbach sind 83Stimmen entfallen“, sagt Versammlungsleiter Boris Rhein. Steinbach hebt die Arme, schlägt die Hände zusammen, lächelt. Die erste Gratulantin umarmt sie von rechts, die zweite von links. Selten haben die Frankfurter Parteifreunde ihre Bundestagsabgeordnete so gelöst gesehen. Dabei hat die 69 Jahre alte Präsidentin des Bundes der Vertriebenen noch nie so hart kämpfen müssen für ihre Bundestagskandidatur. 83 gegen 65 Stimmen - Sieg in der Stichwahl.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Drei Stunden zuvor hätte kaum ein CDU-Mitglied auf einen Sieger wetten mögen. Es ist Samstag, 12 Uhr, im Kulturzentrum Bikuz im Frankfurter Stadtteil Höchst. Zum ersten Mal in der Geschichte des Kreisverbands gibt es drei Bewerber für einen Bundestagswahlkreis. Außer Steinbach, die seit 1990 für Frankfurt im Bundestag sitzt, treten der kulturpolitische Sprecher der Fraktion Thomas Dürbeck und der Vorsitzende der Jungen Union Ulf Homeyer an. Während der 30 Jahre alte Homeyer seine Bewerbung früh bekannt gemacht und mit der Parteiführung abgesprochen hat, entschied der 55 Jahre alte Dürbeck recht kurzfristig und ohne Rückendeckung, sein Glück zu versuchen.

          Stich gegen Seinbach

          Sie reden in alphabetischer Reihenfolge. Dürbeck fängt an. Der selbständige Anwalt, seit 2011 Stadtverordneter, beginnt umständlich. Seine Vita führt er in so vielen Details aus, dass die ersten im Publikum ungehalten werden. Doch dann kommt Dürbeck zu seiner Analyse des Wahlkreises im Südosten der Stadt, und da wird es interessant. „Das ist kein sicherer Wahlkreis für uns“, sagt Dürbeck. Das einstige CDU-Stammland südlich des Mains sei wegen des Fluglärms in Gefahr, in den dicht besiedelten Innenstadt-Bezirken lägen die Grünen-Hochburgen und auch im eher ländlichen Nordosten, sonst „eine Bank für die Partei“, seien die Grünen auf dem Sprung. „Ich weiß nicht, ob man da mit einem stärkeren konservativen Profil gewinnt.“

          Der Stich geht in Richtung Steinbach, die von den drei Bewerber des rechten Parteiflügels der Mittelstandsvereinigung diejenige mit den konservativsten Ansichten ist. Auch dazu fällt Dürbeck etwas Kluges ein. Die CDU müsse „die bürgerlichen Konstanten“ hervorheben. Dazu zählt der Vater dreier Kinder Ehe und Familie, aber auch Kultur, Weltoffenheit, Empathie für andere Länder und den Willen, für den eigenen Lebensunterhalt aufzukommen. Als er das Rednerpult verlässt, gibt es nachdenkliche Gesichter im Saal. Längst sind da die Delegierten des anderen Wahlkreises in den Saal geströmt. Im Schnellverfahren haben sie nebenan den einzigen Bewerber für den westlichen Wahlkreis, Matthias Zimmer, mit 102 von 118 Stimmen wieder nominiert. Hier, im Kampf um den zweiten Wahlkreis, ist es viel spannender.

          Steinbach ist für viele Mitglieder zu selten da

          Als nächstes tritt Ulf Homeyer an. Er federt auf die Bühne, der Anzug sitzt perfekt. Seine Strategie: nicht über das große Ganze reden, sondern den Delegierten sagen, wie er sich die nächsten Monate bis zur Wahl im Herbst vorstellt. Die Sätze sind kurz, die Betonung passt meistens, aber dann schleichen sich zu oft Worte wie „Schlacht“, „Schlachtplan“ und „großartig“ in das Manuskript. „Etwas zu martialisch“ und „zu dick aufgetragen“ - so lauten Reaktionen aus dem Publikum.

          Gleichwohl weiß der junge Mann zu punkten. Applaus bekommt er zum Beispiel, als er sagt: „Politik ist eine Bringschuld, keine Holschuld der Bürger.“ Und auch sein Versprechen, „unermüdlich durch den Wahlkreis“ zu ziehen und „jede erdenkliche Stimme zu holen“, werden exakt so verstanden, wie Homeyer sie gemeint haben dürfte: als Kritik an Erika Steinbach. Die ist für viele CDU-Mitglieder zu selten in Frankfurt.

          Homeyer schmollt nicht

          Steinbach beginnt schwach, verliert sich in der Integrationspolitik und lobt sich dann viel zu sehr für „alles, was ich geleistet habe“. Doch dann zeigt sie sich mit Streifzügen zu Finanzmarktregulierung, Energiewende und Christenverfolgung als erfahrene Bundespolitikerin. Als sie sich gegen eine „politisch korrekte Umgestaltung von Kinderbüchern“ ausspricht und sagt: „Da bleibt vom Struwwelpeter nicht mehr viel übrig“, erntet sie erste Lacher. Als Steinbach für einen „selbstverständlichen Patriotismus“ wirbt, wie er in anderen Ländern üblich sei, nicken nicht nur ihre Anhänger. Mit einer tränenrührend eingeleiteten Anekdote über eine alte Frau, von der sie aus Dankbarkeit auf die Wangen geküsst worden sei, leitet sie das Ende ein: „Liebe Delegierte, Sie müssen mich nicht küssen, aber wenn Sie mir Ihre Stimme geben, dann danke ich Ihnen.“

          Der erste Wahlgang zieht sich. Dann das Ergebnis: Steinbach bekommt 68, Dürbeck 49 und Homeyer 32 Stimmen. Der JU-Vorsitzende ist draußen. Er schmollt nicht, sondern geht zu Steinbach, um ihr alles Gute zu wünschen. Doch wohin zieht es Homeyers Anhänger in der Stichwahl? Zu Steinbach, weil der eigene Mann dann in vier Jahren eine exzellente Chance hätte, für die CDU zu kandidieren? Oder zu Dürbeck, weil Homeyer ja ursprünglich angetreten war, um Steinbach abzulösen? Dann das Ergebnis: Steinbach 83, Dürbeck 65 Stimmen. „Ich freue mich einfach“, sagt Erika Steinbach. Und Thomas Dürbeck sagt, er finde diese Art von Wettbewerb sehr gut. „Vielleicht ermutigt uns das, das häufiger zu machen.“

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